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MA4 Masterarbeit

Sex im Rausch – Chemsex aus sexologischer Sicht

Laura Tschuor untersucht in der Masterarbeit «Sex im Rausch – Chemsex aus sexologischer Sicht» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Wer Chemsex praktiziert, beschreibt Sex ohne Substanzen als langweilig und nicht erfüllend. Das ist der übereinstimmende Befund dieser Arbeit — und daraus folgt ein therapeutischer Ratschlag, der auf den ersten Blick verkehrt wirkt: Sexualität am Anfang der Behandlung gerade nicht zum Thema zu machen.

Was ist Chemsex?

Gezielter Substanzkonsum im sexuellen Kontext von Männern, die Sex mit Männern haben. Die Arbeit untersucht, wie sich der Konsum auf das sexuelle Erleben auswirkt, wie Sexualität ohne Substanzen erlebt wird und aus welchen Motiven Chemsex praktiziert wird.

Grundlage sind semistrukturierte Interviews mit Männern, die Chemsex praktizieren oder praktiziert haben. Auf Anlaufstellen geht die Arbeit ausdrücklich ein — angesichts der Risiken hochpotenter Substanzen ist das keine Nebensache.

Was verändert der Konsum?

Die Substanzen intensivieren sexuelles Verlangen und Wahrnehmung. Bei hochpotenten Drogen geht die Unterscheidung zwischen sexuellem Erleben und Rauscherleben verloren — beides ist nicht mehr trennbar.

Die Aussagen der Befragten stimmen dabei auffallend stark überein und zeigen wenig Varianz. Sexualität ohne Substanzen wird als langweilig und nicht erfüllend wahrgenommen.

Genau darin liegt die therapeutische Schwierigkeit. Wer den Konsum beenden will, steht vor einer Sexualität, die sich im Vergleich flach anfühlt — und das ist kein Motivationsproblem, sondern eine Folge dessen, was im Belohnungssystem gekoppelt wurde.

Warum zuerst nicht über Sexualität sprechen?

Hier liegt die praktisch wichtigste Empfehlung der Arbeit. Bei einem Wunsch nach Drogenabstinenz kann eine sexologische Beratung die Suchttherapie unterstützen — für Achtsamkeit und Wahrnehmung. Zu Beginn aber ausdrücklich ohne Einbezug der Sexualität, um das Verlangen nach der Droge nicht auszulösen.

Die Arbeit stützt sich dabei auf David Fawcett, der die Bedeutung sexueller Abstinenz betont: Sie soll die Entkopplung von Substanzen und Sex in den Hirnstrukturen ermöglichen.

Erst zu gegebener Zeit lassen sich die eigentlichen sexologischen Themen bearbeiten — die Erotisierung des eigenen Geschlechts und die Fähigkeit, über den eigenen Körper Erregung zu steigern und als lustvoll zu erleben. Beides setzt voraus, dass Körperwahrnehmung überhaupt wieder möglich ist.

Was braucht die begleitende Fachperson?

Die Arbeit ist an dieser Stelle ungewöhnlich deutlich. Erstens: Wissen über die Substanzen, ihre Wirkung und die Risikofaktoren. Zweitens: die eigenen Grenzen und die Grenzen der Sexologie kennen und andere Fachbereiche beiziehen.

Drittens — und das ist der heikelste Punkt — muss sich die begleitende Person über ihre eigene Haltung zu Homosexualität, Homonegativität und Grenzüberschreitungen im Klaren sein. Ohne diese Klärung entsteht kein wertfreier Raum.

Die Autorin beschreibt im Schlusswort eine Welt, die von der normativen Gesellschaft ausgegrenzt wird und in der Offenheit keine Selbstverständlichkeit ist. Ihr Schluss: Es braucht Sensibilisierung bei Fachpersonen und einen Raum, in dem gefragt und gesprochen werden kann.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Semistrukturierte Interviews mit einer kleinen Zahl von Männern, ausgewertet nach Mayring. Die Autorin hält selbst fest, dass sich keine allgemeingültige Aussage zur therapeutischen Herangehensweise ableiten lässt.

Die hohe Übereinstimmung der Aussagen ist dabei zweischneidig: Sie spricht für ein stabiles Muster — und sie kann auch daran liegen, dass sich für ein solches Gespräch nur eine bestimmte Gruppe zur Verfügung stellt.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 76 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Chemsex mit Substanzkunde und Risikofaktoren, die vollständige Auswertung der Interviews, den Verweis auf Anlaufstellen und die Ableitungen für die sexualtherapeutische Begleitung.

Abstract der Arbeit

Das Phänomen Chemsex – gezielter Substanzkonsum im sexuellen Kontext von Männern, die Sex mit Männern haben. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, wie sich der Substanzkonsum auf das sexuelle Erleben und die Sexualität ohne Substanzen auswirkt und aus welchen Motiven Chemsex praktiziert wird. Mithilfe semistrukturierter Interviews mit Männern, die Chemsex praktizieren oder praktiziert haben, werden diese Fragen beleuchtet. Aufgrund der hohen Risikofaktoren dieses Phänomens wird ebenfalls auf entsprechende Anlaufstellen Bezug genommen. Der Substanzkonsum intensiviert das sexuelle Verlangen und die Wahrnehmung. Durch den Konsum hochpotenter Drogen wird eine Unterscheidung zwischen sexuellem Erleben und Rauscherleben unmöglich. Die Aussagen der Probanden zeigen eine hohe Übereinstimmung und wenig Varietät. Die Sexualität ohne Substanzen wird als langweilig und nicht erfüllend wahrgenommen. Eine Sensibilisierung für Chemsex bei Fachpersonen ist notwendig; es sollte ein Raum für Aufklärung, Gespräche und Fragen geschaffen werden. The phenomenon of chemsex – targeted substance use in the sexual context of men, who have sex with men. This study examines the effects of substance use on sexual experience and sexuality without substances and the motives for practicing chemsex. Semi- structured interviews with men who practice or have practiced chemsex are used to shed light on these questions. Due to the high risk factors of this phenomenon, reference is also made to appropriate contact points. Substance use intensifies sexual desire and perception. The use of highly potent drugs makes it impossible to distinguish between sexual experience and intoxication. The subjects' statements show a high degree of agreement and little variation. Sexuality without substances is perceived as boring and unfulfilling. Professionals need to be made more aware of chemsex; a space should be created for education, discussions and questions.

Laura Tschuor, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Sex im Rausch : Eine sexologische Sicht auf Chemsex anhand des Modells Sexocorporel

Verfasst von
Laura Tschuor

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Chemsex & Substanzen · Geschlecht & Identität · Verhütung

Lizenz und Nachweis. Laura Tschuor: «Sex im Rausch : Eine sexologische Sicht auf Chemsex anhand des Modells Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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