Jeannette Stucki untersucht in der Masterarbeit «Sexualität und Krebs – Interventionen in der Behandlung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Eine Krebserkrankung greift in die Lebensqualität ein, und die Sexualität gehört dazu. Das Angebot ist gewachsen — sichtbar ist es nicht. Diese Erkundungsstudie hat nachgesehen, was es in der Deutschschweiz tatsächlich gibt, und findet ein Muster, das für die Praxis entlastend ist.
Wie sieht das Angebot aus?
In den letzten Jahren hat sich viel getan: Die Bedeutung des Themas wurde erkannt, und das Angebot ist gewachsen. Trotzdem ist es teilweise nach wie vor zu wenig sichtbar und präsent.
Besonders deutlich zeigt sich das dort, wo Betroffene zuerst sind: In Spitälern und Kliniken wird Sexualität nicht als vorrangig angesehen.
Die Folge benennt die Arbeit klar: Betroffene gehen oft erst nach ein paar Jahren in Beratung oder Therapie, um ihre Anliegen zur Sexualität zu besprechen. Jahre, in denen sie damit allein sind.
Gibt es die richtige Behandlung?
Nein — und das ist der für die Praxis wichtigste Befund. Einen klaren Best-Practice-Ansatz gibt es nicht. Je nach Fachperson kommen verschiedene Interventionen zum Einsatz, und diese lassen sich nicht unbedingt auf ein Merkmal der Betroffenen zurückführen.
Daraus folgt etwas Entlastendes: Menschen mit verschiedenen Krebsarten können gleichermassen von einer Sexualberatung profitieren. Es braucht also keine Spezialisierung nach Diagnose.
Was es braucht, ist der Blick auf die einzelne Person — auf das, was sie an Ressourcen und Anknüpfungspunkten mitbringt. Die Diagnose bestimmt nicht das Vorgehen.
Was heisst das für Fachpersonen?
Für die Onkologie ist die Arbeit vor allem eine Orientierung: Sie zeigt, was es gibt und wohin verwiesen werden kann.
Für die Sexualberatung heisst der Befund, dass die eigene Unsicherheit gegenüber onkologischen Krankheitsbildern kein Hinderungsgrund sein muss. Gefragt ist nicht Fachwissen über den Tumor, sondern die Arbeit mit dem, was die Person mitbringt.
Für ein systematischeres Verständnis dessen, was in diesem eher tabuisierten Bereich am besten wirkt, braucht es nach der Autorin eine vertieftere Analyse.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Eine Erkundungsstudie — die Arbeit nennt sich selbst so. Sie kombiniert eine kurze Online-Befragung zum Angebot in der Deutschschweiz mit drei Interviews mit Fachpersonen.
Drei Interviews und eine kurze Befragung ergeben eine Momentaufnahme, keine Bestandsaufnahme. Die Autorin sagt selbst, dass es eine systematischere Betrachtung braucht.
Für eine erste Orientierung in einem Feld, zu dem es kaum Übersichten gibt, ist das angemessen. Mit 62 Seiten ist es eine der kürzeren Arbeiten der Sammlung.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 62 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Sexualität bei Krebserkrankungen, die Ergebnisse der Online-Befragung zum Angebot in der Deutschschweiz sowie die vollständige Auswertung der drei Fachinterviews.
Abstract der Arbeit
Eine Krebserkrankung ist ein einschneidendes Erlebnis für die Betroffenen und deren Umfeld. Eine solche Erkrankung kann Folgen auf die Lebensqualität ha- ben, darunter auch auf die sexuelle Gesundheit. In den letzten Jahrzehnten wurde das Unterstützungsangebot für Betroffene mit sexuellen Anliegen immer stärker ausgebaut, trotzdem sind nach wie vor einige Hürden für umfassende Hilfestellungen vorhanden. Die Auswahl an möglichen Interventionen, um die Betroffenen in ihrer Sexualität zu unterstützen, scheint jedoch gross. Somit stellt sich die Frage, wie das Angebot denn tatsächlich aussieht und ob es vielleicht sogar eine Standardbehandlung gibt, welche Betroffene unabhängig irgend ei- nes Merkmals unterstützt. Um erste Ansätze auf diese Frage zu erhalten, wurde eine Erkundungsstudie mit einer kurzen Online-Befragung zum Angebot in der Deutschschweiz sowie Experteninterviews mit drei Experten und Expertinnen geführt. Es zeigt sich, dass ein Angebot zwar da ist, dies womöglich noch aus- gebaut oder vor allem auch präsenter gemacht werden kann. Einen klaren best- practice Ansatz scheint es nicht zu geben, womöglich helfen verschiedene In- terventionen, um die sexuellen Anliegen nach oder während einer Krebserkran- kung anzugehen. Wichtig dabei ist immer, dass das Individuum mit seinen gan- zen Erfahrungen und Ressourcen berücksichtig wird. Die Erkundungsstudie gibt Anhaltspunkte, um das Angebot und die Wirksamkeit der Interventionen in künf- tiger Forschung genauer zu betrachten.
Jeannette Stucki, Abstract der Masterarbeit, 2024
Angaben zur Arbeit
Titel
Sexualität und Krebs : Sexualitätsbezogene Interventionen in der Behandlung von Menschen mit einer Krebserkrankung: eine Erkundungsstudie
Verfasst von
Jeannette Stucki
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4
Jahr
2024
Themen
Sexualität & Krankheit · Erektile Dysfunktion · Sexualberatung
Lizenz und Nachweis. Jeannette Stucki: «Sexualität und Krebs : Sexualitätsbezogene Interventionen in der Behandlung von Menschen mit einer Krebserkrankung: eine Erkundungsstudie». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik