Janine Amrein untersucht in der Masterarbeit «Erstvaterschaft – Verlust oder Bestärkung der Männlichkeit?» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Werdende Väter finden inzwischen Ratgeber und Kurse, die ihnen bei der neuen Rolle helfen. Zur eigenen Männlichkeit und Sexualität nach der Geburt gibt es kaum etwas — dabei ist genau das die verletzliche Stelle. Diese Arbeit zeigt, warum.
Warum ist diese Zeit heikel?
Die Schwangerschaft und die ersten Monate nach der Geburt des ersten Kindes sind nach dieser Arbeit eine vulnerable Zeit. In dieser Phase muss die eigene Männlichkeit in der neuen Rolle neu definiert werden.
Das kann sich unmittelbar auf die Sexualität auswirken — und ein Grund dafür ist besonders aufschlussreich: Erstväter haben den Eindruck, dass sie ihre Bedürfnisse zurückstecken müssen und sie nicht kommunizieren dürfen.
Diese Selbstbeschränkung ist nachvollziehbar und folgenreich zugleich. Wer davon ausgeht, seine Anliegen seien in dieser Situation unzulässig, spricht sie nicht aus — und bearbeitet sie auch nicht.
Was verändert sich konkret?
Die Arbeit betrachtet biologische, psychische und soziale Veränderungen und ihren Einfluss auf drei Grössen, die im Modell Sexocorporel zentral sind: die sexuelle Selbstsicherheit, das Gefühl der Verbindung zum sexuellen Körper und das Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit.
Ausgewertet wurde mit der interpretativen phänomenologischen Analyse — einem Verfahren, das nah am subjektiven Erleben bleibt statt es zu kategorisieren.
Das Ergebnis ist doppelt: Erstvaterschaft kann die Männlichkeit bestärken und sie kann sie infrage stellen. Was eintritt, hängt von individuellen und sozialen Faktoren ab.
Was fehlt im Angebot?
Die Autorin hält fest, dass die Zahl der Ratgeber und der Kurse in Spitälern zunimmt, die werdenden Vätern beim Hineinfinden in die neue Rolle helfen — sie hebt dabei ein Schweizer Projekt ausdrücklich hervor.
Was es kaum gibt, ist Unterstützung bei der eigenen Männlichkeit und Sexualität nach der Geburt: ein Ort, an dem Väter Unsicherheiten, Ängste, Sorgen, Druck und Stress besprechen und reflektieren können.
Genau dort sieht die Arbeit die Aufgabe der Sexualberatung. Das ist eine gut begründete Marktlücke — und eine, die zur Arbeit von Fabienne Studer über die postpartale Sexualität passt, die dieselbe Lücke von der Paarseite her beschreibt.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Qualitative Interviews mit Erstvätern, ausgewertet mit der interpretativen phänomenologischen Analyse. Die Zahl der Befragten ist klein, und wer sich für ein Gespräch über Männlichkeit und Sexualität nach der Geburt meldet, bringt bereits eine gewisse Bereitschaft zur Reflexion mit.
Die Arbeit spricht von einer Korrelation zwischen den Veränderungen und ihren Auswirkungen — nicht von einer nachgewiesenen Ursache. Für die Beratungspraxis ist der Ertrag dennoch klar: Sie benennt, wann die verletzliche Phase liegt und woran sie erkennbar ist.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 93 Seiten. Sie enthält die bio-psycho-soziale Perspektive auf die Erstvaterschaft, die Einordnung in das Modell Sexocorporel, die vollständige Auswertung der Interviews sowie den Überblick über bestehende Angebote für werdende Väter.
Abstract der Arbeit
Diese Masterarbeit untersucht die Auswirkungen der Erstvaterschaft auf die Männ- lichkeit und Sexualität aus einer bio-psycho-sozialen Perspektive sowie aus der Sicht des Modell Sexocorporel. Ziel der qualitativen Forschung ist es, zu verstehen, wie Männer die Veränderungen in ihrem Selbstbild als Mann und ihrer Sexualität nach der Geburt ihres ersten Kindes erleben. Dazu wurden Interviews mit Erstvätern durchgeführt und mittels interpretativer phänomenologischer Analyse (IPA) ausge- wertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Erstvaterschaft sowohl zu einer Bestärkung als auch zu einem Verlust der Männlichkeit führen kann, abhängig von individuellen und sozialen Faktoren. Biologische, psychologische und soziale Veränderungen werden detailliert betrachtet, ebenso wie deren Einfluss auf die sexuelle Selbstsicherheit, das Gefühl der Verbindung zum sexuellen Körper und das Gefühl der Geschlechts- zugehörigkeit. Die Arbeit bietet wertvolle Einblicke in die Herausforderungen und Chancen, die mit der Rolle als Vater einhergehen, und leistet einen Beitrag zum Verständnis der modernen Vaterschaft. This master's thesis examines the effects of first-time fatherhood on masculinity and sexuality from a bio-psycho-social perspective and from the perspective of the sex- ocorporel model. The aim of the qualitative research is to understand how men ex- perience the changes in their self-image as men and their sexuality after the birth of their first child. To this end, interviews were conducted with first-time fathers and evaluated using interpretative phenomenological analysis (IPA). The results show that first-time fatherhood can lead to both an affirmation and a loss of masculinity, depending on individual and social factors. Biological, psychological and social changes are considered in detail, as well as their influence on sexual confidence, the sense of connection to the sexual body and the sense of gender affiliation. The work offers valuable insights into the challenges and opportunities associated with the role of father and contributes to the understanding of modern fatherhood.
Janine Amrein, Abstract der Masterarbeit, 2024
Angaben zur Arbeit
Titel
Erstvaterschaft – Verlust oder Bestärkung der Männlichkeit? : Qualitative Forschung über die Auswirkung einer Erstvaterschaft auf die Männlichkeit und die Sexualität
Verfasst von
Janine Amrein
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4
Jahr
2024
Themen
Männlichkeit · Schwangerschaft & Geburt · Selbstwirksamkeit · Sexocorporel
Lizenz und Nachweis. Janine Amrein: «Erstvaterschaft – Verlust oder Bestärkung der Männlichkeit? : Qualitative Forschung über die Auswirkung einer Erstvaterschaft auf die Männlichkeit und die Sexualität». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
Verwandte Masterarbeiten
- «Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung — Eleanor Büchler, 2024 (Männlichkeit, Sexocorporel)
- Sexualität junger Männer zwischen tradierten und modernen Geschlechterrollenbildern — Lea von Mühlenen, 2022 (Männlichkeit)
- Abhängigkeitspotenzial von PDE-5-Hemmern bei jungen, gesunden Männern — Nathalie Hirsekorn, 2024 (Männlichkeit)
- Erektile Dysfunktion bei jungen Männern und das Männlichkeitsgefühl — Leandra Gubser, 2025 (Männlichkeit)
Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik