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MA2 Masterarbeit

Sexuelle Fantasien im Kontext sexualtherapeutischer Körperarbeit

Petra Wohlwend untersucht in der Masterarbeit «Sexuelle Fantasien im Kontext sexualtherapeutischer Körperarbeit» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2020 im Jahrgang MA2 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Wer seinen Körper während der Sexualität gut wahrnimmt, braucht sexuelle Fantasien möglicherweise nicht mehr. Das ist einer der Befunde dieser Arbeit — und er stellt die verbreitete Annahme auf den Kopf, Fantasien seien ein Mittel zur Steigerung der Erregung.

Was verändert Körperarbeit an den Fantasien?

Die Autorin befragte vier Personen während einer dreijährigen körperorientierten Sexualtherapieausbildung in semistrukturierten Einzelinterviews.

Ihre Ergebnisse geben erste Hinweise darauf, dass sich die sexuellen Fantasien in dieser Zeit verändern. Was Veränderung auslöst, benennt sie konkret: intensive, wiederholte Wahrnehmungsübungen und das Experimentieren mit dem eigenen Körper, auch in der Sexualität.

Danach entstehen neue Zugänge zu Fantasien, die eigene Position darin verschiebt sich, und das Spektrum wird breiter.

Welche Kette vermutet die Arbeit?

Die Autorin ist an dieser Stelle vorsichtig und ehrlich: Welche Faktoren letztlich für die Veränderung verantwortlich sind, sei spekulativ.

Vieles deute jedoch auf folgende Abfolge hin: Über die Körperarbeit verbessert sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Diese bessere Wahrnehmung führt zu neuen sexuellen Erfahrungen und zu neuen oder intensivierten erogenen Zonen. Und diese wiederum verändern die Fantasien.

Offen bleibt, welche Rolle die intensive theoretische Auseinandersetzung mit Sexualität während einer dreijährigen Ausbildung dabei spielt. Die Arbeit kann Körperarbeit und Wissenszuwachs nicht trennen.

Werden Fantasien überflüssig?

Das ist der überraschendste Befund. Bei guter Wahrnehmung der Körperempfindungen während der Sexualität scheinen sexuelle Fantasien möglicherweise überflüssig zu werden.

Zugleich gilt das Umgekehrte: Über Körperarbeit können Fantasien überhaupt erst zugänglich gemacht werden — bei Menschen, die bisher keinen Zugang zu ihnen hatten.

Beides zusammen ergibt ein brauchbares Bild für die Praxis. Fantasien sind kein fester Bestand, sondern verändern sich mit dem Körpererleben. Was den Zugang blockiert, benennt die Arbeit ebenfalls: eine moralisierende oder schambesetzte innere Instanz.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Die Autorin sagt es selbst: Eine abschliessende Antwort auf ihre Forschungsfrage kann sie nicht geben. Vier Interviews mit Personen in einer Ausbildung liefern erste Hinweise, mehr nicht.

Die Befragten sind zudem eine besondere Gruppe: Menschen, die sich freiwillig über drei Jahre körperorientiert mit Sexualität befassen. Was bei ihnen geschieht, lässt sich nicht ohne Weiteres auf Klientinnen und Klienten übertragen.

Dass die Arbeit ihre Deutungskette ausdrücklich als spekulativ kennzeichnet, statt sie als Ergebnis zu verkaufen, macht sie lesbarer.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 72 Seiten. Sie enthält die Definition und Systematik sexueller Fantasien, den Forschungsstand zu ihrer Funktion, die vollständige Auswertung der vier Interviews sowie die Diskussion der vermuteten Wirkungskette. Der Abstract liegt auch auf Englisch vor.

Abstract der Arbeit

Sexuelle Fantasien hat fast jede Person, jedoch sind diese nicht immer auf Anhieb zugänglich. Meist haben sie die Funktion die sexuelle Erregung in der Selbstbefriedigung oder in der Paarsexualität zu steigern, kommen aber noch häufiger in Form von Tagträumereien ohne sexuelle Interaktion vor. Die sexuellen Fantasien sind Bilder und Szenarien mit sexuellen Inhalten, Erzählungen mit sexuellem Inhalt jedoch ohne Bilder oder Einzelbilder ohne sexuellen Inhalt. Die vorliegende Arbeit zeigt anhand von vier semistrukturierten Einzelinterviews auf, in welcher Form sich die sexuellen Fantasien während einer dreijährigen körperorientierten Sexualtherapieausbildung verändern können. Von zentraler Bedeutung für Veränderungen sind intensive, wiederholende Wahrnehmungsübungen sowie das Experimentieren mit dem Körper, auch in der Sexualität. Dadurch ergeben sich (neue) Zugänge zu den sexuellen Fantasien, veränderte Positionen in der Fantasie oder variantenreichere sexuelle Fantasien. Eine moralisierende oder schambesetzte Instanz bildet eine Barriere zu den sexuellen Fantasien. Nearly every person has sexual fantasies, yet these are not always readily accessible. In most cases, they have the function of increasing sexual arousal during masturbation or during couple sexuality. Yet they occur even more frequently in the form of daydreams not in combination with sexual activity. Sexual fantasies are defined as pictures and scenarios containing sexual content, narratives with sexual content but without pictures or single images with no sexual content. This thesis is based on four semi-structured individual interviews and examines the ways in which sexual fantasies can change during a three-year, body-oriented sexual therapy educational program. The central factors contributing to these changes are intensive, repetitive awareness exercises and experimentation with the body, including sexuality. The primary changes observed during this research are newly developed approaches to sexual fantasies, a different position in the fantasies or more varied sexual fantasies. Moral position or a sense of shame can be obstacles to developing sexual fantasies.

Petra Wohlwend, Abstract der Masterarbeit, 2020

Angaben zur Arbeit

Titel
Sexuelle Fantasien im Kontext sexualtherapeutischer Körperarbeit Zusammenhänge zwischen sexuellen Fantasien und dem Veränderungspotenzial durch Körperarbeit

Verfasst von
Petra Wohlwend

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA2

Jahr
2020

Themen
Sexuelle Fantasien · Körperarbeit · Sexualtherapie

Lizenz und Nachweis. Petra Wohlwend: «Sexuelle Fantasien im Kontext sexualtherapeutischer Körperarbeit Zusammenhänge zwischen sexuellen Fantasien und dem Veränderungspotenzial durch Körperarbeit». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2020. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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