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MA5 Masterarbeit

Sexualberatung mit trans* Personen nach dem Modell Sexocorporel

Andrea Baese untersucht in der Masterarbeit «Sexualberatung mit trans* Personen nach dem Modell Sexocorporel» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Die Beckenbodenmuskulatur wird auch nach der Transition vorhanden sein. Selbst wenn der Penis nicht mehr da ist — die Beckenbodenmuskulatur ist da.» Dieser Satz einer befragten Fachperson erklärt, warum ein körperorientiertes Modell in der Beratung von trans* Personen funktionieren kann. Die Arbeit prüft, wo es trägt und wo es an seine Grenzen kommt.

Warum kommt Sexualität in der Trans*beratung kaum vor?

Drei von vier befragten Fachpersonen geben an, dass Sexualität bei trans* Personen in ihrer Einzelberatung kein grosses Thema ist — oder dass sie dazu noch wenig Praxiserfahrung haben.

Alle vier benennen denselben Grund für die Lücke: In den begleitenden Psychotherapien spielt Sexualität nach ihrer Erfahrung oft keine Rolle. Der Blick richtet sich auf die Transition, auf Diagnostik und Begutachtung, auf medizinische Schritte — das sexuelle Erleben fällt heraus.

Das deckt sich mit dem Ausgangspunkt der Arbeit: Trans* Klient*innen werden im sexualwissenschaftlichen Diskurs und in der Beratungspraxis häufig auf medizinisch-funktionale Perspektiven reduziert.

Wie liesse sich damit arbeiten?

Eine der befragten Fachpersonen bietet ergänzend zur Einzelberatung Gruppenworkshops zu Trans*körperlichkeit und Sexualität an und arbeitet dabei in einem Dreischritt.

Erstens Grounding: ich und mein sexueller Körper — Körperwahrnehmung und Selbstsicherheit. Zweitens ich und die anderen: wie erlebe ich Dating, wie erlebe ich mich, wenn ich mit meinem sexuellen Körper in Kontakt zu anderen gehe. Drittens die Frage, wo mir Sicherheit begegnet und wo Unsicherheit.

Eine andere Fachperson beschreibt, mit einer trans* weiblichen Person mit der ganzen Klaviatur des Modells Sexocorporel gearbeitet zu haben — also nicht mit Anpassungen am Rand, sondern mit dem vollständigen Instrumentarium.

Wo liegen die Grenzen des Modells?

Die Arbeit stellt sie an den Anfang statt sie zu verschweigen: Das Modell Sexocorporel ist historisch hetero-binär geprägt. Die Frage lautet also nicht, ob es passt, sondern was mit welchen Anpassungen möglich wird.

Ihre Antwort fällt differenziert aus. Mit gezielten Adaptionen und kritischer Reflexion öffnen sich Zugänge zu Körpererleben, sexueller Lust und individueller Identitätsgestaltung. Besondere Chancen liegen in der Förderung der Körperwahrnehmung, in der Entwicklung eigener Sexualitätskonzepte und in der Ressourcenaktivierung jenseits normativer Vorstellungen.

Grenzen benennt die Arbeit dort, wo die ursprünglichen binären Konzepte nicht ausreichend überwunden sind. Diese Stellen sind nicht durch Wortwahl zu beheben.

Was heisst das für die Praxis?

Der Ansatzpunkt liegt im Körper, der bleibt. Muskulatur, Atmung, Bewegung, Wahrnehmung — diese Grössen existieren unabhängig davon, welche medizinischen Schritte jemand gegangen ist. Genau darauf zielt das eingangs zitierte Beispiel.

Für cis Beratende formuliert die Arbeit eine zusätzliche Anforderung: die eigene Haltung zu klären und die historische wie persönliche Leidensgeschichte von trans* Personen mitzudenken. Fachwissen allein genügt hier nicht.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Eine theoretische Analyse verbunden mit qualitativen Interviews mit vier Fachpersonen. Befragt wurden also Beratende, nicht trans* Personen selbst — die Arbeit beschreibt die Praxis aus Sicht derer, die sie anbieten.

Dass drei von vier wenig Praxiserfahrung mit sexuellen Anliegen dieser Zielgruppe haben, ist zugleich Befund und Einschränkung: Es zeigt die Versorgungslücke, und es begrenzt, wie viel über gelungene Beratung gesagt werden kann.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 90 Seiten. Sie enthält die kritische Analyse des Modells Sexocorporel auf seine binären Prägungen, den Forschungsstand zu trans*sensibler Beratung, die vollständige Auswertung der Interviews mit Kategoriensystem und Interviewleitfaden sowie die Ableitungen für eine körperzentrierte Beratungspraxis.

Abstract der Arbeit

Diese Arbeit untersucht das Potenzial des körperorientierten Modells Sexocorporel für die Sexualberatung von trans* Personen. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass trans* Klient*innen bislang im sexualwissenschaftlichen Diskurs und in der Beratungspraxis häufig auf medizinisch-funktionale Perspektiven reduziert werden, während körperliche Selbstwahrnehmung und sexuelle Selbstbestimmung wenig Beachtung finden. Im Rahmen einer theoretischen Analyse sowie qualitativer Expert*innen-Interviews wird geprüft, inwiefern das Modell Sexocorporel, trotz seiner historischen hetero-binären Prägung, für eine transsensible und körperzentrierte Beratung nutzbar gemacht werden kann. Die Ergebnisse zeigen, dass durch gezielte Adaptionen und kritische Reflexionen des Modells vielfältige Zugänge zu Körpererleben, sexueller Lust und individueller Identitätsgestaltung für trans* Personen geöffnet werden können. Besondere Chancen liegen in der Förderung von Körperwahrnehmung, der Entwicklung individueller Sexualitätskonzepte sowie der Ressourcenaktivierung jenseits normativer Vorstellungen. Gleichzeitig werden Grenzen des Modells benannt, insbesondere dort, wo ursprüngliche binäre Konzepte nicht ausreichend überwunden werden. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung transsensibler sexualberaterischer Ansätze und formuliert Handlungsempfehlungen für die Praxis. This thesis examines the potential of the body-centered model Sexocorporel in providing sexual counseling for trans* individuals. It addresses the prevalent gap in current practice and research, where trans* clients are often approached from a predominantly medical or functional perspective, while aspects of bodily self-awareness and sexual autonomy are largely overlooked. Through a combination of theoretical analysis and qualitative expert interviews, the study investigates how the Sexocorporel model ꟷ despite its historically binary foundations ꟷ can be critically adapted to support a transsensitive and body-oriented counseling approach. The findings highlight the model’s capacity to foster body awareness, empower sexual agency, and support the development of individualized sexualities beyond normative frameworks. Simultaneously, the study outlines limitations where traditional binary structures remain embedded within the model. Overall, this work contributes to the advancement of transsensitve counseling practices and offers concrete recommendations for a more holistic and affirming approach to sexual health and well-being.

Andrea Baese, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
SEXUALBERATUNG MIT TRANS* PERSONEN MIT DEM MODELL SEXOCORPOREL – Ein körperorientierter Ansatz zur Förderung von Sexualität und Körpererleben bei trans* Personen

Verfasst von
Andrea Baese

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Geschlecht & Identität · Sexualberatung · Körperarbeit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Andrea Baese: «SEXUALBERATUNG MIT TRANS* PERSONEN MIT DEM MODELL SEXOCORPOREL – Ein körperorientierter Ansatz zur Förderung von Sexualität und Körpererleben bei trans* Personen». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA5 Masterarbeit

Konsens in der Sexarbeit

Alexandra Hüsser untersucht in der Masterarbeit «Konsens in der Sexarbeit» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Konsens ist zum Leitbegriff der Debatte über Sexualität geworden. Ausgerechnet denen, die ihn beruflich täglich aushandeln, wird die Fähigkeit dazu regelmässig abgesprochen. Diese Arbeit hat drei Sexarbeitende gefragt, wie sie Einverständnis und Grenzen tatsächlich klären.

Wie wird Konsens in der Sexarbeit verhandelt?

Die Befragten verfügen über ausgeprägte kommunikative und körperbasierte Kompetenzen, mit denen sie Konsens differenziert aushandeln. Die Interviews geben detaillierten Einblick in diese Praktiken und in die Strategien der Grenzverhandlung im beruflichen Alltag.

Das ist mehr als eine Ehrenrettung. Es beschreibt Fähigkeiten, die anderswo mühsam gelehrt werden — und die hier unter Bedingungen entwickelt wurden, unter denen ein Fehler teuer ist.

Was begrenzt diese Aushandlung?

Der zweite Befund fällt nüchterner aus. Die Möglichkeiten konsensueller Gestaltung sind wesentlich durch strukturelle und soziale Rahmenbedingungen geprägt.

Konsensverhandlungen stehen nie für sich. Sie sind in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet und werden durch rechtliche Regulierung, ökonomische Abhängigkeiten und soziale Zugehörigkeiten beeinflusst.

Sexarbeitende agieren damit in einem Spannungsfeld zwischen individueller Handlungsmacht und struktureller Begrenzung — und entwickeln darin Strategien, die Aushandlung aktiv zu gestalten.

Was folgert die Arbeit daraus?

Hier bezieht sie ausdrücklich Position. Repressive Regulierungen, Verbote und stigmatisierende Diskurse stehen nach ihren Befunden dem Ziel entgegen, Konsensprozesse zu stärken.

Nötig seien stattdessen strukturelle Rahmenbedingungen, die auf Entkriminalisierung, rechtliche Absicherung und soziale Anerkennung zielen. Erst wenn Sexarbeit als legitime Form von Arbeit anerkannt werde, könne ein Umfeld entstehen, das Handlungsspielräume tatsächlich erweitert.

Zentral sei dabei der Abbau von Stigmatisierung — weil sie nicht nur individuelle Lebensrealitäten belastet, sondern Sexarbeitende systematisch aus gesellschaftlichen Schutzräumen ausschliesst.

Wie ist die Arbeit angelegt?

Theoretisch stützt sie sich auf die Konsenstheorien von Joris Kern und Maria Dalhoff und entwickelt daraus ein machtkritisches Verständnis von Konsens. Ergänzend zieht sie die Agency-Theorie von Emirbayer und Mische heran, um die Handlungsmacht der Befragten vielschichtig zu erfassen.

Ein zweiter Ausgangspunkt ist die epistemische Ungerechtigkeit, die Sexarbeitende erleben: Ihr Erfahrungswissen bleibt aus wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen weitgehend ausgeschlossen. Diesem Wissen Sichtbarkeit zu verschaffen, ist erklärtes Ziel der Arbeit.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Drei qualitative Interviews, ausgewertet über eine kritische Diskursanalyse und eine Inhaltsanalyse nach Mayring. Drei Personen bilden ein sehr heterogenes Feld nicht ab — Sexarbeit umfasst sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen, Rechtsstellungen und Abhängigkeiten.

Die politischen Schlussfolgerungen sind entsprechend als Position der Arbeit zu lesen, nicht als empirisch abgesicherte Wirkungsaussage. Was die Interviews belegen, ist die Kompetenz der Befragten; was daraus für die Regulierung folgt, ist ein Argument.

Mit 203 Seiten gehört die Arbeit zu den umfangreichsten der Sammlung.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 203 Seiten. Sie enthält die Konsenstheorien im Überblick, die Auseinandersetzung mit Agency und epistemischer Ungerechtigkeit, die vollständige Auswertung der drei Interviews sowie die Diskussion struktureller Rahmenbedingungen.

Abstract der Arbeit

Diese Masterarbeit untersucht, wie Sexarbeitende Konsens in ihrer beruflichen Praxis aus- handeln und welche Strategien sie anwenden, um Einverständnis und Grenzen im Arbeits- kontext zu gestalten. Ausgehend von gesellschaftlichen Debatten um sexuelle Selbstbe- stimmung und Konsens sowie von der epistemischen Ungerechtigkeit, die Sexarbeitende erleben, soll die vorliegende Arbeit zur Sichtbarmachung von Erfahrungswissen beitragen, das bislang weitgehend aus wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen ausge- schlossen bleibt. Auf der theoretischen Grundlage der Konsenstheorien von Joris Kern (2022) und Maria Dalhoff (2021) wird ein machtkritisches Verständnis von Konsens entwi- ckelt. Um diese Prozesse adäquat erfassen zu können, wird ergänzend auf die Agency- Theorie nach Emirbayer und Mische (1998) zurückgegriffen, um die Agency der Befragten vielschichtig erfassen zu können. Die empirische Untersuchung basiert auf drei qualitativen Interviews mit Sexarbeitenden. Methodisch stützt sich die Arbeit auf eine kritische Dis- kursanalyse sowie eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2014). Die Ergebnisse zei- gen, dass Sexarbeitende über spezifische kommunikative und körperbasierte Kompeten- zen verfügen, mit denen sie Konsens im beruflichen Handeln differenziert verhandeln. Zu- gleich werden diese Aushandlungsprozesse wesentlich durch strukturelle Faktoren wie rechtliche Unsicherheit, soziale Stigmatisierung und ökonomische Rahmenbedingungen geprägt. Die Arbeit plädiert für eine Erweiterung bestehender Konsenstheorien um praxis- theoretische und machtkritische Perspektiven sowie für gesellschaftliche Rahmenbedin- gungen, die die Handlungsspielräume von Sexarbeitenden stärken und ihre Erfahrungen in konsensuelle Diskurse einbeziehen.

Alexandra Hüsser, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
Konsens in der Sexarbeit – Wie Sexarbeitende Konsens und Grenzen in ihrer Arbeit verhandeln

Verfasst von
Alexandra Hüsser

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Sexarbeit · Sexuelle Kommunikation · Geschlecht & Identität

Lizenz und Nachweis. Alexandra Hüsser: «Konsens in der Sexarbeit – Wie Sexarbeitende Konsens und Grenzen in ihrer Arbeit verhandeln». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA5 Masterarbeit

Nicht-Binarität in der Sexualtherapie

Caroline Schenk untersucht in der Masterarbeit «Nicht-Binarität in der Sexualtherapie» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Das «Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit» ist ein Kernbegriff des Modells Sexocorporel — und er setzt voraus, dass es eine Zugehörigkeit gibt, zu der man sich zugehörig fühlen kann. Diese Arbeit prüft, was mit dem Konzept geschieht, wenn eine Person sich keiner der beiden Kategorien zuordnet. Ihre Antwort beginnt bei einem einzigen Buchstaben.

Was ändert ein Wort?

Aus dem «Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit» wird das «Gefühl der Geschlechterzugehörigkeit». Die Änderung ist minimal und folgenreich: Der Plural schliesst mehrere Geschlechterrealitäten ein, wo der Singular eine voraussetzt.

Zwei weitere Begriffe haben sich in der Praxis als hilfreich erwiesen — das Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen sexuellen Körper und das Gefühl der Zugehörigkeit zur eigenen Gendergruppe.

Damit verschiebt sich der Fokus weg von der Geschlechtsidentität hin zum individuellen Erleben: im eigenen Körper, mit den eigenen Genitalien, und in Bezug auf andere Menschen. Die begriffliche Änderung allein öffnet den Blick weg von einer binären Ordnung und weg von einem Richtig und Falsch.

Reicht die neue Sprache?

Nein — und das ist die wichtigste Erkenntnis der Arbeit. Obwohl die befragten Fachpersonen die Begriffe unterschiedlich anpassten und nutzten, zeigte sich eine Konstante: Alle hatten sich im Lauf ihrer Praxis eine trans*sensible Haltung erarbeitet.

Die Autorin formuliert den Schluss unmissverständlich: Eine sprachliche Veränderung bewegt nichts, wenn sich die Einstellung dahinter nicht mitverändert. Kein Konzept steht für sich allein — jedes ist mit der Person verbunden, die es anwendet.

Menschenbild, Haltung, Wissen, Privilegien, Lebenserfahrung und auch Unsicherheiten schwingen dabei jederzeit mit. Eine geschlechtersensible Sexualtherapie setzt deshalb voraus, dass das Konzept kritisch reflektiert und differenziert eingesetzt wird.

Was heisst das für die Arbeit mit nichtbinären Menschen?

Körperzentrierte Interventionen schätzt die Arbeit grundsätzlich als hilfreich ein — unter einer Bedingung: Sie müssen individuell angepasst und sensibel gestaltet sein.

Das ist kein Vorbehalt aus Vorsicht. Wer mit einem Modell arbeitet, das binär entstanden ist, muss wissen, an welchen Stellen es Erwartungen mitbringt, die im Gespräch nichts zu suchen haben.

Bemerkenswert ist, wie viel Erfahrungswissen bei den Fachpersonen bereits vorliegt. Die Arbeit macht es sichtbar und ordnet es — was sie für die Ausbildung ebenso brauchbar macht wie für die Praxis.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Fünf Interviews mit Fachpersonen, qualitativ ausgewertet. Befragt wurden Therapeut*innen, nicht nichtbinäre Klient*innen — die Arbeit beschreibt also, wie Fachpersonen das Konzept anwenden und anpassen, nicht wie es erlebt wird.

Als Beitrag zur Weiterentwicklung eines Modells ist das die passende Perspektive. Für die Frage, ob nichtbinäre Menschen sich in der Beratung wiederfinden, bräuchte es eine zweite Arbeit.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 76 Seiten. Sie enthält die kritische Reflexion des Konzepts «Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit» auf seine binären und heteronormativen Prägungen, die vollständige Auswertung der fünf Interviews und Impulse für eine geschlechtersensible Weiterentwicklung des Modells.

Abstract der Arbeit

Die vorliegende Masterarbeit untersucht, wie das Konzept des Gefühls der Geschlechtszu- gehörigkeit (GdG) nach dem Modell Sexocorporel in der sexualtherapeutischen Begleitung nichtbinärer Menschen angewendet werden kann. Der Hintergrund der Arbeit ist eine kriti- sche Reflexion potenzieller binärer und heteronormativer Prägungen des Modells. Auf die- ser Grundlage wurden fünf Interviews mit Expert*innen durchgeführt und qualitativ ausge- wertet. Anliegen der Arbeit ist es, die Anwendbarkeit des GdG kritisch zu reflektieren und Impulse für eine geschlechtersensible Weiterentwicklung des Modells zu geben. Hierdurch soll ein Beitrag dazu geleistet werden, dass geschlechtliche Vielfalt in Theorie, Praxis und Ausbildung bewusster reflektiert und differenzierter berücksichtigt wird. Die Ergebnisse zei- gen, dass das ursprüngliche GdG Konzept normativ geprägt ist. Es kann jedoch durch Wei- terentwicklungen, wie beispielsweise dem Gefühl der Zugehörigkeit zum sexuellen Körper und dem Gefühl der Zugehörigkeit zur eigenen Gendergruppe, an geschlechtliche Vielfalt anschlussfähig gemacht werden. Körperzentrierte Interventionen werden in der Arbeit mit nichtbinären Menschen grundsätzlich als hilfreich eingeschätzt, wenn sie individuell ange- passt und sensibel gestaltet werden. Als zentral für eine gelingende Begleitung erweist sich die Haltung und das Menschenbild der Fachperson, welche die therapeutische Arbeit mit dem Modell prägen. Die Arbeit leistet einen praxisnahen Beitrag zur Weiterentwicklung ei- ner inklusiven, geschlechterreflektierten Sexualtherapie und Beratung.

Caroline Schenk, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
Nicht-Binarität in der Sexualtherapie – Zum Umgang des Gefühls der Geschlechtszugehörigkeit nach Sexocorporel

Verfasst von
Caroline Schenk

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Geschlecht & Identität · Sexualtherapie · Körperarbeit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Caroline Schenk: «Nicht-Binarität in der Sexualtherapie – Zum Umgang des Gefühls der Geschlechtszugehörigkeit nach Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA5 Masterarbeit

Jenseits der Nymphomanie – dranghafte Sexualität bei Frauen

Karoline de Falco untersucht in der Masterarbeit «Jenseits der Nymphomanie – dranghafte Sexualität bei Frauen» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Männer melden sich mit einer Selbstdiagnose: sexsüchtig, pornosüchtig. Frauen tun das fast nie. Sie sagen «ich habe es nicht im Griff», «es überwältigt mich», «es zerstört meine Beziehung» — und meist erst nach Monaten, wenn sie wegen etwas anderem gekommen sind. Diese Arbeit hat Fachpersonen befragt, wie dranghafte Sexualität bei Frauen in der Praxis überhaupt sichtbar wird und was dann hilft.

Warum kommt das Thema so selten zur Sprache?

Nach Auskunft der befragten Fachpersonen melden sich Klientinnen fast nie mit dem ausdrücklichen Anliegen einer dranghaften Sexualität. Im Vordergrund stehen zunächst andere Themen: Lustlosigkeit, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Vaginismus oder die Verarbeitung übergriffiger Erfahrungen. Erst im Verlauf der Therapie rückt die Dranghaftigkeit in den Blick.

Eine Fachperson berichtet, sie habe es nur ein einziges Mal erlebt, dass jemand sich damit gemeldet habe. Der Grund liegt nicht darin, dass es das Phänomen nicht gäbe, sondern in der Scham: Frauen verbergen solches Verhalten lange, aus Angst vor Verurteilung. Das ist der deutlichste Geschlechterunterschied, den die Arbeit herausarbeitet — und er hat Folgen dafür, wer überhaupt Hilfe bekommt.

Was steht hinter dem Verhalten?

Die befragten Therapeut*innen beschreiben dranghafte Sexualität bei Frauen selten als isoliertes Phänomen. Häufig steht sie in Verbindung mit anderen psychischen Belastungen — genannt wird unter anderem eine Borderline-Diagnostik, verbunden mit riskanten Kontakten und fehlendem Selbstschutz.

Eine zentrale Rolle spielen traumatische Erfahrungen in der Biografie. Sie wirken auf Selbstbild und emotionale Regulation und führen zu Mustern, die die Betroffenen in belastende Lagen bringen. Eine Fachperson schildert eine Klientin, die eigentlich Panik hatte und sie übersetzte, indem sie alles sexualisierte — es war ihre Hauptstrategie, die Angst vor erneuter Traumatisierung zu überwinden.

Daraus folgt für die Praxis die Zusammenarbeit: Häufig laufen Traumatherapie und Sexualtherapie parallel, in Co-Therapie zweier Fachpersonen.

Was hilft?

Die Arbeit kommt zu einem klaren Ergebnis: Körperzentrierte Interventionen sind ein wichtiger Zugang. Präsenz- und Wahrnehmungsübungen ermöglichen ein Bewusstsein für den eigenen Körper und für die Logik hinter dem eigenen Verhalten.

Der Grund dafür ist einleuchtend: Emotionale und kognitive Vorgänge werden unmittelbar körperlich erlebt. Wer nur kognitiv arbeitet, erreicht die Ebene nicht, auf der das Muster läuft. Körperzentrierte Arbeit erlaubt es, Wahrnehmung, emotionale Regulation und Impulskontrolle zusammenzubringen.

Ebenso wichtig ist die Haltung. Die Fachpersonen betonen Normalisierung und Enttabuisierung, um Druck und Scham zu mindern. Eine Interviewpartnerin bringt es so auf den Punkt: Man müsse aufhören, Moralpolizei zu spielen, und stattdessen fragen, was der Mensch brauche, damit es ihm besser gehe. Manchmal wirke schon die moralische Entlastung.

Was heisst das für die Beratung?

Drei Konsequenzen ergeben sich unmittelbar. Erstens: Wer nur auf das Anliegen hört, mit dem eine Frau kommt, wird dranghafte Sexualität selten finden — sie zeigt sich hinter Lustlosigkeit und Schmerz.

Zweitens: Die Frage nach der Biografie ist keine Nebensache. Wo Trauma im Spiel ist, braucht es Zusammenarbeit statt Alleingang.

Drittens: Der therapeutische Prozess zielt nicht auf Reduktion des Verhaltens, sondern auf das Verstehen der individuellen sexuellen Logik und auf eine gestärkte Körperwahrnehmung — mit dem Ziel einer lustvollen und selbstbestimmten Sexualität.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Arbeit stützt sich auf Leitfadeninterviews mit Fachpersonen, nicht auf Betroffene selbst. Sie beschreibt also, wie Therapeut*innen das Phänomen wahrnehmen — was gerade bei einem Thema, das lange verborgen bleibt, eine wichtige Einschränkung ist.

Die Autorin benennt zudem die grössere Lücke: Zur Wirksamkeit und zu den Wirkmechanismen körperzentrierter Ansätze fehlt systematische empirische Forschung. Als künftiges Feld nennt sie digitale Formate wie Apps und Tagebuchfunktionen, mit denen sich Emotionen und Erregungsmuster dokumentieren und therapeutisch nutzen liessen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 66 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Sie enthält den Forschungsstand zu zwanghaftem Sexualverhalten, die vollständige Auswertung der Interviews mit wörtlichen Zitaten und die Ableitungen für körperzentrierte Interventionen.

Abstract der Arbeit

This master’s thesis focuses on compulsive sexuality in women and explores its therapeutic treatment based on the Sexocorporel model. Central to the study is how professionals perceive and address the phenomenon in clinical practice and what experiences they have with body-centered interventions. Guided expert interviews were conducted to examine how compulsive sexuality is named, understood, and treated in therapeutic settings. The findings show that compulsive sexual behavior is often experienced as a dysfunctional yet comprehensible coping strategy to regulate emotional tension. The therapeutic process emphasizes understanding the individual sexual logic and enhancing body awareness in order to foster pleasurable and self-determined sexuality. The results provide insights into key change processes and highlight the potential of body-based interventions within a resource- oriented sexological framework.

Karoline de Falco, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
Jenseits der Nymphomanie – Eine Untersuchung zur Behandlung dranghafter Sexualität bei Frauen basierend auf dem Modell Sexocorporel

Verfasst von
Karoline de Falco

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Pornografie · Geschlecht & Identität · Recht & Ethik · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Karoline de Falco: «Jenseits der Nymphomanie – Eine Untersuchung zur Behandlung dranghafter Sexualität bei Frauen basierend auf dem Modell Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

«Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung

Eleanor Büchler untersucht in der Masterarbeit «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Neue Männlichkeit» klingt nach Fortschritt und erzeugt zugleich Druck. Diese Arbeit zeigt, dass die widersprüchlichen Anforderungen bis ins sexuelle Erleben durchschlagen — allerdings nicht bei allen Männern gleich. Entscheidend sind die vorhandenen persönlichen Ressourcen.

Wer ist betroffen — und wer nicht?

Die Arbeit bestätigt ihre erste Ausgangsthese: Aktuelle Männlichkeitskonstruktionen im Kontext des emanzipatorischen Diskurses führen bei Männern mit fehlenden persönlichen Ressourcen zu Verunsicherung im Erleben und Gestalten der Paarsexualität.

Der Zusatz ist der Kern. Nicht der Diskurs verunsichert, sondern das Zusammentreffen von widersprüchlichen Erwartungen mit fehlenden Ressourcen. Damit lässt sich erklären, warum bestimmte Männer betroffen sind und andere nicht.

Untersucht wurden cis-heterosexuelle Männer zwischen 30 und 45 in der Schweiz und in Deutschland. Die Arbeit ist auf Englisch verfasst.

Was folgt aus der Verunsicherung?

Die Arbeit arbeitet drei Ebenen heraus: mögliche Ursachen, die daraus folgenden Effekte in Form von Konflikten und Ängsten — und die individuellen Lösungsversuche der Betroffenen.

Diese Dreiteilung macht sie für die Praxis brauchbar. Wer in der Beratung nur die Symptome sieht, übersieht, dass die Lösungsversuche der Männer bereits Teil des Problems sein können.

Aus den Befunden leitet die Arbeit Entwicklungsbereiche ab und beschreibt Methoden und therapeutische Haltungen, die eine nachhaltige Begleitung tragen — teils bestätigt sie damit Bekanntes, teils ergänzt sie es.

Was heisst das für die Sexualtherapie?

Die zweite Ausgangsthese der Arbeit lautet, dass Verunsicherung im sexuellen Erleben von Männern eine differenzierte Betrachtung und Begleitung durch sexualtherapeutische Fachpersonen erfordert — und zwar damit nachhaltige Veränderungen in sexueller Zufriedenheit und sexueller Identität möglich werden.

Der Punkt richtet sich gegen zwei verbreitete Kurzschlüsse. Weder ist Verunsicherung ein Symptom, das sich beheben liesse, noch ist sie eine blosse Zeiterscheinung, die vorübergeht.

Gearbeitet wird aus der sexologischen Praxis nach Desjardins‘ Ansatz Sexocorporel — also körperbezogen und nicht nur über das Gespräch über Rollenbilder.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Eine qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis mit einer klar umrissenen Zielgruppe: cis-heterosexuelle Männer eines bestimmten Alters in zwei Ländern.

Die Erhebung erfolgt aus der Praxis heraus, das heisst über Männer, die bereits in Behandlung sind. Wie verbreitet die beschriebene Verunsicherung ausserhalb dieses Rahmens ist, zeigt die Arbeit nicht.

Ihre Stärke liegt in der Differenzierung. Sie beschreibt nicht «die verunsicherten Männer», sondern unterscheidet, unter welchen Bedingungen Verunsicherung entsteht.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 121 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Sie enthält die Analyse aktueller Männlichkeitskonstruktionen, die qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis sowie die abgeleiteten Entwicklungsbereiche und therapeutischen Haltungen.

Abstract der Arbeit

In today's social context, the construction and perception of masculinity is undergoing profound change. Traditional gender roles and stereotypical expectations are increasingly being questioned and newly interpreted. These developments put forward important questions, particularly with regard to individual self-awareness and the social acceptance of modern masculinities. «New masculinity» as a leitmotif and with overlapping and contradictory expectations towards the contemporary male of today can result in uncertainty about masculinity. The presented paper examines the dynamics of current constructions of masculinity within the context of emancipatory discourse and their specific effects on the sexual experience of cis-heterosexual men aged 30 to 45 in couple sexuality in Switzerland and Germany. The qualitative study of sexological practice according to Desjardins’ approach Sexocorporel, helps to better understand the specific quality of masculine insecurity in sexual experience. The study provides indications as to why certain men are affected contrary to others, what the possible causes could be and which conflicts, anxieties and individual solutions result thereof. From this, on the one hand, areas of development can be derived and, on the other, helpful methods and therapeutic stances for sustainable therapeutic support can be described or confirmed. The study further shows that a salutogenetic approach such as Sexocorporel can support clients in discovering security in their own individuality and freedom from the external parameters of orientational-constraint. More widely accessible sexological expertise could positively complement social and socio-cultural developments, alleviate problematising dynamics surrounding male sexuality and promote individual development and emancipational processes. Uncertainty of one's own masculinity, due to the contemporary constructions of masculinity in the broader context of emancipatory discourse, should be regarded more positively than is currently the case. Uncertainty ought to be seen as integral part of the process towards an authentically experienced, individual male sexual identity.

Eleanor Büchler, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
«Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive

Verfasst von
Eleanor Büchler

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Männlichkeit · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Eleanor Büchler: «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Frauen mit starkem sexuellen Begehren

Laila Schläfli untersucht in der Masterarbeit «Frauen mit starkem sexuellen Begehren» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Die Forschung zum weiblichen Verlangen fragt fast immer, warum es fehlt. Diese Arbeit dreht die Richtung um und befragt fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren: Was haben sie in ihrer Biografie gemeinsam? Eine einzelne Ursache findet sie nicht — dafür mehrere Faktoren, an denen sich arbeiten lässt.

Gibt es den einen Grund für starkes Begehren?

Nein. Das ist das erste Ergebnis, und es ist wichtiger, als es klingt. In jeder der fünf ausgewerteten Biografien waren andere Faktoren entscheidend. Wer in der Beratung nach der Ursache sucht, sucht nach etwas, das es so nicht gibt.

Die Arbeit ordnet die gefundenen Faktoren stattdessen den Komponenten des Modells Sexocorporel zu — kognitiv, physiologisch, beziehungsdynamisch. Das macht sie für die Praxis brauchbar, weil sich daraus ergibt, wo anzusetzen wäre.

Was im Denken das Begehren stärkt

Ein Befund betrifft die Definition von Sex. Frauen, die mehr als penetrativen Geschlechtsverkehr als Sex verstehen, haben nach dieser Auswertung vermutlich ein stärkeres Begehren. Wer Sexualität eng definiert, engt damit auch die Gelegenheiten ein, bei denen Verlangen entstehen kann.

Zu den Wertvorstellungen aus dem Elternhaus liess sich der erwartete Zusammenhang nicht bestätigen. Auffällig war dafür etwas anderes: Alle fünf Frauen erwähnten ausdrücklich die Zeitschrift «Bravo», teilweise positiv. Die Autorin folgert daraus, dass Gleichaltrige und deren Medien im Jugendalter an Bedeutung gewinnen und die Prägung des Elternhauses ausgleichen können — und dass ein Zugang zu wertfreiem Wissen dem Begehren vermutlich zuträglich ist.

Was der Körper dazu beiträgt

Hier ist der Befund am deutlichsten. Alle befragten Frauen bestätigten den Nutzen der Selbstbefriedigung: Dadurch lernten sie ihren Körper kennen und lernten, zuverlässig den Punkt zu erreichen, ab dem der Orgasmus nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Autorin schliesst daraus, dass regelmässige Selbstbefriedigung das sexuelle Begehren von Frauen stärkt — und ergänzt einen Hinweis, der in der Beratung selten fällt: Es scheint wichtig, dass Frauen die Vagina dabei einbeziehen.

Ein weiterer Faktor ist das erste Mal. Ein positiv erlebter erster Geschlechtsverkehr ist für die Entwicklung des Begehrens bedeutsam, wobei es nach den Schilderungen auch darauf ankommt, in welchem Verhältnis die Frau zu diesem ersten Partner stand.

Was heisst das für die Beratung?

Die Arbeit widerspricht der verbreiteten Annahme, Frauen hätten grundsätzlich weniger Lust auf Sex als Männer. Sie zeigt, dass Frauen ein intensives Verlangen entwickeln können — und benennt Bedingungen, unter denen das geschieht.

Für die Praxis heisst das: Statt nach Störungen zu suchen, lässt sich fragen, wie weit die eigene Definition von Sex reicht, welches Verhältnis eine Frau zur Selbstbefriedigung hat und ob sie dabei ihren ganzen Körper einbezieht. Das sind Ansatzpunkte, keine Diagnosen.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Fünf qualitative Interviews mit heterosexuellen Frauen, die ein starkes Begehren verspüren. Es gibt keine Vergleichsgruppe, und die Autorin formuliert ihre Schlüsse entsprechend vorsichtig — mehrfach steht dort «vermutlich» oder «konnte nicht abschliessend geklärt werden».

Diese Zurückhaltung ist angebracht. Was die Arbeit leistet, ist eine sorgfältig gearbeitete Sammlung von Hypothesen, die es zu prüfen lohnt — nicht der Nachweis von Ursachen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 116 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zum weiblichen Begehren, einen historischen Rückblick auf die weibliche Sexualität, die vollständige Auswertung der fünf Interviews und die Zuordnung aller gefundenen Faktoren zu den Komponenten des Modells Sexocorporel.

Abstract der Arbeit

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Gemeinsamkeiten in der sexuellen Biografie von heterosexuellen Frauen zu identifizieren, die ein starkes sexuelles Verlangen haben. Welche möglichen Faktoren in ihrer Summe zu einem starken sexuellen Begehren führen können, wird mit dieser Arbeit untersucht. Die zugrunde liegende These lautet, dass Frauen in der Lage sind, ein intensives sexuelles Verlangen zu entwickeln – entgegen der verbreiteten Annahme, dass Frauen im Allgemeinen weniger Lust auf Sex haben als Männer (Conley et al., 2011). Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird im ersten Teil dieser Arbeit der aktuelle Wissensstand zum weiblichen Begehren dargestellt und um einem kurzen Rückblick in die Geschichte der weiblichen Sexualität ergänzt. Der zweite Teil erforscht die Fragestellung dieser Arbeit anhand qualitativer Interviews mit fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren. Die Ergebnisse werden anhand des Modells ,Sexocorporel’ analysiert und vorgestellt. The present work aims to identify similarities in the sexual biography of heterosexual women who have a strong sexual desire. This work examines which possible factors in their sum can lead to a strong sexual desire. The underlying thesis is that women are able to develop an intense sexual desire – contrary to the widespread assumption that women generally have less desire for sex than men (Conley et al., 2011). In order to answer the research question, the first part of this work presents the current state of knowledge about female desire and is supplemented by a brief review of the history of female sexuality. The second part explores the question of this work through qualitative interviews with five women who feel a strong sexual desire. The results are analysed and presented using the ,Sexocorporel’ model.

Laila Schläfli, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren

Verfasst von
Laila Schläfli

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexuelles Verlangen · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Laila Schläfli: «Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA4 Masterarbeit

Sex im Rausch – Chemsex aus sexologischer Sicht

Laura Tschuor untersucht in der Masterarbeit «Sex im Rausch – Chemsex aus sexologischer Sicht» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Wer Chemsex praktiziert, beschreibt Sex ohne Substanzen als langweilig und nicht erfüllend. Das ist der übereinstimmende Befund dieser Arbeit — und daraus folgt ein therapeutischer Ratschlag, der auf den ersten Blick verkehrt wirkt: Sexualität am Anfang der Behandlung gerade nicht zum Thema zu machen.

Was ist Chemsex?

Gezielter Substanzkonsum im sexuellen Kontext von Männern, die Sex mit Männern haben. Die Arbeit untersucht, wie sich der Konsum auf das sexuelle Erleben auswirkt, wie Sexualität ohne Substanzen erlebt wird und aus welchen Motiven Chemsex praktiziert wird.

Grundlage sind semistrukturierte Interviews mit Männern, die Chemsex praktizieren oder praktiziert haben. Auf Anlaufstellen geht die Arbeit ausdrücklich ein — angesichts der Risiken hochpotenter Substanzen ist das keine Nebensache.

Was verändert der Konsum?

Die Substanzen intensivieren sexuelles Verlangen und Wahrnehmung. Bei hochpotenten Drogen geht die Unterscheidung zwischen sexuellem Erleben und Rauscherleben verloren — beides ist nicht mehr trennbar.

Die Aussagen der Befragten stimmen dabei auffallend stark überein und zeigen wenig Varianz. Sexualität ohne Substanzen wird als langweilig und nicht erfüllend wahrgenommen.

Genau darin liegt die therapeutische Schwierigkeit. Wer den Konsum beenden will, steht vor einer Sexualität, die sich im Vergleich flach anfühlt — und das ist kein Motivationsproblem, sondern eine Folge dessen, was im Belohnungssystem gekoppelt wurde.

Warum zuerst nicht über Sexualität sprechen?

Hier liegt die praktisch wichtigste Empfehlung der Arbeit. Bei einem Wunsch nach Drogenabstinenz kann eine sexologische Beratung die Suchttherapie unterstützen — für Achtsamkeit und Wahrnehmung. Zu Beginn aber ausdrücklich ohne Einbezug der Sexualität, um das Verlangen nach der Droge nicht auszulösen.

Die Arbeit stützt sich dabei auf David Fawcett, der die Bedeutung sexueller Abstinenz betont: Sie soll die Entkopplung von Substanzen und Sex in den Hirnstrukturen ermöglichen.

Erst zu gegebener Zeit lassen sich die eigentlichen sexologischen Themen bearbeiten — die Erotisierung des eigenen Geschlechts und die Fähigkeit, über den eigenen Körper Erregung zu steigern und als lustvoll zu erleben. Beides setzt voraus, dass Körperwahrnehmung überhaupt wieder möglich ist.

Was braucht die begleitende Fachperson?

Die Arbeit ist an dieser Stelle ungewöhnlich deutlich. Erstens: Wissen über die Substanzen, ihre Wirkung und die Risikofaktoren. Zweitens: die eigenen Grenzen und die Grenzen der Sexologie kennen und andere Fachbereiche beiziehen.

Drittens — und das ist der heikelste Punkt — muss sich die begleitende Person über ihre eigene Haltung zu Homosexualität, Homonegativität und Grenzüberschreitungen im Klaren sein. Ohne diese Klärung entsteht kein wertfreier Raum.

Die Autorin beschreibt im Schlusswort eine Welt, die von der normativen Gesellschaft ausgegrenzt wird und in der Offenheit keine Selbstverständlichkeit ist. Ihr Schluss: Es braucht Sensibilisierung bei Fachpersonen und einen Raum, in dem gefragt und gesprochen werden kann.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Semistrukturierte Interviews mit einer kleinen Zahl von Männern, ausgewertet nach Mayring. Die Autorin hält selbst fest, dass sich keine allgemeingültige Aussage zur therapeutischen Herangehensweise ableiten lässt.

Die hohe Übereinstimmung der Aussagen ist dabei zweischneidig: Sie spricht für ein stabiles Muster — und sie kann auch daran liegen, dass sich für ein solches Gespräch nur eine bestimmte Gruppe zur Verfügung stellt.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 76 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Chemsex mit Substanzkunde und Risikofaktoren, die vollständige Auswertung der Interviews, den Verweis auf Anlaufstellen und die Ableitungen für die sexualtherapeutische Begleitung.

Abstract der Arbeit

Das Phänomen Chemsex – gezielter Substanzkonsum im sexuellen Kontext von Männern, die Sex mit Männern haben. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, wie sich der Substanzkonsum auf das sexuelle Erleben und die Sexualität ohne Substanzen auswirkt und aus welchen Motiven Chemsex praktiziert wird. Mithilfe semistrukturierter Interviews mit Männern, die Chemsex praktizieren oder praktiziert haben, werden diese Fragen beleuchtet. Aufgrund der hohen Risikofaktoren dieses Phänomens wird ebenfalls auf entsprechende Anlaufstellen Bezug genommen. Der Substanzkonsum intensiviert das sexuelle Verlangen und die Wahrnehmung. Durch den Konsum hochpotenter Drogen wird eine Unterscheidung zwischen sexuellem Erleben und Rauscherleben unmöglich. Die Aussagen der Probanden zeigen eine hohe Übereinstimmung und wenig Varietät. Die Sexualität ohne Substanzen wird als langweilig und nicht erfüllend wahrgenommen. Eine Sensibilisierung für Chemsex bei Fachpersonen ist notwendig; es sollte ein Raum für Aufklärung, Gespräche und Fragen geschaffen werden. The phenomenon of chemsex – targeted substance use in the sexual context of men, who have sex with men. This study examines the effects of substance use on sexual experience and sexuality without substances and the motives for practicing chemsex. Semi- structured interviews with men who practice or have practiced chemsex are used to shed light on these questions. Due to the high risk factors of this phenomenon, reference is also made to appropriate contact points. Substance use intensifies sexual desire and perception. The use of highly potent drugs makes it impossible to distinguish between sexual experience and intoxication. The subjects' statements show a high degree of agreement and little variation. Sexuality without substances is perceived as boring and unfulfilling. Professionals need to be made more aware of chemsex; a space should be created for education, discussions and questions.

Laura Tschuor, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Sex im Rausch : Eine sexologische Sicht auf Chemsex anhand des Modells Sexocorporel

Verfasst von
Laura Tschuor

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Chemsex & Substanzen · Geschlecht & Identität · Verhütung

Lizenz und Nachweis. Laura Tschuor: «Sex im Rausch : Eine sexologische Sicht auf Chemsex anhand des Modells Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA3 Masterarbeit

Sexualität junger Männer zwischen tradierten und modernen Geschlechterrollenbildern

Lea von Mühlenen untersucht in der Masterarbeit «Sexualität junger Männer zwischen tradierten und modernen Geschlechterrollenbildern» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2022 im Jahrgang MA3 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Wer ist jetzt bei euch zuhause das Oberhaupt?» Diese Frage bekam einer der vier befragten jungen Männer zu hören, weil seine Freundin mehr verdient und beruflich erfolgreicher ist. Die Arbeit zeigt, was es kostet, sich vom traditionellen Rollenbild zu lösen — und was dabei hilft.

Wie sehen sich junge Männer heute?

Die vier Befragten sind sehr unterschiedlich aufgewachsen und haben dennoch ähnliche Vorstellungen: Sie distanzieren sich klar von den klassischen Geschlechterrollenbildern.

Ihre Selbstbeschreibung deckt sich mit dem Bild des «neuen Mannes» aus der Forschung — eines Mannes, der sich im Alltag mit der Partnerin abspricht und gemeinsame Vorstellungen von Elternschaft und Partnerschaft im Team umsetzt.

Das ist zunächst eine Erfolgsgeschichte. Die Arbeit zeigt aber auch, was sie kostet.

Was kostet die Distanzierung?

Rollenabweichendes Verhalten bleibt im Umfeld nicht unbemerkt. Der Befragte, dessen Partnerin mehr verdient, erhielt Kommentare, die infrage stellten, wer zuhause das Sagen habe — eine Erfahrung, die auch die Forschungsliteratur beschreibt.

Insgesamt identifiziert die Arbeit fünf Spannungsfelder, die aus den widersprüchlichen Erwartungshaltungen entstehen. Drei davon betreffen unmittelbar die Sexualität.

Die Distanzierung vom traditionellen Bild ist also keine einmalige Entscheidung, sondern eine dauernde Aushandlung mit dem Umfeld.

Was hilft dabei?

Neben persönlichen und sozialen Ressourcen findet die Arbeit viele Ressourcen im Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit — also genau dort, wo das Modell Sexocorporel ansetzt.

Das ist der eigentliche Beitrag der Arbeit zur sexologischen Praxis. Wenn sich ein junger Mann zwischen widersprüchlichen Erwartungen zerrieben fühlt, liegt der Ansatzpunkt nicht nur im Gespräch über Rollen, sondern im eigenen Verhältnis zum Geschlecht, dem er sich zugehörig fühlt.

Die Autorin hält fest, dass weitere Forschung nötig ist, um diese Ergebnisse zu untermauern.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Teilstandardisierte Leitfadeninterviews mit vier jungen Männern, ausgewertet nach Mayring. Vier Personen bilden keine Generation ab.

Auffällig ist die Einheitlichkeit der Aussagen trotz sehr unterschiedlicher Herkunft — das spricht für ein verbreitetes Muster, kann aber auch daran liegen, welche jungen Männer sich für ein Gespräch über Männlichkeit und Sexualität zur Verfügung stellen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 152 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Männlichkeit und Geschlechterrollen, die Herleitung der fünf Spannungsfelder, die vollständige Auswertung der vier Interviews sowie die Einordnung in das Modell Sexocorporel.

Abstract der Arbeit

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den teilweise konträren traditionellen und moder- nen Erwartungen an das männliche Geschlechterrollenbild und den daraus resultierenden Spannungsfeldern für junge Männer. Die Datenerhebung erfolgte durch teilstandardisierte Leitfadeninterviews und zur Auswertung der Daten wurde eine Inhaltsanalyse nach May- ring durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die jungen Männer vom traditionellen Geschlechterrollenbild distanzieren und beschreiben ihre Rolle mehr im Kontext des Rol- lenmodells des “neuen Mannes”. Insgesamt konnten fünf Spannungsfelder aus den ver- schiedenen Erwartungshaltungen identifiziert werden, wovon drei Spannungsfelder die Sexualität betreffen. Neben persönlichen und sozialen Ressourcen zeigten die Ergeb- nisse, dass viele Ressourcen im Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit junge Männer bei der Bewältigung der Spannungsfelder unterstützen können. Weitere Forschung ist in Zu- kunft nötig, um diese Ergebnisse zu untermauern.

Lea von Mühlenen, Abstract der Masterarbeit, 2022

Angaben zur Arbeit

Titel
Sexualität junger Männer zwischen tradierten und modernen Geschlechterrollenbildern : Eine qualitative Untersuchung zum Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit und dessen Interdependenzen im Modell Sexocorporel

Verfasst von
Lea von Mühlenen

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA3

Jahr
2022

Themen
Geschlecht & Identität · Männlichkeit · Sexuelle Fantasien

Lizenz und Nachweis. Lea von Mühlenen: «Sexualität junger Männer zwischen tradierten und modernen Geschlechterrollenbildern : Eine qualitative Untersuchung zum Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit und dessen Interdependenzen im Modell Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2022. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA2 Masterarbeit

Die Bedeutung sexueller Fantasien unter hoher Muskelspannung

Debora Dürst untersucht in der Masterarbeit «Die Bedeutung sexueller Fantasien unter hoher Muskelspannung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2020 im Jahrgang MA2 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Das Modell Sexocorporel nimmt an, dass Körper und Geist eine Einheit bilden — dass der Geist widerspiegelt, was der Körper erlebt. Diese Arbeit prüft die Annahme an einem konkreten Fall: Zeigt sich hohe Muskelspannung während der Erregung in den sexuellen Fantasien?

Wie lässt sich das überhaupt prüfen?

Die Autorin befragte fünf Frauen, die in Sexualtherapie sind und einen Erregungsmodus mit hoher Muskelspannung haben. Die Interviews wertete sie inhaltlich strukturierend nach Kuckartz aus.

Geprüft wurde zweierlei: erstens, ob sich die Muskelspannung in den Fantasien überhaupt zeigt — und zweitens, falls ja, auf welche Weise. Ziel war, die sexuellen Fantasien als Instrument der Sexualevaluation nutzbar zu machen.

Was zeigen die Fantasien?

Die Kriterien, die das Modell für hohe Muskelspannung annimmt, tauchen in den Interviews mehrheitlich auf — und es zeichnen sich weitere ab, die im Modell bisher nicht vorgesehen sind.

Bei jeder Befragten liessen sich Rückschlüsse auf ihre Muskelspannung ziehen, für die das Modell eine Erklärung bietet. Die Untersuchung stützt damit die Grundannahme von Körper und Geist als Einheit.

Ein Beispiel macht deutlich, worum es geht: Eine Teilnehmerin hat in ihren Fantasien Gewaltbilder, die sie nie erlebt hat und auch nicht erleben will. Solche Inhalte sind nicht als Wunsch zu lesen — sie haben nach dieser Lesart eine körperliche Entsprechung.

Was heisst das für die Beratung?

Der praktische Wert liegt in einem zusätzlichen Zugang. Wer nach der Muskelspannung fragt, bekommt oft keine brauchbare Antwort, weil sie nicht bewusst ist. Über die Fantasie lässt sie sich möglicherweise erschliessen.

Die Einschränkung, die die Arbeit selbst formuliert, ist dabei entscheidend: Einzeln und aus dem Zusammenhang gelöst lassen sich diese Kriterien nicht auf die Muskelspannung zurückführen. Als Hinweis innerhalb einer ganzheitlichen Evaluation sind sie brauchbar — als Test für sich genommen nicht.

Für Klientinnen kann das entlastend wirken. Wenn der Inhalt einer Fantasie nichts über einen Wunsch aussagt, sondern über eine Körperdynamik, verliert er einen Teil seiner Bedrohlichkeit.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Fünf Interviews mit Frauen, die bereits in Sexualtherapie sind und bei denen der Erregungsmodus eingeordnet wurde. Diese Auswahl ist der Fragestellung geschuldet und begrenzt sie zugleich: Eine Vergleichsgruppe mit anderem Erregungsmodus gibt es nicht.

Damit lässt sich zeigen, dass die Kriterien bei diesen Frauen auftreten — nicht, dass sie bei anderen fehlen. Genau das ist der Grund, warum die Autorin die Fantasien als Hinweis und nicht als Nachweis einordnet.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 118 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu sexuellen Fantasien, die Darstellung des Erregungsmodus im Modell Sexocorporel, die vollständige Auswertung der fünf Interviews sowie die Ableitungen für die sexualtherapeutische Praxis.

Abstract der Arbeit

Das Ziel der vorliegenden Masterarbeit war, die Bedeutung von sexuellen Fantasien als Beratungsinstrument zu untersuchen. Es wurde eruiert, ob die Arbeit mit sexuellen Fantasien ein wichtiges Instrument für die Sexualevaluation sein kann. Dafür wurde der Annahme von Sexocorporel, einem Modell für sexuelle Gesundheit, nachgegangen, dass die Muskelspannung während der Selbstbefriedigung oder der partnerschaftlichen Sexualität einen Einfluss auf die sexuellen Fantasien haben kann. Es wurden fünf qualitative Interviews mit Frauen geführt, die in einer Sexualtherapie sind und einen Erregungsmodus mit hoher Muskelspannung haben. Die Ergebnisse der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz stützen die Annahme des Modells Sexocorporel von Körper und Geist als Einheit. Kriterien, die gemäss Sexocorporel auf eine hohe Muskelspannung hinweisen, sind vorgekommen und es liessen sich noch weitere Kriterien finden. Es zeigt sich, dass diese Kriterien als wichtiger Hinweis in der ganzheitlichen Sexualevaluation verwendet werden können. Alleine und losgelöst vom Kontext können sie nicht auf die Muskelspannung rückgeführt werden. .

Debora Dürst, Abstract der Masterarbeit, 2020

Angaben zur Arbeit

Titel
Die Bedeutung sexueller Fantasien unter hoher Muskelspannung

Verfasst von
Debora Dürst

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA2

Jahr
2020

Themen
Sexuelle Fantasien · Geschlecht & Identität · Körperarbeit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Debora Dürst: «Die Bedeutung sexueller Fantasien unter hoher Muskelspannung». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2020. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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MA2 Masterarbeit

Akzeptanz von haptischen und körperorientierten Methoden in der sexuellen Bildung

Laura Burkhardt untersucht in der Masterarbeit «Akzeptanz von haptischen und körperorientierten Methoden in der sexuellen Bildung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2020 im Jahrgang MA2 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Genitale Operationen bei Frauen nehmen zu, und die Forschung fordert Massnahmen, die das genitale Selbstbild verbessern. Ob Frauen solche Methoden überhaupt annehmen würden, war offen. Diese Arbeit hat es mit zwölf Frauen ausprobiert.

Was wurde untersucht?

Die Frage lautet: Welche Akzeptanz erfahren körperorientierte und haptische Methoden in der sexuellen Bildung in Bezug auf das genitale Selbstbild — und zwar im Gruppensetting?

Dafür führte die Autorin mit zwölf Frauen einen Workshop zum genitalen Selbstbild durch und anschliessend zwei Gruppendiskussionen, ausgewertet nach Mayring.

Haptisch heisst hier: mit den Händen begreifen. Modelle, Materialien, Berührung — ein Zugang, der in der Erwachsenenbildung zu diesem Thema selten vorkommt.

Werden solche Methoden angenommen?

Weitgehend ja. Die Methoden wurden im Gruppensetting akzeptiert und positiv besetzt. Für die sexuelle Gesundheitsförderung heisst das, dass ein Angebot rund um das weibliche Genital, das körperorientierte und haptische Übungen einschliesst, auf Resonanz stösst.

Eine Bedingung nennt die Arbeit allerdings deutlich: Eine theoretische Einbettung der Übungen erscheint sinnvoll und wichtig. Haptische Methoden allein, ohne erklärenden Rahmen, sind nicht dasselbe.

Das ist ein praktischer Hinweis für jede Kursgestaltung: Die Übung braucht den Kontext, sonst bleibt sie eine Übung.

Was deutet sich über die Wirkung an?

Untersucht wurde die Akzeptanz, nicht die Wirkung — und die Arbeit hält diese Unterscheidung sauber ein. Sie weist aber auf Hinweise hin, die sich nebenbei ergaben.

Die Teilnehmerinnen äusserten sich überwiegend positiv zu den einzelnen Elementen und berichteten von Wissensaneignung. Daraus lässt sich vermuten, dass nicht nur das Format angenommen wurde, sondern dass auch die Inhalte für die sexuelle Gesundheitsförderung sinnvoll sein dürften.

Die Autorin empfiehlt ausdrücklich, die Wirkweise eines solchen Workshop-Formats in weiterer Forschung genauer zu untersuchen. Sie behauptet also nicht, was sie nicht geprüft hat.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Ein Workshop mit zwölf Frauen und zwei anschliessende Gruppendiskussionen. Wer sich für einen solchen Workshop anmeldet, bringt eine gewisse Offenheit bereits mit — die gemessene Akzeptanz ist also eine Akzeptanz unter Interessierten.

Für die Ausgangsfrage ist das dennoch aussagekräftig. Sie lautete nicht, ob alle Frauen solche Methoden annehmen, sondern ob sie sich im Gruppensetting überhaupt durchführen lassen. Diese Frage ist beantwortet.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 87 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu genitalem Selbstbild und genitalen Operationen, die Beschreibung des durchgeführten Workshops sowie die vollständige Auswertung der beiden Gruppendiskussionen.

Abstract der Arbeit

Studien zeigen, dass die Zahl der genitalen Operationen bei Frauen zugenommen hat. Dies kann auf die Unzufriedenheit mit den eigenen Genitalien zurückzuführen sein, was sich wiederum auf die sexuelle Zufriedenheit auswirken kann. Forscher fordern daher In- terventionen, die das genitale Selbstbild verbessern. Da nur wenige Angebote für erwach- sene Frauen in der Sexuellen Bildungslandschaft existieren – im speziellen auch in Bezug auf das weibliche Genital – wurde die Akzeptanz entsprechender Interventionen bisher kaum untersucht. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Akzeptanz für körperorientierte sowie haptische Methoden in der Sexuellen Bildung in Bezug auf das genitale Selbstbild zu un- tersuchen, da diese einen Zugang zu einem positiven Körpergefühl ermöglichen können. Dazu wird folgende Forschungsfrage gestellt: Welche Akzeptanz erfahren körperorien- tierte und haptische Methoden in der Sexuellen Bildung in Bezug auf das genitale Selbst- bild in einem Gruppensetting? Um die Forschungsfrage zu beantworten wurde mit 12 Frauen ein Workshop zum genitalen Selbstbild sowie zwei anschliessende Gruppendis- kussionen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass körperorientierte sowie haptische Methoden in Bezug auf das genitale Selbstbild weitestgehend akzeptiert und positiv kon- notiert werden. Für die sexuelle Gesundheitsförderung kann dies bedeuten, dass ein An- gebot rund um das weibliche Genital, welches körperorientierte sowie haptischen Übun- gen miteinschliesst, auf Akzeptanz stösst. Weitere Studien zur Erforschung der eigentli- chen Wirkung solcher Interventionen werden empfohlen.

Laura Burkhardt, Abstract der Masterarbeit, 2020

Angaben zur Arbeit

Titel
Akzeptanz von haptischen und körperorientierten Methoden in Bezug auf die Sexuelle Bildung zum genitalen Selbstbild: Eine qualitative Untersuchung

Verfasst von
Laura Burkhardt

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA2

Jahr
2020

Themen
Körperarbeit · Selbstwirksamkeit · Geschlecht & Identität

Lizenz und Nachweis. Laura Burkhardt: «Akzeptanz von haptischen und körperorientierten Methoden in Bezug auf die Sexuelle Bildung zum genitalen Selbstbild: Eine qualitative Untersuchung». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2020. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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