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MA2 Masterarbeit

Beratungsansätze bei Leidensdruck unter dranghafter Sexualität oder Sexsucht bei Männern

Nathalie Gadola-Dürler untersucht in der Masterarbeit «Beratungsansätze bei Leidensdruck unter dranghafter Sexualität oder Sexsucht bei Männern» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2020 im Jahrgang MA2 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Wer wegen seiner Sexualität nicht mehr weiterweiss, sucht eine Diagnose und findet vier Fachpersonen mit vier verschiedenen Zugängen. Diese Arbeit hat erhoben, was in der Deutschschweiz tatsächlich gemacht wird — und kommt zu einem unbequemen Befund: Was in der Beratung geschieht, hängt weniger am Verfahren als an der Person, die es anwendet.

Sucht oder Drang — worüber wird hier gesprochen?

Die beiden nach Sexocorporel arbeitenden Fachpersonen verwenden den Suchtbegriff ungern. Sie sprechen von dranghafter Sexualität: einem Suchen, Wünschen und Fordern sexueller Kontakte, begleitet von sexueller Unersättlichkeit. Sucht ist in dieser Lesart kein eigener Zustand, sondern der Endpol eines Kontinuums.

Das ist mehr als eine Wortfrage. Diagnosemanuale wie ICD und DSM denken kategorial: Man erfüllt die Kriterien oder nicht. Der Anteil derer, die klinisch relevante Suchtkriterien erfüllen, ist klein. Die befragten Fachpersonen halten dagegen, dass Betroffene mit Leidensdruck keine erfüllte Kriterienliste brauchen, um behandelt zu werden.

Die Arbeit entstand 2020 und hoffte darauf, dass diagnostische Kriterien Eingang in die ICD-11 finden. Das ist inzwischen geschehen — die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung ist dort als eigene Diagnose erfasst. Die hier beschriebene Spannung zwischen Kategorie und Kontinuum bleibt davon unberührt.

Wer sucht Hilfe?

Es sind überwiegend Männer. Eine der befragten Fachpersonen behandelt bis zu 25 Klientinnen und Klienten pro Woche, darunter bis zu 40 Fälle dranghafter Sexualität im Jahr.

Bei 20 bis 30 Prozent liegt zusätzlich eine ADHS oder eine andere psychische Erkrankung vor, beispielsweise eine bipolare Störung. Oft kommen Männer, die von ihrer Partnerin ertappt wurden, oder solche, die im Alltag und in ihren Beziehungen Einbussen bemerken.

Was diese sehr unterschiedliche Gruppe verbindet, ist nicht ein Verhalten, sondern der Leidensdruck — der eigene, der der Partnerschaft, manchmal auch eine finanzielle Notlage.

Was wirkt in der Beratung?

Die Arbeit vergleicht drei Zugänge: das Modell Sexocorporel, den systemischen Ansatz nach Ulrich Clement und den Ansatz nach David Schnarch. Ihre Antwort auf die Frage, welcher der richtige sei, lautet: Es kommt darauf an, worauf man schaut.

Richtet sich der Blick auf die individuelle sexuelle Lerngeschichte, eignet sich Sexocorporel besonders. Der Betroffene lernt, wie sein Drang mit konkreten Ursachen zusammenhängt, und erhält Zugang zu einer erweiterten Sexualität statt zu einer Verbotsliste.

Steht die Beziehung auf dem Spiel, arbeiten Clement und Schnarch mit dem Paar. Dort geht es darum, sich mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen und daran zu wachsen — das Anliegen wird zum Auslöser einer Entwicklung.

Quer über alle drei Zugänge steht dieselbe Kernfrage: Welches Bedürfnis steckt hinter dem ausser Kontrolle geratenen Verhalten, und wie liesse es sich anders befriedigen?

Was heisst das für die Praxis?

Der zentrale Befund der Arbeit ist zugleich ihr unbequemster. Ausschlaggebend dafür, welche Überzeugungen und Interventionen zur Anwendung kommen, sind Erfahrung, Auseinandersetzung und Weiterbildung der behandelnden Person — nicht das Verfahren.

Daraus folgt eine klare Empfehlung: Bei diesem Anliegen ist die Kombination mehrerer Ansätze vorzuziehen. Körperübungen können die sexuelle Balance wiederherstellen und das Gefühl der Steuerungsfähigkeit stärken; dazu kommt das Erlernen dessen, was die Arbeit ein heilsames Ausnützen des Moments zwischen Drang und Reaktion nennt. Die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Partnerin darf dabei nicht fehlen.

Bemerkenswert ist, wie niederschwellig der erste Schritt sein kann. Im besten Fall genügt eine Beratung, die aufklärt, dass das Verhalten in der Spannbreite des Normalen liegt — das allein entlastet bereits.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Arbeit stützt sich auf theoriegenerierende Interviews mit vier Fachpersonen, ausgewertet nach der Grounded Theory. Vier Personen bilden die Deutschschweizer Praxis nicht ab, und die Aussagen sind Einschätzungen aus der eigenen Arbeit, keine Messwerte.

Die Arbeit hält das selbst fest und benennt auch, was fehlt: Wirksamkeitsstudien, die zeigen, ob Kombinationsbehandlungen tatsächlich erfolgreicher sind. Was sie leistet, ist eine geordnete Bestandsaufnahme dessen, was Fachpersonen tun, wenn ihnen die Diagnose keine Anleitung gibt.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 114 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu dranghafter Sexualität, die Darstellung der drei Beratungsansätze, die vollständige Auswertung der vier Interviews und den systematischen Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Abstract der Arbeit

Eine ausser Kontrolle geratene Sexualität kann für den Betroffenen einen Leidensdruck erzeugen und die Partnerbeziehung belasten und gefährden. Für die Sexsucht oder die dranghafte Sexualität existieren bis heute jedoch weder klare diagnostische Kriterien, noch gibt es eine einheitliche Interventions- oder Behandlungsstrategie. Nach dem Ansatz Sexocorporel begünstigen ein fehlender Bezug zur eigenen Intimität und zur Genitalität die Entwicklung und Aufrechterhaltung des dranghaften sexuellen Verhaltens. Anhand einer Analyse theoriengenerierender Expertinnen- und Experten-Interviews mittels der Grounded Theory wird deutlich, dass es die Erfahrung, die fundierte Auseinandersetzung mit dem Anliegen der Sexsucht und die Aus- und Weiterentwicklungen der behandelnden Thera- peutinnen und Therapeuten sind, die bestimmen, in welcher Form theoretische Überzeu- gungen und konkrete Interventionen in den Beratungen und Behandlungen angewendet werden. Eine Kombination der verschiedenen Ansätze erlaubt, das Anliegen besser zu er- fassen, denn die Behandlung von dranghafter Sexualität ist genauso wie das Verständnis dieses Phänomens eine Herausforderung, die mehr als nur eine spezialisierte Therapieme- thode verlangt.

Nathalie Gadola-Dürler, Abstract der Masterarbeit, 2020

Angaben zur Arbeit

Titel
Beratungsansätze bei Leidensdruck unter dranghafter Sexualität oder Sexsucht bei Männern Aktuelle Beratungspraxis in der Deutschschweiz

Verfasst von
Nathalie Gadola-Dürler

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA2

Jahr
2020

Themen
Pornografie · Sexualtherapie · Soziale Arbeit · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Nathalie Gadola-Dürler: «Beratungsansätze bei Leidensdruck unter dranghafter Sexualität oder Sexsucht bei Männern Aktuelle Beratungspraxis in der Deutschschweiz». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2020. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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