Olivia Zurlinden untersucht in der Masterarbeit «Sexologische Arbeit mit Sexualstraftätern» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Im Schweizer Massnahmenvollzug werden Sexualstraftäter deliktorientiert behandelt: Im Zentrum steht die Tat und ihre Vermeidung. Diese Arbeit prüft, ob sich daneben körperorientiert nach dem Modell Sexocorporel arbeiten liesse — und ist bei der entscheidenden Frage ehrlich.
Lassen sich die beiden Zugänge verbinden?
Ja. Das ist der klarste Befund der Arbeit, und er ergab sich schon aus dem Material: Bei der Bildung der Kategorien für die Auswertung zeigte sich, dass sich die beiden Bereiche in den Interviews bereits überschneiden und ineinander verflechten.
Befragt wurden vier Fachpersonen mit unterschiedlichen Schwerpunkten — eine rein deliktorientiert, zwei mit beiden Zugängen, eine mit Sexocorporel. Diese Zusammensetzung erlaubt den Vergleich.
Die Diskussion bestätigt, was die Kategorienbildung nahelegte: Die theoretischen Grundlagen beider Modelle lassen sich gut miteinander in Verbindung bringen.
Senkt das die Rückfallgefahr?
Diese Frage kann die Arbeit nicht beantworten, und sie sagt das ausdrücklich. Ob sich die Einbindung sexologischer Arbeit auf das individuelle Rückfallrisiko auswirkt, lässt sich mit vier qualitativen Interviews nicht klären.
Was sie sagen kann, ist etwas anderes: Die Arbeit nach Sexocorporel trägt dazu bei, dass sich Vergewaltiger und Pädosexuelle auf eine neue Art mit sich auseinandersetzen — unter Einbezug ihres Körpers und vertieft mit der Logik ihres sexuellen Systems. Das fördert das Verständnis für die eigene Funktionalität.
Bedarf und Bedeutung einer solchen Ergänzung sieht die Arbeit damit als gegeben an. Den Wirksamkeitsnachweis behauptet sie nicht.
Warum könnte es trotzdem etwas bringen?
Die Autorin nennt einen Grund, der aus ihrer eigenen Erfahrung stammt: Auch wenn in der Theorie der Deliktorientierung und in ihrer therapeutischen Umsetzung von Ressourcenorientierung die Rede ist, bleibt der Ansatz in der Praxis eher defizitorientiert.
Das Modell Sexocorporel setzt umgekehrt bei sexueller Gesundheit an. In einem Setting, in dem Menschen eine gesetzlich auferlegte Therapie durchlaufen, kann diese Ausrichtung motivierend wirken — nicht als Milde, sondern als Bedingung dafür, dass jemand überhaupt mitarbeitet.
Damit ist die Arbeit eine der wenigen, die den Ansatz in einen Zwangskontext übersetzen.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Vier Leitfadeninterviews mit Fachpersonen, ausgewertet nach Mayring. Befragt wurden Behandelnde, nicht Behandelte — was bei dieser Zielgruppe naheliegt, aber eine ganze Perspektive auslässt.
Die Arbeit ist als Machbarkeitsprüfung angelegt und hält ihre Reichweite ein. Sie zeigt, dass sich zwei Modelle verbinden lassen und dass Fachpersonen darin Sinn sehen. Was das im Vollzug bewirken würde, müsste eine andere Untersuchung zeigen.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 130 Seiten. Sie enthält die Grundlagen des Modells Sexocorporel, Definitionen und Erklärungsansätze zu den beiden untersuchten dissexuellen Verhaltensweisen, die theoretischen Hintergründe deliktorientierter Behandlung sowie die vollständige Auswertung der vier Interviews.
Abstract der Arbeit
In der vorliegenden Masterarbeit wird aufgezeigt, inwiefern männliche Sexualstraftäter (Pädose- xuelle und Vergewaltiger) zusätzlich zur deliktorientierten Straftäterbehandlung im Schweizer Massnahmenvollzug sexologisch anhand des Modells Sexocorporel behandelt werden können. Auf Grundlage relevanter Bezüge zum Modell Sexocorporel, Definitionen und Erklärungsansätze der beiden fokussierten dissexuellen Verhaltensweisen sowie theoretischer Hintergründe delikt- orientierter Sexualstraftäterbehandlung wurde eine qualitative Forschung anhand von Interviews mit einer Expertin und drei Experten durchgeführt. Somit wurden Bedarf, Bedeutung sowie Um- setzungsmöglichkeiten sexologischer Arbeit nach Sexocorporel im Massnahmenvollzug eruiert und in der Diskussion mit dem theoretischen Bezugsrahmen in Verbindung gesetzt. Die Master- arbeit zeigt auf, dass die theoretischen Grundlagen der beiden Modelle Sexocorporel und Delik- torientierung gut miteinander verbunden werden können und dass körperorientierte Behandlung nach dem Modell Sexocorporel ebenfalls deliktrelevante Persönlichkeitsmerkmale von Sexual- straftätern bearbeitet. Der Einbezug der ressourcenorientierten Sichtweise des Modells Sexocor- porel mit Ziel sexueller Gesundheit kann zudem motivationsfördernd auf die sich in gesetzlich auferlegten Therapien befindenden Sexualstraftäter wirken. Die Einbettung sexologischer Arbeit nach Sexocorporel in die bisherige deliktorientierte Behandlung von Vergewaltigern und Pädose- xuellen ist unter Voraussetzung von deren Tateinsicht und Willen zur Auseinandersetzung und Veränderung ihrer Sexualität möglich. Die über den Körper herbeigeführte Veränderung der Se- xualität, welche Kognitionen und Emotionen beeinflusst, basiert dabei auf dem Verständnis der Logik des eigenen sexuellen Systems des Sexualstraftäters unter Berücksichtigung des Ziels der Rückfallrisikosenkung.
Olivia Zurlinden, Abstract der Masterarbeit, 2024
Angaben zur Arbeit
Titel
Sexologische Arbeit mit Sexualstraftätern : Bedarf und Bedeutung sowie Umsetzungsmöglichkeiten sexologischer Arbeit nach Sexocorporel mit Sexualstraftätern im Massnahmenvollzug
Verfasst von
Olivia Zurlinden
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4
Jahr
2024
Themen
Sexualisierte Gewalt · Institutionelle Begleitung · Körperarbeit · Sexocorporel
Lizenz und Nachweis. Olivia Zurlinden: «Sexologische Arbeit mit Sexualstraftätern : Bedarf und Bedeutung sowie Umsetzungsmöglichkeiten sexologischer Arbeit nach Sexocorporel mit Sexualstraftätern im Massnahmenvollzug». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik