Kategorien
MA5 Masterarbeit

Spielend verführen – ein Spielkonzept für sexuelles Begehren

Dominique Tanner untersucht in der Masterarbeit «Spielend verführen – ein Spielkonzept für sexuelles Begehren» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Begehren lässt sich nicht befehlen, aber vielleicht spielen. Diese Arbeit entwickelt ein Spielkonzept für Paare — und begründet es mit einer Annahme, die überraschend trägt: Spielen ist ein natürlicher menschlicher Trieb, der soziale Kompetenzen erfahrbar macht und neue Fähigkeiten hervorbringt.

Was soll das Spiel bewirken?

Es soll Paaren ermöglichen, drei Dinge spielerisch zu fördern: ihre Kommunikation, ihr sexuelles Begehren und ihre Verführungskompetenzen.

Das zentrale Anliegen war dabei, Spielfreude und Zielorientierung zu verbinden. Ein Spiel, das sich wie eine Übung anfühlt, verfehlt seinen Zweck — eines ohne Richtung ebenfalls.

Der theoretische Teil geht deshalb in zwei Richtungen: zum Spiel selbst mit Definition, Geschichte, Funktion und den Spielpersönlichkeiten nach Brown — und zu Begehren, Bedürfnissen und Beziehung.

Wie versteht die Arbeit Begehren?

Als Wechselwirkung zwischen Reiz und Emotion. Begehren löst eine positive Vorerwartung aus und gilt deshalb selbst als erstrebenswert — es ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern angenehm für sich.

Daraus folgt der praktische Kern: Die bewusste Wahrnehmung der eigenen Begehrensstruktur bildet eine wichtige Grundlage dafür, Wünsche überhaupt zu artikulieren.

Und das gilt nach dieser Arbeit nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch im alltäglichen Leben. Wer nicht weiss, was er will, kann es nicht sagen — im Bett so wenig wie sonst.

Was ist an der Arbeit methodisch bemerkenswert?

Zwei Dinge, die in Masterarbeiten selten so ausdrücklich vorkommen.

Erstens widmet sie der Forschungsethik ein eigenes Kapitel — vor der Methodik. Bei einer Arbeit, in der Paare ein Spiel zu ihrer Sexualität ausprobieren, ist das keine Formalität.

Zweitens legt sie die Nutzung von künstlicher Intelligenz offen. Das ist bei einer Arbeit aus dem Jahrgang 2025 zeitgemäss und in dieser Sammlung dennoch die Ausnahme.

Dazu kommt ein ausführliches Kapitel zur Paarkommunikation, das verbale, nonverbale und paraverbale Ebenen sowie Kommunikationsmodelle und -muster behandelt.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Das Spielkonzept wurde entwickelt und erprobt, die Auswertung stützt sich auf Leitfadeninterviews und Fragebogen mit einer sehr kleinen Zahl von Teilnehmenden.

Was die Arbeit liefert, ist ein durchdachtes und dokumentiertes Konzept samt ersten Rückmeldungen — keine Wirksamkeitsprüfung. Für die Arbeit mit Paaren ist es dennoch brauchbares Material, weil es die Begründung für jede Spielentscheidung mitliefert.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 111 Seiten. Sie enthält die Theorie des Spiels, die ausführliche Auseinandersetzung mit Begehren, Bedürfnissen und Paarkommunikation, das vollständige Spielkonzept sowie die Kapitel zu Forschungsethik und zum Einsatz künstlicher Intelligenz.

Methodisches Vorgehen

Die Arbeit stützt sich auf leitfadengestützte Interviews (zwei Personen). Der Volltext umfasst 111 Seiten.

Angaben zur Arbeit

Titel
Spielend verführen Entwicklung eines Spielkonzepts zur Förderung und Erhaltung von sexuellem

Verfasst von
Dominique Tanner

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Sexuelles Verlangen · Paarsexualität · Recht & Ethik · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Dominique Tanner: «Spielend verführen Entwicklung eines Spielkonzepts zur Förderung und Erhaltung von sexuellem». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA5 Masterarbeit

Zufriedene Paare in der sexologischen Praxis

Karin Wagemann untersucht in der Masterarbeit «Zufriedene Paare in der sexologischen Praxis» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Sexuelle Zufriedenheit und Partnerschaftszufriedenheit hängen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Diese Arbeit führt zusammen, was die Forschung dazu weiss, und übersetzt es in etwas, das sich in der Praxis mit Paaren verwenden lässt.

Was hält Paare zufrieden?

Über eine systematische Durchsicht empirischer Studien arbeitet die Autorin die zentralen Vorhersagefaktoren heraus — und die Liste ist konkreter, als man erwartet.

Genannt werden unter anderem kommunikative Fähigkeiten, Intimität, Responsivität, gemeinsame Rituale, Opferbereitschaft und die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit.

Zwei davon lohnen besondere Beachtung. Responsivität meint, auf die Signale des Gegenübers einzugehen — eine Fähigkeit, die sich üben lässt. Und die Qualität der gemeinsamen Zeit ist nicht dasselbe wie ihre Menge.

Was ist der praktische Teil?

Aus den Befunden entwickelt die Arbeit konkrete Übungen zur Förderung der Partnerschaftszufriedenheit. Sie sind bewusst niederschwellig und in den Alltag integrierbar angelegt.

Gedacht sind sie für den Einsatz in der sexologischen Praxis mit Paaren. Wer nach Material sucht, findet hier eine begründete Sammlung statt einer Ideenliste — jede Übung lässt sich auf einen Befund zurückführen.

Der Anspruch der Arbeit war ausdrücklich, nicht beim Verständnis stehenzubleiben, sondern die Erkenntnisse in einen umfassenden und alltagstauglichen Übungsteil zu überführen.

Wie gut lässt sich Zufriedenheit messen?

Diese Frage stellt die Arbeit ausdrücklich und diskutiert die Anwendbarkeit gängiger Messinstrumente für sexuelle und partnerschaftliche Zufriedenheit.

Das ist mehr als eine methodische Fussnote. Wer mit Paaren arbeitet und den Fortschritt einschätzen will, braucht ein Mass — und muss wissen, was es erfasst und was nicht.

Damit ist die Arbeit auch für Fachpersonen brauchbar, die eigene Angebote evaluieren möchten.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Es handelt sich um eine Literaturarbeit mit systematischer Durchsicht empirischer Studien, ohne eigene Erhebung. Die Übungen sind aus der Forschungslage abgeleitet, nicht erprobt.

Was die Arbeit leistet, ist die Zusammenführung zweier Forschungsstränge, die getrennt bearbeitet werden — sexuelle und partnerschaftliche Zufriedenheit — und deren Übersetzung in die Praxis. Ob die Übungen wirken, müsste eine andere Untersuchung zeigen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 80 Seiten. Sie enthält die systematische Aufarbeitung der Forschungslage zu sexueller und partnerschaftlicher Zufriedenheit, die Diskussion der Messinstrumente sowie den vollständigen Übungsteil für die Praxis.

Die Fragestellung

Die Arbeit geht diesen Fragen nach:

  • Wie lässt sich Partnerschaftszufriedenheit messen?
  • Wie lässt sich die sexuelle Zufriedenheit messen?

Abstract der Arbeit

Sexuelle Zufriedenheit und Partnerschaftszufriedenheit zählen zu wichtige Qualitätskriterien intimer Paarbeziehungen. Sie stehen in einem wechselseitigen Zusammenhang und beeinflussen sowohl das individuelle Wohlbefinden als auch die Stabilität und Qualität der Beziehung. Ziel dieser Masterarbeit ist es, theoretische und empirische Erkenntnisse über die Verbindung dieser beiden Zufriedenheitsdimensionen zusammenzuführen, zentrale Einflussfaktoren zu identifizieren und praxisnahe Ansätze zur Erhaltung und Förderung der partnerschaftlichen Zufriedenheit abzuleiten. Auf Basis einer systematischen Überprüfung empirischer Forschung werden zunächst zentrale Prädiktoren sexueller und partnerschaftlicher Zufriedenheit hervorgehoben, wie unter anderem kommunikative Fähigkeiten, Intimität, Responsivität, gemeinsame Rituale, Opferbereitschaft sowie die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit. In einem anschliessenden Schritt werden konkrete Strategien zur Erhaltung oder Förderung der jeweiligen Zufriedenheit abgeleitet. Der Fokus liegt auf der Entwicklung praktischer Übungen zur Förderung der Partnerschaftszufriedenheit. Diese sind als niedrigschwellige, im Alltag integrierbare Angebote konzipiert, die Sexolog*innen in der sexologischen Praxis mit Paaren anwenden können. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur Professionalisierung der sexual- und paartherapeutischen Beratung, indem sie empirisch fundierte Erkenntnisse in praxisrelevante Anwendungen überführt und aufzeigt, wie partnerschaftliche Qualität gezielt gestärkt werden kann – in enger Verbindung mit, aber nicht beschränkt auf den sexuellen Bereich.

Karin Wagemann, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
Zufriedene Paare – Erhaltung und Förderung der Zufriedenheit von Paaren in der sexologischen Praxis

Verfasst von
Karin Wagemann

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Sexuelle Zufriedenheit · Paarsexualität · Sexuelle Kommunikation

Lizenz und Nachweis. Karin Wagemann: «Zufriedene Paare – Erhaltung und Förderung der Zufriedenheit von Paaren in der sexologischen Praxis». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA5 Masterarbeit

Online-Intervention für Paare zur Förderung der sexuellen Lust

Sereina Wüst untersucht in der Masterarbeit «Online-Intervention für Paare zur Förderung der sexuellen Lust» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

In langen Beziehungen geht die sexuelle Lust bei vielen Paaren zurück — lange bevor daraus ein behandlungsbedürftiges Problem wird. Diese Arbeit entwickelt ein Angebot für genau diese Zwischenzone: vorbeugend, selbstgeleitet, ohne Praxisbesuch.

Für wen ist das gedacht?

Ausdrücklich für Paare ohne klinisch relevante Sexualstörung. Das ist der Kern des Ansatzes — ein präventives, niederschwelliges Angebot statt einer Behandlung.

Der Ausgangspunkt: Sexuelle Lust hat zentralen Einfluss auf die partnerschaftliche Intimität, die Beziehungszufriedenheit und die emotionale Verbundenheit. In Langzeitbeziehungen unterliegt sie vielfältigen biopsychosozialen Einflüssen, die den Rückgang begünstigen.

Das vierwöchige Online-Programm verbindet psychoedukative Inhalte mit körperorientierten Übungen und alltagsnahen Impulsen.

Was hat die Auswertung ergeben?

Die Intervention wurde überwiegend positiv bewertet. Förderliche Effekte zeigten sich vor allem bei der Zufriedenheit mit der Paarsexualität und bei der subjektiven Wahrnehmung von Lustveränderungen.

Ein zweiter Befund geht über das Programm hinaus: Sexuelle Lust ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein relationales Phänomen. Die Paarperspektive lässt sich nicht wegkürzen.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht — die meisten Angebote und Messinstrumente behandeln Lust als Eigenschaft einer Person.

Wie ehrlich ist die Arbeit mit ihren Zahlen?

Sehr. Am Vorfragebogen nahmen 22 Personen teil, am Nachfragebogen noch fünf. Die Autorin hält ausdrücklich fest, dass die Ergebnisse damit weder statistisch bedeutsam noch übertragbar sind.

Sie ordnet ihre Auswertung selbst als explorativ ein und benennt die begrenzte Dauer und die geringe Stichprobengrösse als Einschränkungen.

Für alle, die ein solches Programm planen, ist gerade dieser Schwund die wertvollste Information. Er zeigt, dass die eigentliche Herausforderung nicht im Inhalt liegt, sondern darin, dass Paare dabei bleiben.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Als Wirksamkeitsnachweis taugt die Arbeit nicht, und sie behauptet es auch nicht. Was sie liefert, ist ein vollständig dokumentiertes Konzept, eine erste Evaluation und eine realistische Erfahrung mit dem Ausstieg unterwegs.

Sie ist zudem eine von mehreren Arbeiten dieser Sammlung, die Online-Interventionen nach Sexocorporel prüfen — ein Feld, zu dem es kaum empirische Belege gibt. Die Designrichtlinien von Nina Jost liefern dazu die konzeptionelle Grundlage.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 104 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu sexueller Lust in Langzeitbeziehungen, das vollständige vierwöchige Online-Programm sowie die Auswertung der Vor- und Nachbefragung samt Diskussion der Limitationen.

Abstract der Arbeit

Hintergrund: Die Paarsexualität stellt einen zentralen Bestandteil partnerschaftlicher Inti- mität und Beziehungszufriedenheit dar. Wesentlich dafür ist die sexuelle Lust, die zur se- xuellen Interaktion motiviert. In Langzeitbeziehungen unterliegt sie jedoch vielfältigen bi- opsychosozialen Einflüssen, die oftmals zu einem Rückgang der sexuellen Lust im Verlauf der Beziehungsdauer führen. Online-Interventionen haben in den letzten Jahren aufgrund erster vielversprechender Wirksamkeitsstudien zunehmend an Bedeutung gewonnen und eignen sich daher auch für sexualwissenschaftliche Präventionsansätze. Deshalb war das Ziel dieser Arbeit die Kon- zeption, Umsetzung und Evaluation eines vierwöchigen, selbstgeleiteten Online-Pro- gramms zur Förderung sexueller Lust in Langzeitbeziehungen. Methodik: Die Intervention kombiniert psychoedukative Inhalte mit körperorientierten Übungen und alltagsnahen Impulsen. Die Evaluation erfolgte im Rahmen eines Mixed- Methods-Ansatzes durch einen Vor- und Nachfragebogen. Insgesamt nahmen 22 Perso- nen am Vorfragebogen und fünf am Nachfragebogen teil. Aufgrund der geringen Stichprobe sind die Ergebnisse weder statistisch signifikant noch generalisierbar. Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass die Intervention von den Teilnehmenden über- wiegend positiv erlebt wurde, insbesondere in Bezug auf die Zufriedenheit mit der Paarse- xualität. Die sexuelle Lust veränderte sich quantitativ nur geringfügig, wurde jedoch subjek- tiv als gesteigert wahrgenommen. Besonders hilfreich wurden körperbezogene Übungen und strukturierte Gespräche bewertet. Herausforderungen lagen in der Integration in den oftmals stressigen Alltag sowie in der begrenzten Programmdauer. Die hohe Abbruchquote verweist auf die Grenzen unbegleiteter Formate hin. Deshalb erscheint eine Weiterentwick- lung mit modularen und flexibleren Inhalten und optionaler Begleitung sinnvoll. Background: Couple sexuality represents a central aspect of intimate partnerships and relationship satisfaction. A key factor in this context is sexual desire, which motivates sexual interaction. In long-term relationships, however, sexual desire is subject to diverse biopsy- chosocial influences that often lead to a decline over time. Online interventions have gained increasing relevance in recent years due to promising evidence regarding their effectiveness and are therefore well suited for use in sexological prevention. The aim of this study was to develop, implement, and evaluate a four-week, self-guided online program to promote sexual desire in long-term relationships. Methodology: The int

Sereina Wüst, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
Online-Intervention für Paare – Entwicklung eines selbstgesteuerten Programms zur Förderung der sexuellen Lust in Langzeitbeziehungen

Verfasst von
Sereina Wüst

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Digitale Medien · Paarsexualität · Sexuelles Verlangen

Lizenz und Nachweis. Sereina Wüst: «Online-Intervention für Paare – Entwicklung eines selbstgesteuerten Programms zur Förderung der sexuellen Lust in Langzeitbeziehungen». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA4 Masterarbeit

«Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung

Eleanor Büchler untersucht in der Masterarbeit «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Neue Männlichkeit» klingt nach Fortschritt und erzeugt zugleich Druck. Diese Arbeit zeigt, dass die widersprüchlichen Anforderungen bis ins sexuelle Erleben durchschlagen — allerdings nicht bei allen Männern gleich. Entscheidend sind die vorhandenen persönlichen Ressourcen.

Wer ist betroffen — und wer nicht?

Die Arbeit bestätigt ihre erste Ausgangsthese: Aktuelle Männlichkeitskonstruktionen im Kontext des emanzipatorischen Diskurses führen bei Männern mit fehlenden persönlichen Ressourcen zu Verunsicherung im Erleben und Gestalten der Paarsexualität.

Der Zusatz ist der Kern. Nicht der Diskurs verunsichert, sondern das Zusammentreffen von widersprüchlichen Erwartungen mit fehlenden Ressourcen. Damit lässt sich erklären, warum bestimmte Männer betroffen sind und andere nicht.

Untersucht wurden cis-heterosexuelle Männer zwischen 30 und 45 in der Schweiz und in Deutschland. Die Arbeit ist auf Englisch verfasst.

Was folgt aus der Verunsicherung?

Die Arbeit arbeitet drei Ebenen heraus: mögliche Ursachen, die daraus folgenden Effekte in Form von Konflikten und Ängsten — und die individuellen Lösungsversuche der Betroffenen.

Diese Dreiteilung macht sie für die Praxis brauchbar. Wer in der Beratung nur die Symptome sieht, übersieht, dass die Lösungsversuche der Männer bereits Teil des Problems sein können.

Aus den Befunden leitet die Arbeit Entwicklungsbereiche ab und beschreibt Methoden und therapeutische Haltungen, die eine nachhaltige Begleitung tragen — teils bestätigt sie damit Bekanntes, teils ergänzt sie es.

Was heisst das für die Sexualtherapie?

Die zweite Ausgangsthese der Arbeit lautet, dass Verunsicherung im sexuellen Erleben von Männern eine differenzierte Betrachtung und Begleitung durch sexualtherapeutische Fachpersonen erfordert — und zwar damit nachhaltige Veränderungen in sexueller Zufriedenheit und sexueller Identität möglich werden.

Der Punkt richtet sich gegen zwei verbreitete Kurzschlüsse. Weder ist Verunsicherung ein Symptom, das sich beheben liesse, noch ist sie eine blosse Zeiterscheinung, die vorübergeht.

Gearbeitet wird aus der sexologischen Praxis nach Desjardins‘ Ansatz Sexocorporel — also körperbezogen und nicht nur über das Gespräch über Rollenbilder.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Eine qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis mit einer klar umrissenen Zielgruppe: cis-heterosexuelle Männer eines bestimmten Alters in zwei Ländern.

Die Erhebung erfolgt aus der Praxis heraus, das heisst über Männer, die bereits in Behandlung sind. Wie verbreitet die beschriebene Verunsicherung ausserhalb dieses Rahmens ist, zeigt die Arbeit nicht.

Ihre Stärke liegt in der Differenzierung. Sie beschreibt nicht «die verunsicherten Männer», sondern unterscheidet, unter welchen Bedingungen Verunsicherung entsteht.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 121 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Sie enthält die Analyse aktueller Männlichkeitskonstruktionen, die qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis sowie die abgeleiteten Entwicklungsbereiche und therapeutischen Haltungen.

Abstract der Arbeit

In today's social context, the construction and perception of masculinity is undergoing profound change. Traditional gender roles and stereotypical expectations are increasingly being questioned and newly interpreted. These developments put forward important questions, particularly with regard to individual self-awareness and the social acceptance of modern masculinities. «New masculinity» as a leitmotif and with overlapping and contradictory expectations towards the contemporary male of today can result in uncertainty about masculinity. The presented paper examines the dynamics of current constructions of masculinity within the context of emancipatory discourse and their specific effects on the sexual experience of cis-heterosexual men aged 30 to 45 in couple sexuality in Switzerland and Germany. The qualitative study of sexological practice according to Desjardins’ approach Sexocorporel, helps to better understand the specific quality of masculine insecurity in sexual experience. The study provides indications as to why certain men are affected contrary to others, what the possible causes could be and which conflicts, anxieties and individual solutions result thereof. From this, on the one hand, areas of development can be derived and, on the other, helpful methods and therapeutic stances for sustainable therapeutic support can be described or confirmed. The study further shows that a salutogenetic approach such as Sexocorporel can support clients in discovering security in their own individuality and freedom from the external parameters of orientational-constraint. More widely accessible sexological expertise could positively complement social and socio-cultural developments, alleviate problematising dynamics surrounding male sexuality and promote individual development and emancipational processes. Uncertainty of one's own masculinity, due to the contemporary constructions of masculinity in the broader context of emancipatory discourse, should be regarded more positively than is currently the case. Uncertainty ought to be seen as integral part of the process towards an authentically experienced, individual male sexual identity.

Eleanor Büchler, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
«Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive

Verfasst von
Eleanor Büchler

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Männlichkeit · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Eleanor Büchler: «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA4 Masterarbeit

How to Keep it Hot – die Vielfalt des sexuellen Begehrens

Stephanie Dietrich untersucht in der Masterarbeit «How to Keep it Hot – die Vielfalt des sexuellen Begehrens» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Wenn ein Paar unterschiedlich viel Lust hat, lautet der übliche Rat: an der Beziehung arbeiten, mehr Nähe, mehr Intimität. Diese Untersuchung mit 149 Personen findet das Gegenteil. Wer vor allem aus emotionalen Gründen Sex hat, berichtet von weniger Begehren, weniger Zufriedenheit — und erlebt Unterschiede im Verlangen häufiger als Problem.

Worum geht es bei sexuellen Motiven?

Sexuelle Motive sind die Gründe, aus denen Menschen Sex haben. Die Arbeit unterscheidet vier Kategorien: genitale Annäherung (Lust, Erregung, körperliches Verlangen), emotionale Annäherung (Nähe, Verbundenheit, Bestätigung), genitale Vermeidung und emotionale Vermeidung.

Der Blick auf die Motive ist doppelt aufschlussreich. Er zeigt, welche Reize in der sexuellen Lerngeschichte einer Person mit Erregung und Genuss verknüpft wurden — und er hängt messbar mit Begehren, Zufriedenheit und Häufigkeit zusammen.

Was die Zahlen zeigen

Befragt wurden 55 Männer und 94 Frauen in verbindlichen Partnerschaften über einen eigens entwickelten Fragebogen.

Das sexuelle Begehren unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern statistisch bedeutsam, mit einem mittleren Effekt. Bei der Zahl der genannten Motive gibt es dagegen keinen bedeutsamen Unterschied — Frauen nennen im Schnitt sogar etwas mehr.

Der Unterschied liegt in der Zusammensetzung. Genitale Annäherungsmotive machen bei Männern im Schnitt knapp 65 Prozent des persönlichen Motivprofils aus, bei Frauen gut 53 Prozent. Emotionale Vermeidungsmotive wählen Frauen deutlich häufiger.

Der überraschende Befund

Genitale Annäherungsmotive hängen am stärksten mit hohem Begehren zusammen — und ebenso mit sexueller Zufriedenheit, mit der Häufigkeit in der Paarbeziehung und damit, dass Unterschiede im Verlangen unproblematisch erlebt werden.

Für emotionale Annäherungsmotive gilt das Umgekehrte. Je stärker sie das Motivprofil prägen, desto geringer sind Begehren und Zufriedenheit — und desto eher wird eine Begehrensdiskrepanz als Problem erlebt. Die Autorin zieht daraus einen unbequemen Schluss: Die paartherapeutische Bearbeitung von Begehrensproblemen über Nähe und gemeinsame Intimität greift zu kurz.

Ihr Gegenvorschlag ist konkret: Eine therapeutische Arbeit an der Beziehung zur eigenen Genitalität dürfte das Erleben der gemeinsamen Paarsexualität positiver beeinflussen.

Was heisst das für die Paarberatung?

Entscheidend für die sexuelle Zufriedenheit ist nach dieser Untersuchung nicht, ob zwei Menschen gleich viel Lust haben. Entscheidend ist, ob der Unterschied als stimmig und unproblematisch erlebt wird. Paare, die ihn als Problem wahrnehmen, sind mit Beziehung und Paarsexualität tendenziell weniger zufrieden.

Damit verschiebt sich das Beratungsziel. Statt die Häufigkeit anzugleichen, geht es darum, wie das Paar die Differenz deutet — und darum, wie jede Person für sich zur eigenen Erregung und Genitalität steht.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Stichprobe umfasst 149 Personen und ist damit für eine Masterarbeit gross, aber es handelt sich um eine Gelegenheitsstichprobe, nicht um eine repräsentative Auswahl. Der Fragebogen wurde für diese Arbeit neu entwickelt und in einem Probelauf getestet; ein etabliertes, validiertes Instrument ist er nicht.

Die Zusammenhänge sind Korrelationen. Ob genitale Annäherungsmotive das Begehren stärken oder ob starkes Begehren solche Motive hervorbringt, lässt sich aus Querschnittsdaten nicht entscheiden. Die Effektstärken liegen im schwachen bis mittleren Bereich.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 125 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Sie enthält den Forschungsstand zum Auf und Ab des Begehrens in festen Partnerschaften, die Darstellung des Ansatzes Sexocorporel in der Arbeit mit Begehrensanliegen, den entwickelten Fragebogen und die vollständige statistische Auswertung.

Abstract der Arbeit

The master thesis on hand tries to convey the status of current research concerning the ebb and flow of sexual desire in committed relationships. At that, it will explore the connection between sexual desire and sexual satisfaction with a special focus on couples who observe incongruences in desire for sexual connection in their relationship. In addition, it will contemplate and examine the sexual motives and how they influence sexual experiences of people in committed relation- ships. In the following passages the thesis at hand attempts to describe the approach Sexocorporel and how it is employed in sex therapy with clients who want to work on challenges with their sexual desire. A questionnaire was constructed, derived from findings of current research and the frame of reference the approach Sexocorporel offers. To capture sexual desire in a resource- and solution-focused manner according to the approach Sexocorporel, while also taking the multifactorial composition of sexual desire in committed relationships into account, was the goal of said questionnaire. Furthermore, the survey was constructed to investigate the connec- tion between sexual motives that form the basis of sexual desire, and sexual satisfaction in committed couples. The questionnaire was tested in a trial run and afterwards used in an opportunity sample. It was found that there are connections between sexual motives and sexual desire, sexual satisfaction and how problematic sexual incongruences were perceived in committed couples. Some of these connections were gender-specific in their peculiarity and can shape how clients can be approached in sex therapy.

Stephanie Dietrich, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
How to Keep it Hot – Von der Vielfalt des sexuellen Begehrens nach dem Ansatz Sexocorporel

Verfasst von
Stephanie Dietrich

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexuelles Verlangen · Paarsexualität · Verhütung · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Stephanie Dietrich: «How to Keep it Hot – Von der Vielfalt des sexuellen Begehrens nach dem Ansatz Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA4 Masterarbeit

Sexuelles Erleben von Frauen im Kontext heterosexueller Paarsexualität

Ladina Engler untersucht in der Masterarbeit «Sexuelles Erleben von Frauen im Kontext heterosexueller Paarsexualität» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Statt zu fragen, was Frauen in der Sexualität hemmt, befragt diese Arbeit jene, bei denen es gelingt: Frauen, die sich als sexuell selbstbestimmt wahrnehmen. Was sie auszeichnet, ist konkret benennbar — und der letzte Befund der Arbeit dämpft die Erfolgsgeschichte.

Was zeichnet sexuell selbstbestimmte Frauen aus?

Vier Merkmale arbeitet die Arbeit heraus, und alle sind erlernbar.

Sie gestalten ihre Sexualität — allein wie in der Partnerschaft — entlang ihrer Bedürfnisse und ihres Begehrens. Sie verfügen über eine positivere, bessere und nuanciertere Körperwahrnehmung, was mehr Befriedigung vorhersagt.

Sie haben fundiertes Wissen über weibliche Sexualität — und, das ist der entscheidende Zusatz, es fällt ihnen leichter, dieses Wissen auf sich selbst zu übertragen. Wissen allein genügt nicht; es muss anwendbar werden.

Und sie verfügen über eine starke Kommunikationsfähigkeit, die offene Gespräche über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse in der Paarsexualität fördert.

Was folgt daraus für die Beratung?

Sexuelle Selbstbestimmung ist nach dieser Arbeit eine Ressource für das bedürfnisorientierte Gestalten der Paarsexualität — kein Charakterzug, sondern ein Zusammenspiel von Wahrnehmung, Wissen und Kommunikation.

Damit sind drei Ansatzpunkte benannt, an denen sich arbeiten lässt. Besonders der Übertrag von Wissen auf die eigene Person lohnt Aufmerksamkeit: Viele Klientinnen wissen viel und beziehen es nicht auf sich.

Wo bleibt die Einschränkung?

Die Arbeit endet nicht bei der Erfolgsgeschichte. Tradierte sexuelle Skripte sind gesellschaftlich nach wie vor verankert — und auch sexuell selbstbestimmte Frauen bleiben davon nicht gänzlich unbeeinflusst.

Das ist ein wichtiger Zusatz. Er verhindert den Kurzschluss, Selbstbestimmung sei eine rein individuelle Leistung, die jede erbringen könnte, wenn sie nur wollte.

Die Befragten fühlen sich weniger durch gesellschaftliche und kulturelle Normen gehemmt — losgelöst von ihnen gestalten aber auch sie ihre Sexualität nicht.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Vier halbstrukturierte Leitfadeninterviews mit heterosexuellen Frauen, die sich selbst als sexuell selbstbestimmt wahrnehmen, ausgewertet über eine qualitative Inhaltsanalyse.

Die Selbsteinschätzung ist dabei das Auswahlkriterium — geprüft wurde sie nicht. Und die Autorin hält fest, dass die Ergebnisse ihren eigenen Erwartungen entsprechen. Das ist ehrlich gesagt und zugleich ein Hinweis darauf, dass eine qualitative Arbeit mit vier Befragten Erwartungen leichter bestätigt als widerlegt.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 113 Seiten. Sie enthält die theoretische Auseinandersetzung mit sexueller Selbstbestimmung, die vollständige Auswertung der vier Interviews sowie die Diskussion tradierter sexueller Skripte.

Abstract der Arbeit

Die hier vorliegende Masterarbeit befasst sich mit dem vielschichten Thema «sexu- elle Selbstbestimmung». Es wurden vier halbstrukturierte Leitfadeninterviews mit heterosexuellen Frauen, welche sich sexuell selbstbestimmt wahrnehmen, geführt und dabei der Frage nachgegangen, wie sie ihre heterosexuelle Paarsexualität ge- stalten. Mit einer qualitativer Inhaltsanalyse wurden die Ergebnisse anschliessend ausgewertet. Diese weisen darauf hin, dass sexuell selbstbestimmte Frauen die partnerschaftliche Sexualität bedürfnisorientiert und entlang ihren Wünschen und ihrem Begehren gestalten, dass sie sich in ihrer Sexualität weniger durch gesell- schaftliche und kulturelle Normen gehemmt fühlen und dass die sexuelle Selbstbe- stimmung für sie eine Ressource darstellt. Des Weiteren geht hervor, dass die weib- liche Sexualität noch immer von patriarchalen Strukturen beeinflusst wird und dass Frauen ihre Sexualität noch nicht losgelöst von diesen Strukturen gestalten können.

Ladina Engler, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Sexuelles Erleben von Frauen im Kontext heterosexueller Paarsexualität : Eine qualitative Untersuchung sexuell selbstbestimmter Frauen und ihrer Gestaltung des Geschlechtsverkehrs

Verfasst von
Ladina Engler

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Selbstwirksamkeit · Paarsexualität · Sexuelle Zufriedenheit

Lizenz und Nachweis. Ladina Engler: «Sexuelles Erleben von Frauen im Kontext heterosexueller Paarsexualität : Eine qualitative Untersuchung sexuell selbstbestimmter Frauen und ihrer Gestaltung des Geschlechtsverkehrs». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA4 Masterarbeit

Sex haben oder Sex machen? Sexuelle Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit

Soraya Nora Gradolf untersucht in der Masterarbeit «Sex haben oder Sex machen? Sexuelle Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Menschen haben UND machen Sex.» Mit diesem Satz endet die Auswertung von 94 Frauen und 55 Männern in heterosexuellen Beziehungen. Die Arbeit fragt, wie viel eigenes Zutun im sexuellen Skript steckt — und welches Werkzeug dafür am wenigsten genutzt wird.

Was ist ein sexuelles Skript?

Die eingespielte Abfolge dessen, was bei einer sexuellen Begegnung geschieht: wer beginnt, was folgt worauf, wann ist es zu Ende. Skripte sind kulturell geprägt und individuell abgewandelt — und meistens unbewusst.

Sexuelle Selbstwirksamkeit im Skript meint, wie viel eine Person darin selbst gestaltet, statt einem Ablauf zu folgen. Diese Arbeit hat den Zusammenhang mit der sexuellen Zufriedenheit gemessen.

Wo liegt das kollektive Skript heute?

Zwischen Tradition und Fortschritt, und etwas näher beim Fortschritt. Die Selbstwirksamkeit im sexuellen Skript scheint zu steigen, das Rollenverständnis weicht sich auf, und die Zuschreibung von Verantwortung gleicht sich zwischen den Geschlechtern an.

Geschlechtsunterschiede bestehen, halten sich im Ausmass aber gering. Für beide Seiten stehen Gegenseitigkeit und Gemeinsamkeit im Vordergrund.

Wo sie sich unterscheiden, ist aufschlussreich. Frauen haben etwas mehr Mühe, bei sexuellen Aktivitäten kognitiv und körperlich präsent zu sein, und ihre Zufriedenheit hängt stärker von äusseren Faktoren ab. Männer fühlen sich stärker für zufriedenstellenden Sex verantwortlich und handeln häufiger partnerinnenfokussiert.

Welche Werkzeuge nutzen Menschen?

Die Arbeit hat erhoben, worüber sexuelle Selbstwirksamkeit konkret ausgeübt wird — und die Rangfolge ist für die Beratung unmittelbar brauchbar.

Am stärksten zeigt sie sich in der Kommunikation, danach in der Körperbewegung, dann in sexuellen Fantasien.

Das am wenigsten genutzte Instrument ist die Atmung. Das ist bemerkenswert, weil gerade die Atmung im Modell Sexocorporel als eine der drei Bewegungsdimensionen gilt und in mehreren anderen Arbeiten dieser Sammlung als wirksamer Hebel beschrieben wird. Hier liegt eine Lücke zwischen dem, was die Fachwelt empfiehlt, und dem, was Menschen tun.

Was heisst das für die Praxis?

Höhere sexuelle Selbstwirksamkeit hängt leicht positiv mit höherer Zufriedenheit zusammen. Was zufriedenstellenden Sex ausmacht, benennen die Befragten als Gegenseitigkeit, Lust, Präsenz und positive Emotionen.

Die Autorin schliesst daraus, dass sich das Erlernen und Fördern sexueller Selbstwirksamkeit auf institutioneller, kultureller und sexualberaterischer Ebene positiv auf die sexuelle Gesundheit auswirkt. Für die Beratung ist die Atmung der naheliegendste Ansatzpunkt — weil dort am wenigsten vorhanden ist.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Ein Mixed-Methods-Vorgehen mit einer Online-Umfrage: quantitative Werte für die Verteilung, qualitative Daten zur inhaltlichen Gegenprüfung. Mit 149 Teilnehmenden ist die Stichprobe für eine Masterarbeit gross, aber es handelt sich um eine Gelegenheitsstichprobe.

Die Autorin nennt als grösste Herausforderung und zugleich Einschränkung die enge Definition der sexuellen Selbstwirksamkeit im sexuellen Skript. Wer den Begriff weiter fasst, misst etwas anderes — die Vergleichbarkeit mit anderen Studien ist dadurch begrenzt.

Die gefundenen Zusammenhänge sind Korrelationen aus einer Momentaufnahme, keine Wirkungsnachweise.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 109 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu sexuellem Skript, sexueller Selbstwirksamkeit und sexueller Zufriedenheit, die vollständige quantitative und qualitative Auswertung sowie die Reflexion der methodischen Grenzen.

Abstract der Arbeit

Diese Masterarbeit untersucht den Zusammenhang zwischen sexueller Zufriedenheit und sexueller Selbstwirksamkeit im sexuellen Skript bei Menschen in heterosexuellen Paarbeziehungen. Anhand eines Mixed Methods-Vorgehens wurden mit einer online Umfrage quantitative und qualitative Daten von einer Zufallsstichprobe von 61 Frauen und 33 Männer gesammelt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine höhere sexuelle Selbstwirksamkeit im sexuellen Skript moderat mit einer höheren sexuellen Zufriedenheit zusammenhängt. Die wichtigsten Faktoren für zufriedenstellenden Sex waren Gegenseitigkeit, Lust, Präsenz und positive Emotionen. Als in dem erfassten kollektiven sexuellen Skript präsente sexuelle Selbstwirksamkeitsinstrumente zeigten sich Kommunikation, auf spezifisches Nachfragen Bewegung und sexuelle Fantasien. Die Studie ergab geringe geschlechtsspezifische Unterschiede, wobei Männern tendenziell mehr Verantwortung und Partner/in-Bezug und Frauen mehr Mühe mit Präsenz und stärkere Beeinflussung durch äussere Faktoren zugeschrieben wird. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Erlernen und Fördern sexueller Selbstwirksamkeit im sexuellen Skript auf institutioneller, kultureller und sexualberaterischer Ebene einen positiven Einfluss auf die sexuelle Gesundheit hat. This master's thesis examines the relationship between sexual satisfaction and sexual self-efficacy in sexual scripts among people in heterosexual relationships. Using a mixed methods approach, quantitative and qualitative data was collected from a random sample of 61 women and 33 men via an online survey. The results show that higher sexual self-efficacy in the sexual script is moderately related to higher sexual satisfaction. The most important factors for satisfying sex were mutuality, pleasure, presence and positive emotions. The sexual self-efficacy tools present in the collective sexual script recorded were communication, in response to specific questioning movement and sexual fantasies. The study revealed minor gender-specific differences, with men tending to ascribe more responsibility and partner-relatedness and women having more difficulty with presence and being more influenced by external factors. The results suggest that learning and promoting sexual self-efficacy in the sexual script on an institutional, cultural and sexual counselling level has a positive impact on sexual health.

Soraya Nora Gradolf, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Sex haben oder Sex machen? : Wie der Anteil an sexueller Selbstwirksamkeit im sexuellen Skript mit der sexuellen Zufriedenheit von Menschen in heterosexuellen Paarbeziehungen zusammenhängt

Verfasst von
Soraya Nora Gradolf

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Selbstwirksamkeit · Sexuelle Zufriedenheit · Paarsexualität

Lizenz und Nachweis. Soraya Nora Gradolf: «Sex haben oder Sex machen? : Wie der Anteil an sexueller Selbstwirksamkeit im sexuellen Skript mit der sexuellen Zufriedenheit von Menschen in heterosexuellen Paarbeziehungen zusammenhängt». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA4 Masterarbeit

ADHS und Sexualität in der Paarbeziehung

Manuela Kurz untersucht in der Masterarbeit «ADHS und Sexualität in der Paarbeziehung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Ich habe immer das Gefühl, ich spüre meine Beine nicht, ich bin immer irgendwie mit dem Kopf weg.» Der Satz stammt von einer der vier befragten Frauen mit ADHS-Diagnose. Diese Arbeit hat sie und ihre Partner gemeinsam befragt — und findet, dass die Schwierigkeiten in der Paarsexualität sehr genau den Diagnosekriterien folgen.

Warum ist Aufmerksamkeit beim Sex ein Problem?

Ablenkung durch äussere Reize wirkt sich in der Paarsexualität von ADHS-diagnostizierten Frauen sehr stark auf die Aufmerksamkeit aus — stärker als alles andere, was die Arbeit untersucht hat.

Eine Befragte beschreibt, dass gleichzeitiges Geben und Empfangen sie überfordert. Ihre Aufmerksamkeit steigt, wenn sie in die passive Rolle wechselt und gedanklich loslassen kann, im Wissen, dass in diesem Moment nichts von ihr erwartet wird. Bewusst eingesetzter Blickkontakt hilft zusätzlich.

Die Unterschiede zwischen den Frauen sind gross. Eine nimmt ihren Körper so intensiv wahr, dass sie alles um sich herum nicht mehr mitbekommt. Eine andere hat ihren Körper nach eigener Aussage nie richtig gespürt und ist stark im Kopf.

Was hilft konkret?

Die Arbeit leitet daraus einen klaren Ansatz ab: eine maximale Reduktion äusserer Sinnesreize. Erst dann gelingt die körperliche Präsenz, die lustvolles Erleben möglich macht.

Ein zweiter Befund überrascht: Die sexuell erregendsten Begegnungen entstehen, wenn Verantwortung und Kontrolle abgegeben werden. Der Wechsel in die passive Rolle senkt die emotionale Überreagibilität — die Frauen kommen in einen entspannteren Zustand. Die dabei entstehende Dominanz des Partners kann dabei selbst erregend wirken.

Berührung ist ein eigenes Thema. Die Befragten haben eine erhöhte Empfindlichkeit, deren Ausprägung von der Tagesform abhängt. Was gestern angenehm war, kann heute zu viel sein.

Spontan oder geplant?

Hier zeigt sich das desorganisierte Verhalten aus den Diagnosekriterien unmittelbar in der Sexualität. Spontane Begegnungen werden bevorzugt, weil sie im Moment geschehen und sich weniger ablenkende Gedanken einmischen. Geplante Paarsexualität muss dagegen oft erst erlernt werden.

Für Paare hat das eine praktische Folge, die dem üblichen Rat widerspricht: Wenn wenig Raum für Spontaneität bleibt, wirkt sich das für eine Frau mit ADHS negativ aus. Der verbreitete Vorschlag, Sex zu terminieren, geht hier am Problem vorbei.

Geduld ist die grösste Herausforderung. Stimmt der Zeitpunkt nicht, verflüchtigt sich die Lust.

Was ist die Ressource?

Die Arbeit fragt ausdrücklich nicht nur nach Schwierigkeiten. Hohe kognitive Präsenz und gedankliche Kreativität erlauben es den Befragten, sexuelle Begegnungen über Fantasien und Vorstellungen zu intensivieren.

Diese Stärke hat eine Kehrseite, und die Arbeit benennt sie präzise: Die Frauen neigen dazu, mangelnden körperlichen Einsatz gedanklich zu kompensieren und ihre Erregung so zu steigern. Damit verstärken sie die Spannung eines ohnehin erhöhten Grundtonus.

In ihrer negativen Form zeigt sich dieselbe Gedankenkraft als ablenkende Gedanken, oft zusammen mit Affektlabilität — und dann kommt sexueller Austausch gar nicht erst zustande.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Vier Interviews mit ADHS-diagnostizierten Frauen und ihren Partnerinnen und Partnern, ausgewertet nach Mayring und zugeordnet zu den vier Komponenten des Modells Sexocorporel. Dass beide Seiten befragt wurden, ist für eine Arbeit dieses Umfangs ungewöhnlich und macht die Schilderungen dichter.

Vier Paare sind keine repräsentative Auswahl, und die Ergebnisse gelten für Frauen. Wie sich ADHS bei Männern in der Paarsexualität zeigt, untersucht diese Arbeit nicht.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 115 Seiten. Sie enthält einen Überblick über den Forschungsstand zu ADHS bei Erwachsenen und besonders bei Frauen mit historischen, medizinischen, therapeutischen und diagnostischen Aspekten, die Zuordnung der Wender-Utah-Diagnosekriterien zu den vier Komponenten des Modells Sexocorporel und die vollständige Auswertung der vier Paarinterviews mit Zitaten.

Abstract der Arbeit

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neurobiologische Störung, die sich in Konzentrationsstörungen in Verbindung mit Hyperaktivität und impulsivem Handeln zeigt. Diese Masterarbeit gibt einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Stand der ADHS von Erwachsenen, insbesondere der ADHS von Frauen und zeigt historische, medizinische, therapeutische und diagnostische Aspekte der ADHS. Sie klärt auf, wie sich die ADHS-Wender-Utah Diagnosekriterien für Erwachsene im Erleben der vier Komponenten des sexualwissenschaftlichen Modells Sexocorporel zeigen und welche Ressourcen und Herausforderungen die ADHS in der Paarsexualität mit sich bringt. In einer qualitativen Untersuchung wurden vier Interviews mit Paaren geführt, um das Erleben der ADHS von ADHS-diagnostizierten Frauen in Bezug zur Paarsexualität zu ermitteln. Die anschliessende Auswertung der qualitativen

Manuela Kurz, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
ADHS und Sexualität : Aspekte der Paarsexualität im Kontext einer ADHS-Diagnose

Verfasst von
Manuela Kurz

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
ADHS · Paarsexualität · Schwangerschaft & Geburt · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Manuela Kurz: «ADHS und Sexualität : Aspekte der Paarsexualität im Kontext einer ADHS-Diagnose». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA4 Masterarbeit

Frauen mit starkem sexuellen Begehren

Laila Schläfli untersucht in der Masterarbeit «Frauen mit starkem sexuellen Begehren» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Die Forschung zum weiblichen Verlangen fragt fast immer, warum es fehlt. Diese Arbeit dreht die Richtung um und befragt fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren: Was haben sie in ihrer Biografie gemeinsam? Eine einzelne Ursache findet sie nicht — dafür mehrere Faktoren, an denen sich arbeiten lässt.

Gibt es den einen Grund für starkes Begehren?

Nein. Das ist das erste Ergebnis, und es ist wichtiger, als es klingt. In jeder der fünf ausgewerteten Biografien waren andere Faktoren entscheidend. Wer in der Beratung nach der Ursache sucht, sucht nach etwas, das es so nicht gibt.

Die Arbeit ordnet die gefundenen Faktoren stattdessen den Komponenten des Modells Sexocorporel zu — kognitiv, physiologisch, beziehungsdynamisch. Das macht sie für die Praxis brauchbar, weil sich daraus ergibt, wo anzusetzen wäre.

Was im Denken das Begehren stärkt

Ein Befund betrifft die Definition von Sex. Frauen, die mehr als penetrativen Geschlechtsverkehr als Sex verstehen, haben nach dieser Auswertung vermutlich ein stärkeres Begehren. Wer Sexualität eng definiert, engt damit auch die Gelegenheiten ein, bei denen Verlangen entstehen kann.

Zu den Wertvorstellungen aus dem Elternhaus liess sich der erwartete Zusammenhang nicht bestätigen. Auffällig war dafür etwas anderes: Alle fünf Frauen erwähnten ausdrücklich die Zeitschrift «Bravo», teilweise positiv. Die Autorin folgert daraus, dass Gleichaltrige und deren Medien im Jugendalter an Bedeutung gewinnen und die Prägung des Elternhauses ausgleichen können — und dass ein Zugang zu wertfreiem Wissen dem Begehren vermutlich zuträglich ist.

Was der Körper dazu beiträgt

Hier ist der Befund am deutlichsten. Alle befragten Frauen bestätigten den Nutzen der Selbstbefriedigung: Dadurch lernten sie ihren Körper kennen und lernten, zuverlässig den Punkt zu erreichen, ab dem der Orgasmus nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Autorin schliesst daraus, dass regelmässige Selbstbefriedigung das sexuelle Begehren von Frauen stärkt — und ergänzt einen Hinweis, der in der Beratung selten fällt: Es scheint wichtig, dass Frauen die Vagina dabei einbeziehen.

Ein weiterer Faktor ist das erste Mal. Ein positiv erlebter erster Geschlechtsverkehr ist für die Entwicklung des Begehrens bedeutsam, wobei es nach den Schilderungen auch darauf ankommt, in welchem Verhältnis die Frau zu diesem ersten Partner stand.

Was heisst das für die Beratung?

Die Arbeit widerspricht der verbreiteten Annahme, Frauen hätten grundsätzlich weniger Lust auf Sex als Männer. Sie zeigt, dass Frauen ein intensives Verlangen entwickeln können — und benennt Bedingungen, unter denen das geschieht.

Für die Praxis heisst das: Statt nach Störungen zu suchen, lässt sich fragen, wie weit die eigene Definition von Sex reicht, welches Verhältnis eine Frau zur Selbstbefriedigung hat und ob sie dabei ihren ganzen Körper einbezieht. Das sind Ansatzpunkte, keine Diagnosen.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Fünf qualitative Interviews mit heterosexuellen Frauen, die ein starkes Begehren verspüren. Es gibt keine Vergleichsgruppe, und die Autorin formuliert ihre Schlüsse entsprechend vorsichtig — mehrfach steht dort «vermutlich» oder «konnte nicht abschliessend geklärt werden».

Diese Zurückhaltung ist angebracht. Was die Arbeit leistet, ist eine sorgfältig gearbeitete Sammlung von Hypothesen, die es zu prüfen lohnt — nicht der Nachweis von Ursachen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 116 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zum weiblichen Begehren, einen historischen Rückblick auf die weibliche Sexualität, die vollständige Auswertung der fünf Interviews und die Zuordnung aller gefundenen Faktoren zu den Komponenten des Modells Sexocorporel.

Abstract der Arbeit

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Gemeinsamkeiten in der sexuellen Biografie von heterosexuellen Frauen zu identifizieren, die ein starkes sexuelles Verlangen haben. Welche möglichen Faktoren in ihrer Summe zu einem starken sexuellen Begehren führen können, wird mit dieser Arbeit untersucht. Die zugrunde liegende These lautet, dass Frauen in der Lage sind, ein intensives sexuelles Verlangen zu entwickeln – entgegen der verbreiteten Annahme, dass Frauen im Allgemeinen weniger Lust auf Sex haben als Männer (Conley et al., 2011). Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird im ersten Teil dieser Arbeit der aktuelle Wissensstand zum weiblichen Begehren dargestellt und um einem kurzen Rückblick in die Geschichte der weiblichen Sexualität ergänzt. Der zweite Teil erforscht die Fragestellung dieser Arbeit anhand qualitativer Interviews mit fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren. Die Ergebnisse werden anhand des Modells ,Sexocorporel’ analysiert und vorgestellt. The present work aims to identify similarities in the sexual biography of heterosexual women who have a strong sexual desire. This work examines which possible factors in their sum can lead to a strong sexual desire. The underlying thesis is that women are able to develop an intense sexual desire – contrary to the widespread assumption that women generally have less desire for sex than men (Conley et al., 2011). In order to answer the research question, the first part of this work presents the current state of knowledge about female desire and is supplemented by a brief review of the history of female sexuality. The second part explores the question of this work through qualitative interviews with five women who feel a strong sexual desire. The results are analysed and presented using the ,Sexocorporel’ model.

Laila Schläfli, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren

Verfasst von
Laila Schläfli

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexuelles Verlangen · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Laila Schläfli: «Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA4 Masterarbeit

Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen

Mirjam Städeli untersucht in der Masterarbeit «Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Traumatische Kindheitserlebnisse sind häufig, sexuelle Funktionsstörungen ebenfalls. Erklärungsmodelle für den Zusammenhang gibt es zahlreiche — ein begründetes Störungsmodell, das der Komplexität beider gerecht wird, gibt es bis heute nicht. Diese Arbeit verfolgt einen körperlichen Pfad.

Welcher Weg wird untersucht?

Das autonome Nervensystem. Chronisch veränderte Reaktionsmuster hin zu einer Überaktivierung des Kampf- und Fluchtsystems sind eine häufige Traumafolge — und dasselbe Nervensystem versorgt bei Frauen wie Männern den grössten Teil der inneren und äusseren Geschlechtsorgane.

Damit ist es für die sexuelle Reaktionsfähigkeit unverzichtbar. Die Verbindung liegt also nahe, wird aber selten ausbuchstabiert.

Dazu kommt der Erregungsmodus: Erregung lässt sich über Rhythmus, muskuläre Spannung und Bewegung aufbauen und steuern. Die Mehrheit der Menschen erregt sich mit viel Druck und hoher Anspannung — im sogenannten Spannungsmodus.

Was hat die Arbeit gezeigt?

Sie konnte einen Zusammenhang zwischen Veränderungen des autonomen Nervensystems hin zur Aktivierung des Kampf-Flucht-Systems und der Wahl eines Erregungsmodus mit viel Spannung nachzeichnen.

Das ist deshalb bedeutsam, weil zum Erregungsmodus nach Sexocorporel und seinem Verhältnis zum autonomen Nervensystem bislang sehr wenige bis gar keine Untersuchungen vorliegen — und damit auch nicht dazu, wie er sexuelle Funktionsstörungen begünstigen kann.

Für die Praxis heisst das: Wer mit Traumafolgen arbeitet, findet hier eine körperbezogene Erklärung dafür, warum sexuelle Beschwerden auftreten — und einen Ansatzpunkt, der nicht über die Erinnerung läuft, sondern über die Regulation.

Warum fehlt bisher ein Modell?

Weil beide Seiten für sich schon komplex sind. Die Arbeit verweist darauf, dass in der Literatur kein begründetes Störungsmodell existiert, das der Komplexität von Traumatisierungen und sexuellen Funktionsstörungen gerecht wird.

Die vorliegende Untersuchung liefert kein solches Modell — sie prüft einen einzelnen, bislang unbeachteten Pfad. Das ist eine bescheidenere und ehrlichere Zielsetzung.

Für die sexologische Praxis ist der Ertrag gleichwohl konkret: Der Erregungsmodus ist erhebbar und veränderbar. Wo eine Traumageschichte vorliegt, lohnt der Blick darauf.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturrecherche und eine eigene Studie zu Sexualfunktion und Erregungsmodus im Zusammenhang mit traumatischer Stressgeschichte und dem autonomen Nervensystem.

Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Ob die Traumafolge den Erregungsmodus prägt oder ob beides gemeinsam auf etwas Drittes zurückgeht, lässt sich so nicht entscheiden.

Der Wert liegt darin, ein Feld zu betreten, zu dem es kaum Vorarbeiten gibt.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 124 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu traumatischen Kindheitserlebnissen und sexuellen Funktionsstörungen, die physiologischen Grundlagen zum autonomen Nervensystem, die Darstellung des Erregungsmodus nach Sexocorporel sowie die vollständige Auswertung der eigenen Erhebung.

Abstract der Arbeit

Die hier vorgelegte Arbeit hat zum Ziel, den Zusammenhang zwischen traumatischen Kind- heitserlebnissen und sexuellen Funktionsstörungen anhand der Rolle des sexuellen Erre- gungsmodus und des autonomen Nervensystems zu untersuchen. Traumatische Kindheits- erlebnisse sind häufig und können langfristige und verheerende Folgen nach sich ziehen. Ebenso sind sexuelle Funktionsstörungen weit verbreitet. Erklärungsmodelle für die Zu- sammenhänge gibt es zahlreiche. Chronisch veränderte Reaktionsmuster des autonomen Nervensystems hin zu einer Überaktivierung des Kampf-/Fluchtmodus sind eine häufige Folge von traumatischen Erlebnissen. Das autonome Nervensystem ist bei Frauen wie auch Männern zuständig für den Grossteil der Versorgung der inneren und äusseren Ge- schlechtsorgane und essentiell für die sexuelle Reaktionsfähigkeit. Der Mensch kann durch ein Spiel mit Rhythmen, muskulärer Spannung und Bewegung sexuelle Erregung modulie- ren und kontrollieren und sie bis zum orgasmischen Höhepunkt aufbauen. Eine Mehrheit der Menschen erregt sich auf eine Art, die entweder mit viel Druck und/oder hoher körper- licher Anspannung verbunden ist und als Spannungsmodus bezeichnet wird. Die hier vor- gestellte Studie „Sexualfunktion und sexueller Erregungsmodus in Zusammenhang mit traumatischer Stressgeschichte und dem autonomen Nervensystem an einer Stichprobe von Sexocorporel-Studierenden“ untersucht die Zusammenhänge zwischen Herzratenvari- abilitätsmessungen (HRV) und den Antworten auf validierte Fragebögen an einer Stich- probe von 88 ehemaligen oder aktuellen Sexocorporel-Studierenden. Die Resultate zeigen signifikante Zusammenhänge zwischen einem überaktivierten Nervensystem hin zum Kampf-/Fluchtmodus und der Wahl eines sexuellen Erregungsmodus mit viel Spannung. Des Weiteren zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen einem sexuellen Erre- gungsmodus mit viel Spannung und erektilen Einschränkungen. Die Resultate zwischen Herzratenvariabilität und sexuellem Erregungsmodus zeigen gegensätzliche Resultate zur Theorie und zur Hypothese, insofern, dass eine höhere HRV, indikativ für höhere parasym- pathische Aktivierung, mit einem Spannungsmodus einhergeht. Keine signifikanten Resul- tate können zwischen sexuellem Erregungsmodus und dem PEP (premature ejaculation profile) und dem FSFI (female sexual functioning index) gefunden werden. Zukünftige Stu- dien sollen die Zusammenhänge zwischen traumatischen Kindheitserfahrungen und Sexu- alfunktion genauer untersuchen und weitere Forschung, insbesondere zum sexuellen Erre- gungsmodus nach Sexocorporel, betreiben.

Mirjam Städeli, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen : Sexualfunktion und sexueller Erregungsmodus in Zusammenhang mit traumatischen Kindheitserlebnissen und dem autonomen Nervensystem

Verfasst von
Mirjam Städeli

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexualisierte Gewalt · Paarsexualität · Sexuelle Zufriedenheit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Mirjam Städeli: «Traumatische Kindheitserlebnisse und sexuelle Funktionsstörungen : Sexualfunktion und sexueller Erregungsmodus in Zusammenhang mit traumatischen Kindheitserlebnissen und dem autonomen Nervensystem». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend