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MA5 Masterarbeit

Sexualberatung mit trans* Personen nach dem Modell Sexocorporel

Andrea Baese untersucht in der Masterarbeit «Sexualberatung mit trans* Personen nach dem Modell Sexocorporel» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Die Beckenbodenmuskulatur wird auch nach der Transition vorhanden sein. Selbst wenn der Penis nicht mehr da ist — die Beckenbodenmuskulatur ist da.» Dieser Satz einer befragten Fachperson erklärt, warum ein körperorientiertes Modell in der Beratung von trans* Personen funktionieren kann. Die Arbeit prüft, wo es trägt und wo es an seine Grenzen kommt.

Warum kommt Sexualität in der Trans*beratung kaum vor?

Drei von vier befragten Fachpersonen geben an, dass Sexualität bei trans* Personen in ihrer Einzelberatung kein grosses Thema ist — oder dass sie dazu noch wenig Praxiserfahrung haben.

Alle vier benennen denselben Grund für die Lücke: In den begleitenden Psychotherapien spielt Sexualität nach ihrer Erfahrung oft keine Rolle. Der Blick richtet sich auf die Transition, auf Diagnostik und Begutachtung, auf medizinische Schritte — das sexuelle Erleben fällt heraus.

Das deckt sich mit dem Ausgangspunkt der Arbeit: Trans* Klient*innen werden im sexualwissenschaftlichen Diskurs und in der Beratungspraxis häufig auf medizinisch-funktionale Perspektiven reduziert.

Wie liesse sich damit arbeiten?

Eine der befragten Fachpersonen bietet ergänzend zur Einzelberatung Gruppenworkshops zu Trans*körperlichkeit und Sexualität an und arbeitet dabei in einem Dreischritt.

Erstens Grounding: ich und mein sexueller Körper — Körperwahrnehmung und Selbstsicherheit. Zweitens ich und die anderen: wie erlebe ich Dating, wie erlebe ich mich, wenn ich mit meinem sexuellen Körper in Kontakt zu anderen gehe. Drittens die Frage, wo mir Sicherheit begegnet und wo Unsicherheit.

Eine andere Fachperson beschreibt, mit einer trans* weiblichen Person mit der ganzen Klaviatur des Modells Sexocorporel gearbeitet zu haben — also nicht mit Anpassungen am Rand, sondern mit dem vollständigen Instrumentarium.

Wo liegen die Grenzen des Modells?

Die Arbeit stellt sie an den Anfang statt sie zu verschweigen: Das Modell Sexocorporel ist historisch hetero-binär geprägt. Die Frage lautet also nicht, ob es passt, sondern was mit welchen Anpassungen möglich wird.

Ihre Antwort fällt differenziert aus. Mit gezielten Adaptionen und kritischer Reflexion öffnen sich Zugänge zu Körpererleben, sexueller Lust und individueller Identitätsgestaltung. Besondere Chancen liegen in der Förderung der Körperwahrnehmung, in der Entwicklung eigener Sexualitätskonzepte und in der Ressourcenaktivierung jenseits normativer Vorstellungen.

Grenzen benennt die Arbeit dort, wo die ursprünglichen binären Konzepte nicht ausreichend überwunden sind. Diese Stellen sind nicht durch Wortwahl zu beheben.

Was heisst das für die Praxis?

Der Ansatzpunkt liegt im Körper, der bleibt. Muskulatur, Atmung, Bewegung, Wahrnehmung — diese Grössen existieren unabhängig davon, welche medizinischen Schritte jemand gegangen ist. Genau darauf zielt das eingangs zitierte Beispiel.

Für cis Beratende formuliert die Arbeit eine zusätzliche Anforderung: die eigene Haltung zu klären und die historische wie persönliche Leidensgeschichte von trans* Personen mitzudenken. Fachwissen allein genügt hier nicht.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Eine theoretische Analyse verbunden mit qualitativen Interviews mit vier Fachpersonen. Befragt wurden also Beratende, nicht trans* Personen selbst — die Arbeit beschreibt die Praxis aus Sicht derer, die sie anbieten.

Dass drei von vier wenig Praxiserfahrung mit sexuellen Anliegen dieser Zielgruppe haben, ist zugleich Befund und Einschränkung: Es zeigt die Versorgungslücke, und es begrenzt, wie viel über gelungene Beratung gesagt werden kann.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 90 Seiten. Sie enthält die kritische Analyse des Modells Sexocorporel auf seine binären Prägungen, den Forschungsstand zu trans*sensibler Beratung, die vollständige Auswertung der Interviews mit Kategoriensystem und Interviewleitfaden sowie die Ableitungen für eine körperzentrierte Beratungspraxis.

Abstract der Arbeit

Diese Arbeit untersucht das Potenzial des körperorientierten Modells Sexocorporel für die Sexualberatung von trans* Personen. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass trans* Klient*innen bislang im sexualwissenschaftlichen Diskurs und in der Beratungspraxis häufig auf medizinisch-funktionale Perspektiven reduziert werden, während körperliche Selbstwahrnehmung und sexuelle Selbstbestimmung wenig Beachtung finden. Im Rahmen einer theoretischen Analyse sowie qualitativer Expert*innen-Interviews wird geprüft, inwiefern das Modell Sexocorporel, trotz seiner historischen hetero-binären Prägung, für eine transsensible und körperzentrierte Beratung nutzbar gemacht werden kann. Die Ergebnisse zeigen, dass durch gezielte Adaptionen und kritische Reflexionen des Modells vielfältige Zugänge zu Körpererleben, sexueller Lust und individueller Identitätsgestaltung für trans* Personen geöffnet werden können. Besondere Chancen liegen in der Förderung von Körperwahrnehmung, der Entwicklung individueller Sexualitätskonzepte sowie der Ressourcenaktivierung jenseits normativer Vorstellungen. Gleichzeitig werden Grenzen des Modells benannt, insbesondere dort, wo ursprüngliche binäre Konzepte nicht ausreichend überwunden werden. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung transsensibler sexualberaterischer Ansätze und formuliert Handlungsempfehlungen für die Praxis. This thesis examines the potential of the body-centered model Sexocorporel in providing sexual counseling for trans* individuals. It addresses the prevalent gap in current practice and research, where trans* clients are often approached from a predominantly medical or functional perspective, while aspects of bodily self-awareness and sexual autonomy are largely overlooked. Through a combination of theoretical analysis and qualitative expert interviews, the study investigates how the Sexocorporel model ꟷ despite its historically binary foundations ꟷ can be critically adapted to support a transsensitive and body-oriented counseling approach. The findings highlight the model’s capacity to foster body awareness, empower sexual agency, and support the development of individualized sexualities beyond normative frameworks. Simultaneously, the study outlines limitations where traditional binary structures remain embedded within the model. Overall, this work contributes to the advancement of transsensitve counseling practices and offers concrete recommendations for a more holistic and affirming approach to sexual health and well-being.

Andrea Baese, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
SEXUALBERATUNG MIT TRANS* PERSONEN MIT DEM MODELL SEXOCORPOREL – Ein körperorientierter Ansatz zur Förderung von Sexualität und Körpererleben bei trans* Personen

Verfasst von
Andrea Baese

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Geschlecht & Identität · Sexualberatung · Körperarbeit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Andrea Baese: «SEXUALBERATUNG MIT TRANS* PERSONEN MIT DEM MODELL SEXOCORPOREL – Ein körperorientierter Ansatz zur Förderung von Sexualität und Körpererleben bei trans* Personen». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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