Martina Güdel untersucht in der Masterarbeit «Das Erleben der eigenen Person in der sexuellen Fantasie» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Eine Frau, die ihren Körper beim Sex aktiv einsetzt und ein erotisiertes Verhältnis zum eigenen Geschlecht hat, findet sich in ihren Fantasien kaum in einem unbewegten Szenario der Unterwerfung wieder. Das ist die These dieser Arbeit — und sie verschiebt die Frage weg vom Inhalt der Fantasie hin zur eigenen Position darin.
Warum die eigene Position und nicht der Inhalt?
Weil der Inhalt einer Fantasie wenig darüber sagt, wie jemand sich selbst erlebt. Die Autorin untersucht stattdessen, wie sich die Person in ihrer eigenen Fantasie erlebt — als Spiegel der inneren Selbstwahrnehmung.
Ausgangspunkt ist eine Annahme des Modells Sexocorporel: Der Einsatz des Körpers bei der Erregung — über die drei Dimensionen Muskelspannung, Bewegung und Atmung sowie die Stimulation unterschiedlicher Rezeptoren — steht in Wechselwirkung mit dem Auftreten und den Inhalten sexueller Fantasien.
In der Beratung wird meist über den Inhalt gesprochen. Die Frage nach der eigenen Position darin wird selten gestellt.
Was zeigt die Untersuchung?
Es gibt Hinweise darauf, dass sexuelle Fantasien eng mit dem körperlichen Geschehen verbunden sind — und zwar nicht nur mit der Erregung, sondern auch mit den spezifischen Stimulationsmustern, den Körperhaltungen und der gesamten Sensumotorik.
Die Autorin ordnet das in den grösseren Rahmen ein: Phänomene, bei denen geistige Aktivität körperliche Folgen hat und umgekehrt, sind nicht isoliert zu betrachten, sondern im Kontext der Körper-Hirn-Einheit.
Daraus folgt ihre zugespitzte These: Vor dem Hintergrund der Embodimentforschung, der klinischen Erfahrung mit dem Modell und ihrer eigenen Befunde ist eher nicht davon auszugehen, dass eine Frau mit stark erotisiertem sexuellem Archetyp, intensiver Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht und aktiver Bewegung beim Sex sich in ihren Fantasien in einem unbewegten Unterwerfungsszenario wiederfindet.
Was heisst das für die Beratung?
Wenn Körperdynamik und Fantasieposition zusammenhängen, ist die Fantasie ein diagnostischer Zugang — besonders dort, wo sich über den Körper schwer sprechen lässt.
Zugleich entlastet die These. Wer sich in seinen Fantasien in einer Rolle wiederfindet, die er ablehnt, muss das nicht als Wunsch deuten. Es kann auf eine Körperdynamik verweisen, an der sich arbeiten lässt.
Damit steht diese Arbeit neben jener von Debora Dürst, die denselben Zusammenhang von der anderen Seite her untersucht — über die Muskelspannung.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Sechs qualitative Interviews mit erwachsenen Cis-Frauen. Die Autorin spricht durchgehend von Hinweisen, nicht von Nachweisen — und ihre zentrale These formuliert sie ausdrücklich als Wahrscheinlichkeitsaussage.
Diese Vorsicht ist angebracht. Sechs Interviews können einen Zusammenhang plausibel machen, nicht belegen. Was die Arbeit leistet, ist eine gut begründete Hypothese, die sich prüfen liesse.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 117 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu sexuellen Fantasien und Embodiment, die Herleitung aus dem Modell Sexocorporel sowie die vollständige Auswertung der sechs Interviews.
Abstract der Arbeit
Das Erleben der eigenen Person in der sexuellen Fantasie – Eine empirische Un- tersuchung zum persönlichen Erleben sexueller Fantasien bei erwachsenen Cis- Frauen und deren Zusammenhang mit der Art und Weise der Erregungssteigerung. Diese Masterarbeit untersucht das Erleben der eigenen Person in sexuellen Fanta- sien und deren Zusammenhang mit der Art und Weise der Erregungssteigerung. Ausgehend von der theoretischen und praxisgeprüften Annahme des Modells Sexocorporel, das davon ausgeht, dass der Einsatz des Körpers in der sexuellen Erregung – mit Fokus auf die drei Dimensionen des Körpers (Muskelspannung, Be- wegung, Atmung) und der Stimulation unterschiedlichster Rezeptoren – in Wech- selwirkung mit dem Auftreten und den Inhalten sexueller Fantasien steht, wurde das Erleben des eigenen Selbst in der sexuellen Fantasie als Spiegel der inneren Selbstwahrnehmung untersucht. In sechs qualitativen Interviews wurden die drei Hauptfragestellungen erforscht und die zugrunde liegenden Annahmen geprüft.
Martina Güdel, Abstract der Masterarbeit, 2024
Angaben zur Arbeit
Titel
Das Erleben der eigenen Person in der sexuellen Fantasie : Eine empirische Untersuchung zum persönlichen Erleben sexueller Fantasien bei erwachsenen Cis-Frauen und deren Zusammenhang mit der Art und Weise der Erregungssteigerung
Verfasst von
Martina Güdel
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4
Jahr
2024
Themen
Sexuelle Fantasien · Pornografie · Verhütung · Sexocorporel
Lizenz und Nachweis. Martina Güdel: «Das Erleben der eigenen Person in der sexuellen Fantasie : Eine empirische Untersuchung zum persönlichen Erleben sexueller Fantasien bei erwachsenen Cis-Frauen und deren Zusammenhang mit der Art und Weise der Erregungssteigerung». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik