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MA4 Masterarbeit

Über das Unterbewusstsein zu besserem Sex?

Yael Roth untersucht in der Masterarbeit «Über das Unterbewusstsein zu besserem Sex?» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Autosuggestion klingt nach Ratgeberregal. Diese Arbeit prüft sie als therapeutisches Werkzeug bei sexueller Lustlosigkeit — mit neun Frauen über dreissig Tage — und ordnet sie neurowissenschaftlich ein, statt sie zu behaupten.

Warum überhaupt Autosuggestion?

Weil es zu dieser Intervention bei konkret sexuellen Anliegen eine Forschungslücke gibt. Die Autorin arbeitet zunächst den Ursprung der Methode auf, setzt sie zu ähnlichen sexologischen Ansätzen in Beziehung und stellt ihre Grenzen dar.

Der Anschluss an die Sexualtherapie ist dabei enger, als der Begriff vermuten lässt. In embodimentorientierten Verfahren wird über den Körper gearbeitet, und über die Neuroplastizität des Gehirns entstehen neue Verknüpfungen, die für Lernprozesse zentral sind. Diese Prozesse können auch das Unterbewusstsein beeinflussen.

Empirisch gestützt wird das durch Befunde, wonach therapeutische Erfolge mit Veränderungen in der Präfrontalregion des Gehirns einhergehen.

Wie unterscheidet sich das von einer Sexualtherapie?

In der Reihenfolge. In einer Sexualtherapie werden über Gespräche und Übungen zunächst stereotype und soziale Einflüsse auf ein Anliegen wie sexuelle Lustlosigkeit reflektiert und bewusst gemacht.

Bei autosuggestiven Interventionen geht es dagegen darum, neue Glaubenssätze zu lernen, die das Unterbewusstsein auf positive Weise beeinflussen. Der Weg führt nicht über die Einsicht, sondern über die Wiederholung.

Die Arbeit stellt beides nebeneinander, statt eines gegen das andere auszuspielen — als zwei Zugänge zu denselben Lernprozessen.

Was hat die Intervention bewirkt?

Neun Cis-Frauen in hetero- und homosexuellen Beziehungen führten dreissig Tage lang eine autosuggestive Intervention zum Anliegen sexueller Lustlosigkeit durch. Erhoben wurde vorher und nachher über zwei schriftliche halbstandardisierte Fragebogen.

Das Ziel — unbewusste negative Glaubenssätze in positive oder wenigstens realistische umzulenken — gelang bei einem Teil der Frauen gut.

Wer weniger Wirkung berichtete, profitierte dennoch: von der Bewusstmachung ausgewählter Themen im Zusammenhang mit der Lustlosigkeit und davon, klarere Ziele für sich definieren zu können. Auch das ist ein Ergebnis.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Neun Frauen ohne Kontrollgruppe, dreissig Tage, Selbstauskunft über Fragebogen. Das erlaubt keine Wirksamkeitsaussage.

Die Arbeit differenziert allerdings sauber zwischen denen, bei denen die Umdeutung gelang, und denen, bei denen sie ausblieb — und benennt für beide Gruppen, was übrig blieb. Am Schluss reflektiert sie Ansätze zur Weiterentwicklung der Methode für sexologische Anliegen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 132 Seiten. Sie enthält die Herkunft und theoretische Einordnung der Autosuggestion, den neurowissenschaftlichen Hintergrund, die vollständige Intervention sowie die Auswertung der Fragebogen vor und nach den dreissig Tagen.

Methodisches Vorgehen

Die Arbeit stützt sich auf qualitative Interviews und eine Literaturrecherche. Der Volltext umfasst 132 Seiten.

Abstract der Arbeit

Die vorliegende Masterarbeit befasst sich mit der Autosuggestion als therapeutische Methode für sexologische Anliegen. Dafür wurde ihr Ursprung aufgearbeitet, mit ähnlichen (sexologischen) Ansätzen in Bezug gesetzt, und die Grenzen davon dargestellt. Anhand der Recherche wurde weiter eine 30-tägige autosuggestive Intervention zum Anliegen sexueller Lustlosigkeit bei neun Cis-Frauen in hetero- und homosexuellen Beziehungen durchgeführt. Das Erleben mit dem Anliegen vor, sowie auch nach der Intervention wurde mit zwei qualitativen, halbstandardisierten, schriftlichen Fragebogen nach Döring (2022) erörtert. Das Ziel der Studie war, unbewusste, negative Glaubenssätze in Bezug zu sexueller Lustlosigkeit in positive und/ oder realistische umzulenken, was bei einigen Probandinnen gut gelungen ist. Diejenigen, die von weniger Wirkung berichteten, konnten trotzdem von einer Bewusstmachung ausgewählter Themen in Bezug zur sexuellen Lustlosigkeit profitieren und klarere Ziele für sich definieren. Zum Schluss werden in der Arbeit Ansätze zur Weiterentwicklung dieser Methode für sexologische Anliegen anhand der Theorie reflektiert, gemischt mit Erkenntnissen aus der Studie. This master's thesis deals with autosuggestion as a therapeutic method for sexological concerns. To this end, its origins were analyzed, related to similar (sexological) approaches, and the limitations of these approaches were presented. Based on the research, a 30-day autosuggestive intervention was carried out on nine cis-women in heterosexual and homosexual relationships to address the issue of sexual desirelessness. The experience before and after the intervention was evaluated using two qualitative, semi-standardized, written questionnaires according to Döring (2022). The aim of the study was to redirect unconscious, negative beliefs about sexual desirelessness into positive and/ or realistic ones, which was successful for some of the participants. Those who reported less impact were still able to benefit from raising awareness of selected issues relating to loss of sexual desire and defining clearer goals for themselves. Finally, the paper reflects on approaches for the further development of this method for sexological concerns based on theory, mixed with findings from the study.

Yael Roth, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Über das Unterbewusstsein zu besserem Sex? : Eine Untersuchung der Wirkung autosuggestiver Methoden zur Verbesserung sexueller Zufriedenheit

Verfasst von
Yael Roth

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexuelles Verlangen · Erektile Dysfunktion · Sexuelle Zufriedenheit

Lizenz und Nachweis. Yael Roth: «Über das Unterbewusstsein zu besserem Sex? : Eine Untersuchung der Wirkung autosuggestiver Methoden zur Verbesserung sexueller Zufriedenheit». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Frauen mit starkem sexuellen Begehren

Laila Schläfli untersucht in der Masterarbeit «Frauen mit starkem sexuellen Begehren» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Die Forschung zum weiblichen Verlangen fragt fast immer, warum es fehlt. Diese Arbeit dreht die Richtung um und befragt fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren: Was haben sie in ihrer Biografie gemeinsam? Eine einzelne Ursache findet sie nicht — dafür mehrere Faktoren, an denen sich arbeiten lässt.

Gibt es den einen Grund für starkes Begehren?

Nein. Das ist das erste Ergebnis, und es ist wichtiger, als es klingt. In jeder der fünf ausgewerteten Biografien waren andere Faktoren entscheidend. Wer in der Beratung nach der Ursache sucht, sucht nach etwas, das es so nicht gibt.

Die Arbeit ordnet die gefundenen Faktoren stattdessen den Komponenten des Modells Sexocorporel zu — kognitiv, physiologisch, beziehungsdynamisch. Das macht sie für die Praxis brauchbar, weil sich daraus ergibt, wo anzusetzen wäre.

Was im Denken das Begehren stärkt

Ein Befund betrifft die Definition von Sex. Frauen, die mehr als penetrativen Geschlechtsverkehr als Sex verstehen, haben nach dieser Auswertung vermutlich ein stärkeres Begehren. Wer Sexualität eng definiert, engt damit auch die Gelegenheiten ein, bei denen Verlangen entstehen kann.

Zu den Wertvorstellungen aus dem Elternhaus liess sich der erwartete Zusammenhang nicht bestätigen. Auffällig war dafür etwas anderes: Alle fünf Frauen erwähnten ausdrücklich die Zeitschrift «Bravo», teilweise positiv. Die Autorin folgert daraus, dass Gleichaltrige und deren Medien im Jugendalter an Bedeutung gewinnen und die Prägung des Elternhauses ausgleichen können — und dass ein Zugang zu wertfreiem Wissen dem Begehren vermutlich zuträglich ist.

Was der Körper dazu beiträgt

Hier ist der Befund am deutlichsten. Alle befragten Frauen bestätigten den Nutzen der Selbstbefriedigung: Dadurch lernten sie ihren Körper kennen und lernten, zuverlässig den Punkt zu erreichen, ab dem der Orgasmus nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Autorin schliesst daraus, dass regelmässige Selbstbefriedigung das sexuelle Begehren von Frauen stärkt — und ergänzt einen Hinweis, der in der Beratung selten fällt: Es scheint wichtig, dass Frauen die Vagina dabei einbeziehen.

Ein weiterer Faktor ist das erste Mal. Ein positiv erlebter erster Geschlechtsverkehr ist für die Entwicklung des Begehrens bedeutsam, wobei es nach den Schilderungen auch darauf ankommt, in welchem Verhältnis die Frau zu diesem ersten Partner stand.

Was heisst das für die Beratung?

Die Arbeit widerspricht der verbreiteten Annahme, Frauen hätten grundsätzlich weniger Lust auf Sex als Männer. Sie zeigt, dass Frauen ein intensives Verlangen entwickeln können — und benennt Bedingungen, unter denen das geschieht.

Für die Praxis heisst das: Statt nach Störungen zu suchen, lässt sich fragen, wie weit die eigene Definition von Sex reicht, welches Verhältnis eine Frau zur Selbstbefriedigung hat und ob sie dabei ihren ganzen Körper einbezieht. Das sind Ansatzpunkte, keine Diagnosen.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Fünf qualitative Interviews mit heterosexuellen Frauen, die ein starkes Begehren verspüren. Es gibt keine Vergleichsgruppe, und die Autorin formuliert ihre Schlüsse entsprechend vorsichtig — mehrfach steht dort «vermutlich» oder «konnte nicht abschliessend geklärt werden».

Diese Zurückhaltung ist angebracht. Was die Arbeit leistet, ist eine sorgfältig gearbeitete Sammlung von Hypothesen, die es zu prüfen lohnt — nicht der Nachweis von Ursachen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 116 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zum weiblichen Begehren, einen historischen Rückblick auf die weibliche Sexualität, die vollständige Auswertung der fünf Interviews und die Zuordnung aller gefundenen Faktoren zu den Komponenten des Modells Sexocorporel.

Abstract der Arbeit

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Gemeinsamkeiten in der sexuellen Biografie von heterosexuellen Frauen zu identifizieren, die ein starkes sexuelles Verlangen haben. Welche möglichen Faktoren in ihrer Summe zu einem starken sexuellen Begehren führen können, wird mit dieser Arbeit untersucht. Die zugrunde liegende These lautet, dass Frauen in der Lage sind, ein intensives sexuelles Verlangen zu entwickeln – entgegen der verbreiteten Annahme, dass Frauen im Allgemeinen weniger Lust auf Sex haben als Männer (Conley et al., 2011). Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird im ersten Teil dieser Arbeit der aktuelle Wissensstand zum weiblichen Begehren dargestellt und um einem kurzen Rückblick in die Geschichte der weiblichen Sexualität ergänzt. Der zweite Teil erforscht die Fragestellung dieser Arbeit anhand qualitativer Interviews mit fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren. Die Ergebnisse werden anhand des Modells ,Sexocorporel’ analysiert und vorgestellt. The present work aims to identify similarities in the sexual biography of heterosexual women who have a strong sexual desire. This work examines which possible factors in their sum can lead to a strong sexual desire. The underlying thesis is that women are able to develop an intense sexual desire – contrary to the widespread assumption that women generally have less desire for sex than men (Conley et al., 2011). In order to answer the research question, the first part of this work presents the current state of knowledge about female desire and is supplemented by a brief review of the history of female sexuality. The second part explores the question of this work through qualitative interviews with five women who feel a strong sexual desire. The results are analysed and presented using the ,Sexocorporel’ model.

Laila Schläfli, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren

Verfasst von
Laila Schläfli

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexuelles Verlangen · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Laila Schläfli: «Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Erstvaterschaft – Verlust oder Bestärkung der Männlichkeit?

Janine Amrein untersucht in der Masterarbeit «Erstvaterschaft – Verlust oder Bestärkung der Männlichkeit?» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Werdende Väter finden inzwischen Ratgeber und Kurse, die ihnen bei der neuen Rolle helfen. Zur eigenen Männlichkeit und Sexualität nach der Geburt gibt es kaum etwas — dabei ist genau das die verletzliche Stelle. Diese Arbeit zeigt, warum.

Warum ist diese Zeit heikel?

Die Schwangerschaft und die ersten Monate nach der Geburt des ersten Kindes sind nach dieser Arbeit eine vulnerable Zeit. In dieser Phase muss die eigene Männlichkeit in der neuen Rolle neu definiert werden.

Das kann sich unmittelbar auf die Sexualität auswirken — und ein Grund dafür ist besonders aufschlussreich: Erstväter haben den Eindruck, dass sie ihre Bedürfnisse zurückstecken müssen und sie nicht kommunizieren dürfen.

Diese Selbstbeschränkung ist nachvollziehbar und folgenreich zugleich. Wer davon ausgeht, seine Anliegen seien in dieser Situation unzulässig, spricht sie nicht aus — und bearbeitet sie auch nicht.

Was verändert sich konkret?

Die Arbeit betrachtet biologische, psychische und soziale Veränderungen und ihren Einfluss auf drei Grössen, die im Modell Sexocorporel zentral sind: die sexuelle Selbstsicherheit, das Gefühl der Verbindung zum sexuellen Körper und das Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit.

Ausgewertet wurde mit der interpretativen phänomenologischen Analyse — einem Verfahren, das nah am subjektiven Erleben bleibt statt es zu kategorisieren.

Das Ergebnis ist doppelt: Erstvaterschaft kann die Männlichkeit bestärken und sie kann sie infrage stellen. Was eintritt, hängt von individuellen und sozialen Faktoren ab.

Was fehlt im Angebot?

Die Autorin hält fest, dass die Zahl der Ratgeber und der Kurse in Spitälern zunimmt, die werdenden Vätern beim Hineinfinden in die neue Rolle helfen — sie hebt dabei ein Schweizer Projekt ausdrücklich hervor.

Was es kaum gibt, ist Unterstützung bei der eigenen Männlichkeit und Sexualität nach der Geburt: ein Ort, an dem Väter Unsicherheiten, Ängste, Sorgen, Druck und Stress besprechen und reflektieren können.

Genau dort sieht die Arbeit die Aufgabe der Sexualberatung. Das ist eine gut begründete Marktlücke — und eine, die zur Arbeit von Fabienne Studer über die postpartale Sexualität passt, die dieselbe Lücke von der Paarseite her beschreibt.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Qualitative Interviews mit Erstvätern, ausgewertet mit der interpretativen phänomenologischen Analyse. Die Zahl der Befragten ist klein, und wer sich für ein Gespräch über Männlichkeit und Sexualität nach der Geburt meldet, bringt bereits eine gewisse Bereitschaft zur Reflexion mit.

Die Arbeit spricht von einer Korrelation zwischen den Veränderungen und ihren Auswirkungen — nicht von einer nachgewiesenen Ursache. Für die Beratungspraxis ist der Ertrag dennoch klar: Sie benennt, wann die verletzliche Phase liegt und woran sie erkennbar ist.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 93 Seiten. Sie enthält die bio-psycho-soziale Perspektive auf die Erstvaterschaft, die Einordnung in das Modell Sexocorporel, die vollständige Auswertung der Interviews sowie den Überblick über bestehende Angebote für werdende Väter.

Abstract der Arbeit

Diese Masterarbeit untersucht die Auswirkungen der Erstvaterschaft auf die Männ- lichkeit und Sexualität aus einer bio-psycho-sozialen Perspektive sowie aus der Sicht des Modell Sexocorporel. Ziel der qualitativen Forschung ist es, zu verstehen, wie Männer die Veränderungen in ihrem Selbstbild als Mann und ihrer Sexualität nach der Geburt ihres ersten Kindes erleben. Dazu wurden Interviews mit Erstvätern durchgeführt und mittels interpretativer phänomenologischer Analyse (IPA) ausge- wertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Erstvaterschaft sowohl zu einer Bestärkung als auch zu einem Verlust der Männlichkeit führen kann, abhängig von individuellen und sozialen Faktoren. Biologische, psychologische und soziale Veränderungen werden detailliert betrachtet, ebenso wie deren Einfluss auf die sexuelle Selbstsicherheit, das Gefühl der Verbindung zum sexuellen Körper und das Gefühl der Geschlechts- zugehörigkeit. Die Arbeit bietet wertvolle Einblicke in die Herausforderungen und Chancen, die mit der Rolle als Vater einhergehen, und leistet einen Beitrag zum Verständnis der modernen Vaterschaft. This master's thesis examines the effects of first-time fatherhood on masculinity and sexuality from a bio-psycho-social perspective and from the perspective of the sex- ocorporel model. The aim of the qualitative research is to understand how men ex- perience the changes in their self-image as men and their sexuality after the birth of their first child. To this end, interviews were conducted with first-time fathers and evaluated using interpretative phenomenological analysis (IPA). The results show that first-time fatherhood can lead to both an affirmation and a loss of masculinity, depending on individual and social factors. Biological, psychological and social changes are considered in detail, as well as their influence on sexual confidence, the sense of connection to the sexual body and the sense of gender affiliation. The work offers valuable insights into the challenges and opportunities associated with the role of father and contributes to the understanding of modern fatherhood.

Janine Amrein, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Erstvaterschaft – Verlust oder Bestärkung der Männlichkeit? : Qualitative Forschung über die Auswirkung einer Erstvaterschaft auf die Männlichkeit und die Sexualität

Verfasst von
Janine Amrein

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Männlichkeit · Schwangerschaft & Geburt · Selbstwirksamkeit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Janine Amrein: «Erstvaterschaft – Verlust oder Bestärkung der Männlichkeit? : Qualitative Forschung über die Auswirkung einer Erstvaterschaft auf die Männlichkeit und die Sexualität». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen

Mirjam Städeli untersucht in der Masterarbeit «Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Traumatische Kindheitserlebnisse sind häufig, sexuelle Funktionsstörungen ebenfalls. Erklärungsmodelle für den Zusammenhang gibt es zahlreiche — ein begründetes Störungsmodell, das der Komplexität beider gerecht wird, gibt es bis heute nicht. Diese Arbeit verfolgt einen körperlichen Pfad.

Welcher Weg wird untersucht?

Das autonome Nervensystem. Chronisch veränderte Reaktionsmuster hin zu einer Überaktivierung des Kampf- und Fluchtsystems sind eine häufige Traumafolge — und dasselbe Nervensystem versorgt bei Frauen wie Männern den grössten Teil der inneren und äusseren Geschlechtsorgane.

Damit ist es für die sexuelle Reaktionsfähigkeit unverzichtbar. Die Verbindung liegt also nahe, wird aber selten ausbuchstabiert.

Dazu kommt der Erregungsmodus: Erregung lässt sich über Rhythmus, muskuläre Spannung und Bewegung aufbauen und steuern. Die Mehrheit der Menschen erregt sich mit viel Druck und hoher Anspannung — im sogenannten Spannungsmodus.

Was hat die Arbeit gezeigt?

Sie konnte einen Zusammenhang zwischen Veränderungen des autonomen Nervensystems hin zur Aktivierung des Kampf-Flucht-Systems und der Wahl eines Erregungsmodus mit viel Spannung nachzeichnen.

Das ist deshalb bedeutsam, weil zum Erregungsmodus nach Sexocorporel und seinem Verhältnis zum autonomen Nervensystem bislang sehr wenige bis gar keine Untersuchungen vorliegen — und damit auch nicht dazu, wie er sexuelle Funktionsstörungen begünstigen kann.

Für die Praxis heisst das: Wer mit Traumafolgen arbeitet, findet hier eine körperbezogene Erklärung dafür, warum sexuelle Beschwerden auftreten — und einen Ansatzpunkt, der nicht über die Erinnerung läuft, sondern über die Regulation.

Warum fehlt bisher ein Modell?

Weil beide Seiten für sich schon komplex sind. Die Arbeit verweist darauf, dass in der Literatur kein begründetes Störungsmodell existiert, das der Komplexität von Traumatisierungen und sexuellen Funktionsstörungen gerecht wird.

Die vorliegende Untersuchung liefert kein solches Modell — sie prüft einen einzelnen, bislang unbeachteten Pfad. Das ist eine bescheidenere und ehrlichere Zielsetzung.

Für die sexologische Praxis ist der Ertrag gleichwohl konkret: Der Erregungsmodus ist erhebbar und veränderbar. Wo eine Traumageschichte vorliegt, lohnt der Blick darauf.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturrecherche und eine eigene Studie zu Sexualfunktion und Erregungsmodus im Zusammenhang mit traumatischer Stressgeschichte und dem autonomen Nervensystem.

Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Ob die Traumafolge den Erregungsmodus prägt oder ob beides gemeinsam auf etwas Drittes zurückgeht, lässt sich so nicht entscheiden.

Der Wert liegt darin, ein Feld zu betreten, zu dem es kaum Vorarbeiten gibt.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 124 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu traumatischen Kindheitserlebnissen und sexuellen Funktionsstörungen, die physiologischen Grundlagen zum autonomen Nervensystem, die Darstellung des Erregungsmodus nach Sexocorporel sowie die vollständige Auswertung der eigenen Erhebung.

Abstract der Arbeit

Die hier vorgelegte Arbeit hat zum Ziel, den Zusammenhang zwischen traumatischen Kind- heitserlebnissen und sexuellen Funktionsstörungen anhand der Rolle des sexuellen Erre- gungsmodus und des autonomen Nervensystems zu untersuchen. Traumatische Kindheits- erlebnisse sind häufig und können langfristige und verheerende Folgen nach sich ziehen. Ebenso sind sexuelle Funktionsstörungen weit verbreitet. Erklärungsmodelle für die Zu- sammenhänge gibt es zahlreiche. Chronisch veränderte Reaktionsmuster des autonomen Nervensystems hin zu einer Überaktivierung des Kampf-/Fluchtmodus sind eine häufige Folge von traumatischen Erlebnissen. Das autonome Nervensystem ist bei Frauen wie auch Männern zuständig für den Grossteil der Versorgung der inneren und äusseren Ge- schlechtsorgane und essentiell für die sexuelle Reaktionsfähigkeit. Der Mensch kann durch ein Spiel mit Rhythmen, muskulärer Spannung und Bewegung sexuelle Erregung modulie- ren und kontrollieren und sie bis zum orgasmischen Höhepunkt aufbauen. Eine Mehrheit der Menschen erregt sich auf eine Art, die entweder mit viel Druck und/oder hoher körper- licher Anspannung verbunden ist und als Spannungsmodus bezeichnet wird. Die hier vor- gestellte Studie „Sexualfunktion und sexueller Erregungsmodus in Zusammenhang mit traumatischer Stressgeschichte und dem autonomen Nervensystem an einer Stichprobe von Sexocorporel-Studierenden“ untersucht die Zusammenhänge zwischen Herzratenvari- abilitätsmessungen (HRV) und den Antworten auf validierte Fragebögen an einer Stich- probe von 88 ehemaligen oder aktuellen Sexocorporel-Studierenden. Die Resultate zeigen signifikante Zusammenhänge zwischen einem überaktivierten Nervensystem hin zum Kampf-/Fluchtmodus und der Wahl eines sexuellen Erregungsmodus mit viel Spannung. Des Weiteren zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen einem sexuellen Erre- gungsmodus mit viel Spannung und erektilen Einschränkungen. Die Resultate zwischen Herzratenvariabilität und sexuellem Erregungsmodus zeigen gegensätzliche Resultate zur Theorie und zur Hypothese, insofern, dass eine höhere HRV, indikativ für höhere parasym- pathische Aktivierung, mit einem Spannungsmodus einhergeht. Keine signifikanten Resul- tate können zwischen sexuellem Erregungsmodus und dem PEP (premature ejaculation profile) und dem FSFI (female sexual functioning index) gefunden werden. Zukünftige Stu- dien sollen die Zusammenhänge zwischen traumatischen Kindheitserfahrungen und Sexu- alfunktion genauer untersuchen und weitere Forschung, insbesondere zum sexuellen Erre- gungsmodus nach Sexocorporel, betreiben.

Mirjam Städeli, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen : Sexualfunktion und sexueller Erregungsmodus in Zusammenhang mit traumatischen Kindheitserlebnissen und dem autonomen Nervensystem

Verfasst von
Mirjam Städeli

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexualisierte Gewalt · Paarsexualität · Sexuelle Zufriedenheit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Mirjam Städeli: «Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen : Sexualfunktion und sexueller Erregungsmodus in Zusammenhang mit traumatischen Kindheitserlebnissen und dem autonomen Nervensystem». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

«Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung

Eleanor Büchler untersucht in der Masterarbeit «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Neue Männlichkeit» klingt nach Fortschritt und erzeugt zugleich Druck. Diese Arbeit zeigt, dass die widersprüchlichen Anforderungen bis ins sexuelle Erleben durchschlagen — allerdings nicht bei allen Männern gleich. Entscheidend sind die vorhandenen persönlichen Ressourcen.

Wer ist betroffen — und wer nicht?

Die Arbeit bestätigt ihre erste Ausgangsthese: Aktuelle Männlichkeitskonstruktionen im Kontext des emanzipatorischen Diskurses führen bei Männern mit fehlenden persönlichen Ressourcen zu Verunsicherung im Erleben und Gestalten der Paarsexualität.

Der Zusatz ist der Kern. Nicht der Diskurs verunsichert, sondern das Zusammentreffen von widersprüchlichen Erwartungen mit fehlenden Ressourcen. Damit lässt sich erklären, warum bestimmte Männer betroffen sind und andere nicht.

Untersucht wurden cis-heterosexuelle Männer zwischen 30 und 45 in der Schweiz und in Deutschland. Die Arbeit ist auf Englisch verfasst.

Was folgt aus der Verunsicherung?

Die Arbeit arbeitet drei Ebenen heraus: mögliche Ursachen, die daraus folgenden Effekte in Form von Konflikten und Ängsten — und die individuellen Lösungsversuche der Betroffenen.

Diese Dreiteilung macht sie für die Praxis brauchbar. Wer in der Beratung nur die Symptome sieht, übersieht, dass die Lösungsversuche der Männer bereits Teil des Problems sein können.

Aus den Befunden leitet die Arbeit Entwicklungsbereiche ab und beschreibt Methoden und therapeutische Haltungen, die eine nachhaltige Begleitung tragen — teils bestätigt sie damit Bekanntes, teils ergänzt sie es.

Was heisst das für die Sexualtherapie?

Die zweite Ausgangsthese der Arbeit lautet, dass Verunsicherung im sexuellen Erleben von Männern eine differenzierte Betrachtung und Begleitung durch sexualtherapeutische Fachpersonen erfordert — und zwar damit nachhaltige Veränderungen in sexueller Zufriedenheit und sexueller Identität möglich werden.

Der Punkt richtet sich gegen zwei verbreitete Kurzschlüsse. Weder ist Verunsicherung ein Symptom, das sich beheben liesse, noch ist sie eine blosse Zeiterscheinung, die vorübergeht.

Gearbeitet wird aus der sexologischen Praxis nach Desjardins‘ Ansatz Sexocorporel — also körperbezogen und nicht nur über das Gespräch über Rollenbilder.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Eine qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis mit einer klar umrissenen Zielgruppe: cis-heterosexuelle Männer eines bestimmten Alters in zwei Ländern.

Die Erhebung erfolgt aus der Praxis heraus, das heisst über Männer, die bereits in Behandlung sind. Wie verbreitet die beschriebene Verunsicherung ausserhalb dieses Rahmens ist, zeigt die Arbeit nicht.

Ihre Stärke liegt in der Differenzierung. Sie beschreibt nicht «die verunsicherten Männer», sondern unterscheidet, unter welchen Bedingungen Verunsicherung entsteht.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 121 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Sie enthält die Analyse aktueller Männlichkeitskonstruktionen, die qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis sowie die abgeleiteten Entwicklungsbereiche und therapeutischen Haltungen.

Abstract der Arbeit

In today's social context, the construction and perception of masculinity is undergoing profound change. Traditional gender roles and stereotypical expectations are increasingly being questioned and newly interpreted. These developments put forward important questions, particularly with regard to individual self-awareness and the social acceptance of modern masculinities. «New masculinity» as a leitmotif and with overlapping and contradictory expectations towards the contemporary male of today can result in uncertainty about masculinity. The presented paper examines the dynamics of current constructions of masculinity within the context of emancipatory discourse and their specific effects on the sexual experience of cis-heterosexual men aged 30 to 45 in couple sexuality in Switzerland and Germany. The qualitative study of sexological practice according to Desjardins’ approach Sexocorporel, helps to better understand the specific quality of masculine insecurity in sexual experience. The study provides indications as to why certain men are affected contrary to others, what the possible causes could be and which conflicts, anxieties and individual solutions result thereof. From this, on the one hand, areas of development can be derived and, on the other, helpful methods and therapeutic stances for sustainable therapeutic support can be described or confirmed. The study further shows that a salutogenetic approach such as Sexocorporel can support clients in discovering security in their own individuality and freedom from the external parameters of orientational-constraint. More widely accessible sexological expertise could positively complement social and socio-cultural developments, alleviate problematising dynamics surrounding male sexuality and promote individual development and emancipational processes. Uncertainty of one's own masculinity, due to the contemporary constructions of masculinity in the broader context of emancipatory discourse, should be regarded more positively than is currently the case. Uncertainty ought to be seen as integral part of the process towards an authentically experienced, individual male sexual identity.

Eleanor Büchler, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
«Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive

Verfasst von
Eleanor Büchler

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Männlichkeit · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Eleanor Büchler: «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Sexualität und Krebs – Interventionen in der Behandlung

Jeannette Stucki untersucht in der Masterarbeit «Sexualität und Krebs – Interventionen in der Behandlung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Eine Krebserkrankung greift in die Lebensqualität ein, und die Sexualität gehört dazu. Das Angebot ist gewachsen — sichtbar ist es nicht. Diese Erkundungsstudie hat nachgesehen, was es in der Deutschschweiz tatsächlich gibt, und findet ein Muster, das für die Praxis entlastend ist.

Wie sieht das Angebot aus?

In den letzten Jahren hat sich viel getan: Die Bedeutung des Themas wurde erkannt, und das Angebot ist gewachsen. Trotzdem ist es teilweise nach wie vor zu wenig sichtbar und präsent.

Besonders deutlich zeigt sich das dort, wo Betroffene zuerst sind: In Spitälern und Kliniken wird Sexualität nicht als vorrangig angesehen.

Die Folge benennt die Arbeit klar: Betroffene gehen oft erst nach ein paar Jahren in Beratung oder Therapie, um ihre Anliegen zur Sexualität zu besprechen. Jahre, in denen sie damit allein sind.

Gibt es die richtige Behandlung?

Nein — und das ist der für die Praxis wichtigste Befund. Einen klaren Best-Practice-Ansatz gibt es nicht. Je nach Fachperson kommen verschiedene Interventionen zum Einsatz, und diese lassen sich nicht unbedingt auf ein Merkmal der Betroffenen zurückführen.

Daraus folgt etwas Entlastendes: Menschen mit verschiedenen Krebsarten können gleichermassen von einer Sexualberatung profitieren. Es braucht also keine Spezialisierung nach Diagnose.

Was es braucht, ist der Blick auf die einzelne Person — auf das, was sie an Ressourcen und Anknüpfungspunkten mitbringt. Die Diagnose bestimmt nicht das Vorgehen.

Was heisst das für Fachpersonen?

Für die Onkologie ist die Arbeit vor allem eine Orientierung: Sie zeigt, was es gibt und wohin verwiesen werden kann.

Für die Sexualberatung heisst der Befund, dass die eigene Unsicherheit gegenüber onkologischen Krankheitsbildern kein Hinderungsgrund sein muss. Gefragt ist nicht Fachwissen über den Tumor, sondern die Arbeit mit dem, was die Person mitbringt.

Für ein systematischeres Verständnis dessen, was in diesem eher tabuisierten Bereich am besten wirkt, braucht es nach der Autorin eine vertieftere Analyse.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Eine Erkundungsstudie — die Arbeit nennt sich selbst so. Sie kombiniert eine kurze Online-Befragung zum Angebot in der Deutschschweiz mit drei Interviews mit Fachpersonen.

Drei Interviews und eine kurze Befragung ergeben eine Momentaufnahme, keine Bestandsaufnahme. Die Autorin sagt selbst, dass es eine systematischere Betrachtung braucht.

Für eine erste Orientierung in einem Feld, zu dem es kaum Übersichten gibt, ist das angemessen. Mit 62 Seiten ist es eine der kürzeren Arbeiten der Sammlung.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 62 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Sexualität bei Krebserkrankungen, die Ergebnisse der Online-Befragung zum Angebot in der Deutschschweiz sowie die vollständige Auswertung der drei Fachinterviews.

Abstract der Arbeit

Eine Krebserkrankung ist ein einschneidendes Erlebnis für die Betroffenen und deren Umfeld. Eine solche Erkrankung kann Folgen auf die Lebensqualität ha- ben, darunter auch auf die sexuelle Gesundheit. In den letzten Jahrzehnten wurde das Unterstützungsangebot für Betroffene mit sexuellen Anliegen immer stärker ausgebaut, trotzdem sind nach wie vor einige Hürden für umfassende Hilfestellungen vorhanden. Die Auswahl an möglichen Interventionen, um die Betroffenen in ihrer Sexualität zu unterstützen, scheint jedoch gross. Somit stellt sich die Frage, wie das Angebot denn tatsächlich aussieht und ob es vielleicht sogar eine Standardbehandlung gibt, welche Betroffene unabhängig irgend ei- nes Merkmals unterstützt. Um erste Ansätze auf diese Frage zu erhalten, wurde eine Erkundungsstudie mit einer kurzen Online-Befragung zum Angebot in der Deutschschweiz sowie Experteninterviews mit drei Experten und Expertinnen geführt. Es zeigt sich, dass ein Angebot zwar da ist, dies womöglich noch aus- gebaut oder vor allem auch präsenter gemacht werden kann. Einen klaren best- practice Ansatz scheint es nicht zu geben, womöglich helfen verschiedene In- terventionen, um die sexuellen Anliegen nach oder während einer Krebserkran- kung anzugehen. Wichtig dabei ist immer, dass das Individuum mit seinen gan- zen Erfahrungen und Ressourcen berücksichtig wird. Die Erkundungsstudie gibt Anhaltspunkte, um das Angebot und die Wirksamkeit der Interventionen in künf- tiger Forschung genauer zu betrachten.

Jeannette Stucki, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Sexualität und Krebs : Sexualitätsbezogene Interventionen in der Behandlung von Menschen mit einer Krebserkrankung: eine Erkundungsstudie

Verfasst von
Jeannette Stucki

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexualität & Krankheit · Erektile Dysfunktion · Sexualberatung

Lizenz und Nachweis. Jeannette Stucki: «Sexualität und Krebs : Sexualitätsbezogene Interventionen in der Behandlung von Menschen mit einer Krebserkrankung: eine Erkundungsstudie». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Sexuelle Bildung als Allgemeingut im Kontext institutioneller schulischer Arbeit

Rahel Bühler untersucht in der Masterarbeit «Sexuelle Bildung als Allgemeingut im Kontext institutioneller schulischer Arbeit» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Sexualpädagogik in einer Stadtschule und in einer Landgemeinde sind zwei verschiedene Aufgaben. Diese Arbeit untersucht, was es in ländlichen Gemeinden der Deutschschweiz braucht — und liefert am Ende kein Plädoyer, sondern ein Vorgehensraster.

Wovon hängt es ab?

Vier Faktoren bestimmen nach dieser Untersuchung, ob Sexualpädagogik an einer Landschule gelingt: die Ausbildung und Kompetenz der Lehrpersonen, die Unterstützung und Akzeptanz durch die Eltern, die politischen Rahmenbedingungen und die Verfügbarkeit geeigneter Konzepte.

Als zentral erwiesen sich Einstellung und Engagement der Lehrpersonen. Wer gut ausgebildet und motiviert ist, kann entscheidend zu einer offenen Atmosphäre beitragen — und umgekehrt.

Das deckt sich mit anderen Arbeiten dieser Sammlung: Die Haltung der unterrichtenden Person wirkt stärker als der Lehrplan.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Eine grössere, als in Konzepten meist vorgesehen ist. Die Ergebnisse zeigen, dass eine aktive und offene Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus wesentlich ist, um Vorbehalte abzubauen.

Als hilfreiche Instrumente nennt die Arbeit Informationsveranstaltungen und Weiterbildungsangebote — also Formate, die Eltern nicht nur informieren, sondern einbeziehen.

Gerade in ländlichen Gemeinden, wo sich Widerstand schneller organisiert und Fachstellen weiter entfernt sind, ist dieser Punkt keine Nebensache.

Was müsste die Politik tun?

Klare Vorgaben und Leitlinien seitens der Bildungsbehörden erleichtern die Umsetzung, ebenso die Bereitstellung von Ressourcen und Fortbildungsangeboten für Lehrpersonen.

Die Arbeit belässt es nicht bei dieser Forderung. Sie entwickelt am Schluss ein Vorgehensraster für systemische Sexualpädagogik, mit dem eine ländliche Schule ein eigenes Konzept erarbeiten kann. Das ist der Teil, der über die Diagnose hinausgeht.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Ein qualitatives Untersuchungsdesign mit halbstrukturierten Interviews mit Fachpersonen und Schulakteur:innen. Dass mehrere Perspektiven auf dieselbe Lage zusammenkommen, macht das Bild dichter als eine Befragung nur einer Gruppe.

Die Zahl der Befragten ist klein, und die Ergebnisse beziehen sich auf ländliche Gemeinden der Deutschschweiz. Übertragbar auf städtische Verhältnisse oder andere Sprachregionen sind sie nur bedingt — was die Arbeit auch nicht behauptet.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 104 Seiten. Sie enthält die theoretischen Grundlagen sexueller Bildung samt ihrer Bedeutung für sexuelle Gesundheit und Gerechtigkeit, die Analyse sozialer und politischer Herausforderungen, die vollständige Auswertung der Interviews sowie das Vorgehensraster für die Konzeptentwicklung.

Abstract der Arbeit

Diese Masterarbeit untersucht die Situation Sexueller Bildung in ländlichen Gemeinden der Deutschschweiz. Das zentrale Anliegen der Arbeit ist, die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Sexualpädagogik in Schulen dieser Regionen zu analysieren und zu verbes- sern. Die Arbeit beleuchtet die theoretischen Grundlagen von Sexueller Bildung, einschließ- lich ihrer Bedeutung für die sexuelle Gesundheit und Gerechtigkeit. Eine detaillierte Be- trachtung der sozialen und politischen Herausforderungen sowie der institutionellen schuli- schen Arbeit bildet den Hintergrund der Untersuchung. Methodisch stützt sich die Arbeit auf ein qualitatives Untersuchungsdesign. Im Zuge dessen werden halbstrukturierte Interviews mit Expert:innen und Schulakteur:innen durchgeführt. Daraus entsteht ein Bild der Situation anhand von unterschiedlichen Perspektiven. Die Ergebnisse zeigen, dass eine erfolgreiche Sexualpädagogik von mehreren Faktoren abhängt: den politischen Rahmenbedingungen, der Handlungssicherheit der Lehrpersonen, der Vernetzung mit Fachstellen sowie systemi- schen Herangehensweisen. Abschließend wird ein Vorgehensraster für systemische Sexu- alpädagogik erstellt, das die Entwicklung eines Sexualpädagogikkonzepts einer ländlichen Schule erleichtern soll. Diese Masterarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über die Verbesserung der Sexuellen Bildung in ländlichen Regionen und bietet praktische Empfehlungen für die erfolgreiche Implementierung von Sexualpädagogik in Schulen. Durch die Berücksichtigung der spezifischen Herausforderungen ländlicher Gemeinden kann Sexuelle Bildung geför- dert werden, die zur Gesundheit und Gleichstellung in der Bevölkerung beiträgt. (193 Wör- ter, 1488 Zeichen ohne Leerzeichen)

Rahel Bühler, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Sexuelle Bildung als Allgemeingut im Kontext institutioneller schulischer Arbeit : Das Schaffen zielführender Voraussetzungen in der Bevölkerung für gelingende Sexualpädagogik in Schulen ländlicher Gemeinden

Verfasst von
Rahel Bühler

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Institutionelle Begleitung · Sexuelle Bildung · Jugendsexualität

Lizenz und Nachweis. Rahel Bühler: «Sexuelle Bildung als Allgemeingut im Kontext institutioneller schulischer Arbeit : Das Schaffen zielführender Voraussetzungen in der Bevölkerung für gelingende Sexualpädagogik in Schulen ländlicher Gemeinden». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Oh Baby! Let’s talk about sex

Fabienne Studer untersucht in der Masterarbeit «Oh Baby! Let’s talk about sex» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Ein vierwöchiges Online-Programm für Paare nach der Geburt — und nach dem Programm war messbar nichts besser. Diese Arbeit berichtet ihr Nullergebnis offen, und gerade das macht sie brauchbar: Sie zeigt, woran es lag, und was für Paare in dieser Phase wirklich zählt.

Warum ist Sexualität nach der Geburt so schwierig?

Sie verändert sich auf allen Ebenen gleichzeitig — körperlich, psychisch, sozial, partnerschaftlich. Viele Paare, und vor allem Frauen, fühlen sich darauf unzureichend vorbereitet, und im Alltag bleibt das Thema weitgehend tabu.

Die Arbeit richtet den Blick auf die subjektive Wahrnehmung der eigenen und der partnerschaftlichen sexuellen Zufriedenheit — und darauf, ob sich Intimität und die Kommunikation sexueller Bedürfnisse über sexuelle Lernschritte nach dem Modell Sexocorporel steigern lassen.

Was wurde geprüft?

Die Autorin entwickelte eine ungeleitete Online-Selbsthilfe mit Wissensvermittlung, individuellen Übungen und Übungen zu zweit. Gemessen wurde vor und nach dem Programm mit etablierten Instrumenten: der New Sexual Satisfaction Scale in zwei Unterskalen, Globalskalen zur Beziehungszufriedenheit, einem Fragebogen zu sexuellen Bedenken und der Einschätzung der Zufriedenheit des Partners.

An der Vorher-Messung nahmen 41 Personen teil.

Was kam heraus?

Beim Vergleich vorher und nachher zeigte sich in keiner der geprüften Grössen eine bedeutsame Veränderung — weder bei der selbstfokussierten noch bei der partnerfokussierten sexuellen Zufriedenheit, weder bei der Beziehungszufriedenheit noch bei der sexuellen Kommunikation.

Das Programm hat in dieser Untersuchung also nicht gewirkt, oder die Untersuchung konnte eine Wirkung nicht zeigen. Beides ist möglich, und die Arbeit behauptet nichts anderes.

Aufschlussreich ist dagegen die Vorher-Messung. Dort zeigten sich starke Zusammenhänge zwischen sexueller Zufriedenheit einerseits und der Liebe in der Beziehung, der sexuellen Kommunikation, der eingeschätzten Zufriedenheit des Partners und dem Ausmass der Veränderung nach der Geburt andererseits. Wer wissen will, woran es in dieser Phase hängt, findet hier die Antwort — auch ohne dass das Programm sie verändert hätte.

Was folgt daraus?

Die Arbeit zieht zwei Schlüsse. Erstens: Unterstützung müsste früher ansetzen — Angebote, Information und Aufklärung schon vor der Geburt, nicht erst danach.

Zweitens: Die Forschung ist frauenlastig und müsste den Partner einbeziehen. Studien zu den Einflussfaktoren postpartaler sexueller Funktionsstörungen gibt es reichlich; Untersuchungen dazu, wie sich partnerschaftliche Intimität unter Einbezug beider erhalten lässt, kaum.

Und ein Satz, der in der Beratung mehr wert ist als jedes Programm: Frisch gewordenen Eltern hilft es zu wissen, dass sexuelle Schwierigkeiten in dieser Phase weit verbreitet sind.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Stichprobe schrumpfte zwischen Vorher- und Nachher-Messung erheblich, und ein ungeleitetes Selbsthilfeprogramm über vier Wochen ist ein schwacher Eingriff. Ein Nullergebnis unter diesen Bedingungen belegt nicht, dass der Ansatz nicht wirkt.

Die Arbeit ist eine der wenigen, die eine Online-Intervention nach Sexocorporel überhaupt wissenschaftlich geprüft haben — die Autorin weist selbst darauf hin, dass es zum Ansatz nur wenige empirische Belege gibt. Dass sie ein unbequemes Ergebnis vollständig berichtet, statt es zu beschönigen, ist der eigentliche Beitrag.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 119 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zur postpartalen Sexualität, das vollständige Online-Programm, alle eingesetzten Messinstrumente sowie die komplette statistische Auswertung mit Korrelationstabellen und Testergebnissen.

Abstract der Arbeit

Die postpartale Sexualität in einer Partnerschaft ist ein komplexes, vielschichtiges und heraus- forderndes Thema, welches die Individuen auf der physiologischen, psychologischen, sozialen, partnerschaftlichen und sexologischen Ebene unterschiedlich stark prägt. In der Praxis und im Alltag stellt die Thematik rund die postpartale Sexualität noch ein Tabuthema dar. Viele Paare, und vor allem Frauen, fühlen sich auf die Veränderungen in der Sexualität nach der Geburt eines Kindes unzureichend vorbereitet. Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt auf der subjek- tiven Wahrnehmung der eigenen und der partnerschaftlichen sexuellen Zufriedenheit nach der Geburt eines Kindes und der Möglichkeit, die partnerschaftliche Intimität und die Kommuni- kation der sexuellen Bedürfnisse mithilfe von sexuellen Lernschritten anhand des Modell Sexocorporels steigern zu können. Als Unterstützung für diese Forschungsarbeit wurde eine ungeleitete Selbsthilfe mit Wissensvermittlung, individuellen Übungen sowie partnerschaftli- chen Übungen entwickelt und in ihrer Wirksamkeit in Bezug auf die sexuelle Zufriedenheit, die wahrgenommene Nähe und die Kommunikationsfähigkeit geprüft.

Fabienne Studer, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Oh Baby! Let’s talk about sex Online-Selbsthilfe zur Förderung der partnerschaftlichen Sexualität nach der Geburt

Verfasst von
Fabienne Studer

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Schwangerschaft & Geburt · Digitale Medien · Vaginismus · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Fabienne Studer: «Oh Baby! Let’s talk about sex Online-Selbsthilfe zur Förderung der partnerschaftlichen Sexualität nach der Geburt». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

How to Keep it Hot – die Vielfalt des sexuellen Begehrens

Stephanie Dietrich untersucht in der Masterarbeit «How to Keep it Hot – die Vielfalt des sexuellen Begehrens» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Wenn ein Paar unterschiedlich viel Lust hat, lautet der übliche Rat: an der Beziehung arbeiten, mehr Nähe, mehr Intimität. Diese Untersuchung mit 149 Personen findet das Gegenteil. Wer vor allem aus emotionalen Gründen Sex hat, berichtet von weniger Begehren, weniger Zufriedenheit — und erlebt Unterschiede im Verlangen häufiger als Problem.

Worum geht es bei sexuellen Motiven?

Sexuelle Motive sind die Gründe, aus denen Menschen Sex haben. Die Arbeit unterscheidet vier Kategorien: genitale Annäherung (Lust, Erregung, körperliches Verlangen), emotionale Annäherung (Nähe, Verbundenheit, Bestätigung), genitale Vermeidung und emotionale Vermeidung.

Der Blick auf die Motive ist doppelt aufschlussreich. Er zeigt, welche Reize in der sexuellen Lerngeschichte einer Person mit Erregung und Genuss verknüpft wurden — und er hängt messbar mit Begehren, Zufriedenheit und Häufigkeit zusammen.

Was die Zahlen zeigen

Befragt wurden 55 Männer und 94 Frauen in verbindlichen Partnerschaften über einen eigens entwickelten Fragebogen.

Das sexuelle Begehren unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern statistisch bedeutsam, mit einem mittleren Effekt. Bei der Zahl der genannten Motive gibt es dagegen keinen bedeutsamen Unterschied — Frauen nennen im Schnitt sogar etwas mehr.

Der Unterschied liegt in der Zusammensetzung. Genitale Annäherungsmotive machen bei Männern im Schnitt knapp 65 Prozent des persönlichen Motivprofils aus, bei Frauen gut 53 Prozent. Emotionale Vermeidungsmotive wählen Frauen deutlich häufiger.

Der überraschende Befund

Genitale Annäherungsmotive hängen am stärksten mit hohem Begehren zusammen — und ebenso mit sexueller Zufriedenheit, mit der Häufigkeit in der Paarbeziehung und damit, dass Unterschiede im Verlangen unproblematisch erlebt werden.

Für emotionale Annäherungsmotive gilt das Umgekehrte. Je stärker sie das Motivprofil prägen, desto geringer sind Begehren und Zufriedenheit — und desto eher wird eine Begehrensdiskrepanz als Problem erlebt. Die Autorin zieht daraus einen unbequemen Schluss: Die paartherapeutische Bearbeitung von Begehrensproblemen über Nähe und gemeinsame Intimität greift zu kurz.

Ihr Gegenvorschlag ist konkret: Eine therapeutische Arbeit an der Beziehung zur eigenen Genitalität dürfte das Erleben der gemeinsamen Paarsexualität positiver beeinflussen.

Was heisst das für die Paarberatung?

Entscheidend für die sexuelle Zufriedenheit ist nach dieser Untersuchung nicht, ob zwei Menschen gleich viel Lust haben. Entscheidend ist, ob der Unterschied als stimmig und unproblematisch erlebt wird. Paare, die ihn als Problem wahrnehmen, sind mit Beziehung und Paarsexualität tendenziell weniger zufrieden.

Damit verschiebt sich das Beratungsziel. Statt die Häufigkeit anzugleichen, geht es darum, wie das Paar die Differenz deutet — und darum, wie jede Person für sich zur eigenen Erregung und Genitalität steht.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Stichprobe umfasst 149 Personen und ist damit für eine Masterarbeit gross, aber es handelt sich um eine Gelegenheitsstichprobe, nicht um eine repräsentative Auswahl. Der Fragebogen wurde für diese Arbeit neu entwickelt und in einem Probelauf getestet; ein etabliertes, validiertes Instrument ist er nicht.

Die Zusammenhänge sind Korrelationen. Ob genitale Annäherungsmotive das Begehren stärken oder ob starkes Begehren solche Motive hervorbringt, lässt sich aus Querschnittsdaten nicht entscheiden. Die Effektstärken liegen im schwachen bis mittleren Bereich.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 125 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Sie enthält den Forschungsstand zum Auf und Ab des Begehrens in festen Partnerschaften, die Darstellung des Ansatzes Sexocorporel in der Arbeit mit Begehrensanliegen, den entwickelten Fragebogen und die vollständige statistische Auswertung.

Abstract der Arbeit

The master thesis on hand tries to convey the status of current research concerning the ebb and flow of sexual desire in committed relationships. At that, it will explore the connection between sexual desire and sexual satisfaction with a special focus on couples who observe incongruences in desire for sexual connection in their relationship. In addition, it will contemplate and examine the sexual motives and how they influence sexual experiences of people in committed relation- ships. In the following passages the thesis at hand attempts to describe the approach Sexocorporel and how it is employed in sex therapy with clients who want to work on challenges with their sexual desire. A questionnaire was constructed, derived from findings of current research and the frame of reference the approach Sexocorporel offers. To capture sexual desire in a resource- and solution-focused manner according to the approach Sexocorporel, while also taking the multifactorial composition of sexual desire in committed relationships into account, was the goal of said questionnaire. Furthermore, the survey was constructed to investigate the connec- tion between sexual motives that form the basis of sexual desire, and sexual satisfaction in committed couples. The questionnaire was tested in a trial run and afterwards used in an opportunity sample. It was found that there are connections between sexual motives and sexual desire, sexual satisfaction and how problematic sexual incongruences were perceived in committed couples. Some of these connections were gender-specific in their peculiarity and can shape how clients can be approached in sex therapy.

Stephanie Dietrich, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
How to Keep it Hot – Von der Vielfalt des sexuellen Begehrens nach dem Ansatz Sexocorporel

Verfasst von
Stephanie Dietrich

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexuelles Verlangen · Paarsexualität · Verhütung · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Stephanie Dietrich: «How to Keep it Hot – Von der Vielfalt des sexuellen Begehrens nach dem Ansatz Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Sex im Rausch – Chemsex aus sexologischer Sicht

Laura Tschuor untersucht in der Masterarbeit «Sex im Rausch – Chemsex aus sexologischer Sicht» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Wer Chemsex praktiziert, beschreibt Sex ohne Substanzen als langweilig und nicht erfüllend. Das ist der übereinstimmende Befund dieser Arbeit — und daraus folgt ein therapeutischer Ratschlag, der auf den ersten Blick verkehrt wirkt: Sexualität am Anfang der Behandlung gerade nicht zum Thema zu machen.

Was ist Chemsex?

Gezielter Substanzkonsum im sexuellen Kontext von Männern, die Sex mit Männern haben. Die Arbeit untersucht, wie sich der Konsum auf das sexuelle Erleben auswirkt, wie Sexualität ohne Substanzen erlebt wird und aus welchen Motiven Chemsex praktiziert wird.

Grundlage sind semistrukturierte Interviews mit Männern, die Chemsex praktizieren oder praktiziert haben. Auf Anlaufstellen geht die Arbeit ausdrücklich ein — angesichts der Risiken hochpotenter Substanzen ist das keine Nebensache.

Was verändert der Konsum?

Die Substanzen intensivieren sexuelles Verlangen und Wahrnehmung. Bei hochpotenten Drogen geht die Unterscheidung zwischen sexuellem Erleben und Rauscherleben verloren — beides ist nicht mehr trennbar.

Die Aussagen der Befragten stimmen dabei auffallend stark überein und zeigen wenig Varianz. Sexualität ohne Substanzen wird als langweilig und nicht erfüllend wahrgenommen.

Genau darin liegt die therapeutische Schwierigkeit. Wer den Konsum beenden will, steht vor einer Sexualität, die sich im Vergleich flach anfühlt — und das ist kein Motivationsproblem, sondern eine Folge dessen, was im Belohnungssystem gekoppelt wurde.

Warum zuerst nicht über Sexualität sprechen?

Hier liegt die praktisch wichtigste Empfehlung der Arbeit. Bei einem Wunsch nach Drogenabstinenz kann eine sexologische Beratung die Suchttherapie unterstützen — für Achtsamkeit und Wahrnehmung. Zu Beginn aber ausdrücklich ohne Einbezug der Sexualität, um das Verlangen nach der Droge nicht auszulösen.

Die Arbeit stützt sich dabei auf David Fawcett, der die Bedeutung sexueller Abstinenz betont: Sie soll die Entkopplung von Substanzen und Sex in den Hirnstrukturen ermöglichen.

Erst zu gegebener Zeit lassen sich die eigentlichen sexologischen Themen bearbeiten — die Erotisierung des eigenen Geschlechts und die Fähigkeit, über den eigenen Körper Erregung zu steigern und als lustvoll zu erleben. Beides setzt voraus, dass Körperwahrnehmung überhaupt wieder möglich ist.

Was braucht die begleitende Fachperson?

Die Arbeit ist an dieser Stelle ungewöhnlich deutlich. Erstens: Wissen über die Substanzen, ihre Wirkung und die Risikofaktoren. Zweitens: die eigenen Grenzen und die Grenzen der Sexologie kennen und andere Fachbereiche beiziehen.

Drittens — und das ist der heikelste Punkt — muss sich die begleitende Person über ihre eigene Haltung zu Homosexualität, Homonegativität und Grenzüberschreitungen im Klaren sein. Ohne diese Klärung entsteht kein wertfreier Raum.

Die Autorin beschreibt im Schlusswort eine Welt, die von der normativen Gesellschaft ausgegrenzt wird und in der Offenheit keine Selbstverständlichkeit ist. Ihr Schluss: Es braucht Sensibilisierung bei Fachpersonen und einen Raum, in dem gefragt und gesprochen werden kann.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Semistrukturierte Interviews mit einer kleinen Zahl von Männern, ausgewertet nach Mayring. Die Autorin hält selbst fest, dass sich keine allgemeingültige Aussage zur therapeutischen Herangehensweise ableiten lässt.

Die hohe Übereinstimmung der Aussagen ist dabei zweischneidig: Sie spricht für ein stabiles Muster — und sie kann auch daran liegen, dass sich für ein solches Gespräch nur eine bestimmte Gruppe zur Verfügung stellt.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 76 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Chemsex mit Substanzkunde und Risikofaktoren, die vollständige Auswertung der Interviews, den Verweis auf Anlaufstellen und die Ableitungen für die sexualtherapeutische Begleitung.

Abstract der Arbeit

Das Phänomen Chemsex – gezielter Substanzkonsum im sexuellen Kontext von Männern, die Sex mit Männern haben. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, wie sich der Substanzkonsum auf das sexuelle Erleben und die Sexualität ohne Substanzen auswirkt und aus welchen Motiven Chemsex praktiziert wird. Mithilfe semistrukturierter Interviews mit Männern, die Chemsex praktizieren oder praktiziert haben, werden diese Fragen beleuchtet. Aufgrund der hohen Risikofaktoren dieses Phänomens wird ebenfalls auf entsprechende Anlaufstellen Bezug genommen. Der Substanzkonsum intensiviert das sexuelle Verlangen und die Wahrnehmung. Durch den Konsum hochpotenter Drogen wird eine Unterscheidung zwischen sexuellem Erleben und Rauscherleben unmöglich. Die Aussagen der Probanden zeigen eine hohe Übereinstimmung und wenig Varietät. Die Sexualität ohne Substanzen wird als langweilig und nicht erfüllend wahrgenommen. Eine Sensibilisierung für Chemsex bei Fachpersonen ist notwendig; es sollte ein Raum für Aufklärung, Gespräche und Fragen geschaffen werden. The phenomenon of chemsex – targeted substance use in the sexual context of men, who have sex with men. This study examines the effects of substance use on sexual experience and sexuality without substances and the motives for practicing chemsex. Semi- structured interviews with men who practice or have practiced chemsex are used to shed light on these questions. Due to the high risk factors of this phenomenon, reference is also made to appropriate contact points. Substance use intensifies sexual desire and perception. The use of highly potent drugs makes it impossible to distinguish between sexual experience and intoxication. The subjects' statements show a high degree of agreement and little variation. Sexuality without substances is perceived as boring and unfulfilling. Professionals need to be made more aware of chemsex; a space should be created for education, discussions and questions.

Laura Tschuor, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Sex im Rausch : Eine sexologische Sicht auf Chemsex anhand des Modells Sexocorporel

Verfasst von
Laura Tschuor

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Chemsex & Substanzen · Geschlecht & Identität · Verhütung

Lizenz und Nachweis. Laura Tschuor: «Sex im Rausch : Eine sexologische Sicht auf Chemsex anhand des Modells Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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