Michèle Hediger untersucht in der Masterarbeit «Klient*innenmotivation in der Sexualtherapie» am ISP. Die Arbeit entstand 2022 im Jahrgang MA3 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
In der Psychotherapieforschung erklären Faktoren, die bei der Klientin selbst liegen, einen sehr grossen Teil des Behandlungserfolgs. Untersucht wurden sie trotzdem kaum. Für eine Sexualtherapie, die viel mit Körperübungen für zuhause arbeitet, ist das besonders folgenreich.
Was tun Fachpersonen bereits?
Die fünf befragten Sexolog*innen nannten fünf Interventionen, die sie zur Motivationsförderung einsetzen: eine gründliche Evaluation, das Fördern von Verständnis, einen ressourcenorientierten Umgang mit Fort- und Rückschritten bei den Übungen, das Anpassen der Übungen oder des Ziels — und die Integration der Übungen in den Alltag.
Die Autorin lässt offen, ob dieser Einsatz bewusst oder unbewusst geschieht. Das ist eine faire Beobachtung: Vieles davon dürfte eingespielte Praxis sein, ohne als Motivationsarbeit benannt zu werden.
Was fehlt im Repertoire?
Hier liegt der eigentliche Ertrag. Die Autorin ordnet psychologische Interventionen zur Motivationssteigerung in ein Diagnoseschema ein und findet mehrere, die von den Befragten nicht genannt wurden, aber die sexologische Praxis bereichern könnten.
Dazu gehören die Zielsetzung nach SMART, der Einsatz von Belohnung, die stellvertretende Erfahrung und das Verringern der Stressreaktion zur Erhöhung der Selbstwirksamkeitserwartung.
Besonders interessant sind zwei Verfahren gegen ein bekanntes Problem: mentales Kontrastieren und Implementations-Intentionen zur Überwindung der Lücke zwischen Vorsatz und Verhalten. Genau diese Lücke erklärt, warum Übungen für zuhause oft nicht gemacht werden.
Warum bleibt das Konkrete offen?
Weil die Befragten überwiegend übergeordnete Kategorien nannten statt konkreter Handlungen. «Verständnis fördern» ist eine Haltung, keine Anleitung.
Die Autorin ergänzt diese Kategorien deshalb um konkrete Interventionen, die sie in das Rheinberg-Modell der Motivation eingeordnet hat. Damit entsteht aus einer Sammlung von Praxiserfahrung eine verwendbare Systematik.
Sowohl die Literaturrecherche als auch die Befragung deuten in dieselbe Richtung: Die Klient*innenmotivation ist ein vernachlässigter, aber relevanter Faktor im Therapieprozess.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Fünf Sexolog*innen, die nach Sexocorporel arbeiten, in dreissigminütigen semistrukturierten Interviews. Das ist eine kurze Gesprächszeit für ein komplexes Thema, und die Auswahl ist auf einen Ansatz begrenzt.
Die Arbeit benennt Limitationen und Implikationen für künftige Forschung selbst. Ihr Grundgedanke geht über das Thema hinaus: Die sexologische Berufspraxis könnte von der psychologischen Grundlagenforschung profitieren — und umgekehrt.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 88 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Klient*innenfaktoren in der Psychotherapie, die Einordnung psychologischer Motivationsinterventionen in ein Diagnoseschema sowie die vollständige Auswertung der fünf Interviews.
Abstract der Arbeit
Die Wirkungsforschung in der Psychotherapie konzentrierte sich in der Vergangenheit wenig auf Klient*innenfaktoren (Gonzalez, 2016), obwohl extratherapeutische Faktoren (vor allem Klient*innenfaktoren) einen Anteil von 87% der Varianz des Behandlungser- gebnisses erklären (Wampold et al., 1997; 2002). Für die Sexualtherapie nach Sexocor- porel, die viel mit Körperübungen (u.a. für die Durchführung zuhause) arbeitet, sollte die Klient*innenmotivation aber besonders relevant sein. Vor diesem Hintergrund befasste sich die vorliegende Masterarbeit mit den Fragen wel- che Rolle die Klient*innenmotivation in der Sexualtherapie spielt und wie diese erhöht werden kann. Für die theoretische Beantwortung der Fragen wurden einerseits eine Lite- raturrecherche durchgeführt und andererseits psychologische Interventionen zur Motivati- onssteigerung in ein Diagnoseschema eingeordnet. In einem 2. Schritt wurden 5 Sexo- log*innen, die nach Sexocorporel arbeiten, in 30-minütigen semistrukturierten Interviews zu ihrer Erfahrung befragt. Sowohl die Literaturrecherche als auch die Befragung der Expert*innen weisen darauf hin, dass die Klient*innenmotivation ein vernachlässigter, jedoch relevanter Faktor im Thera- pieprozess zu sein scheint. Die von den Expert*innen genannten Interventionen konnten von der Autorin dieser Arbeit um Interventionen aus den vorhergehenden theoretischen Überlegungen ergänzt werden. Auf Limitationen der Arbeit und Implikationen für zukünfti- ge Forschung wird am Schluss eingegangen. Grundsätzlich könnte die sexologische Be- rufspraxis von der psychologischen Grundlagenforschung profitieren und umgekehrt.
Michèle Hediger, Abstract der Masterarbeit, 2022
Angaben zur Arbeit
Titel
Klient*innenmotivation in der Sexualtherapie : Eine exemplarische Untersuchung von Interventionen zur Steigerung der Kli-ent*innenmotivation in der Sexualtherapie
Verfasst von
Michèle Hediger
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA3
Jahr
2022
Themen
Sexualtherapie · Sexocorporel
Lizenz und Nachweis. Michèle Hediger: «Klient*innenmotivation in der Sexualtherapie : Eine exemplarische Untersuchung von Interventionen zur Steigerung der Kli-ent*innenmotivation in der Sexualtherapie». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP, 2022. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik