Sexocorporel

Was das Modell beschreibt, woher es kommt und wie damit gearbeitet wird.

Sexocorporel ist ein Modell sexueller Gesundheit und zugleich ein Behandlungsansatz der klinischen Sexologie. Der Name sagt, worum es geht: «sexo» für die Sexologie, «corporel» für den Körper. Das Modell beschreibt, wie Menschen sich körperlich erregen, welche Fähigkeiten dabei zusammenwirken und wie sich diese Fähigkeiten ein Leben lang weiterentwickeln. Daraus leitet es ab, welche Lernschritte ein sexuelles Anliegen lösen.

Beschrieben wird die Sexualität einer Person über dreizehn Komponenten in vier Kategorien, von der Erregungsfunktion über Lust und Begehren bis zur erotischen Kommunikation. Körperlich fassbar wird sie über drei Grössen: Bewegung, Rhythmus und Muskeltonus, dazu die Atmung. Wie jemand diese Grössen einsetzt, ergibt seinen Erregungsmodus – der bekannteste Beitrag des Modells zur Sexologie.

Entwickelt hat es Jean-Yves Desjardins (1931–2011) von den 1970er-Jahren an am Département de sexologie der Université du Québec à Montréal. Nach Europa kam das Modell um 2000, zuerst in die Schweiz und nach Frankreich.

Gearbeitet wird damit in Sexualberatung, Sexualtherapie und sexueller Bildung. Die Fachperson erhebt zuerst, was eine Person kann, klärt, wie sie ihre Erregung aufbaut, und stellt daraus Lernschritte zusammen: körperliche Übungen für zu Hause, Arbeit an der Wahrnehmung, an den Gefühlen und an der Verständigung zu zweit. Das ISP Zürich unterrichtet das Modell im Master of Arts in Sexologie und in den Diplomlehrgängen.

Diese Seite gibt den Überblick über das ganze Modell. Wer einen Teil genauer wissen will, findet ihn nebenan: die drei Grundannahmen, die Komponenten der Sexualität, die Erregungsmodi und die Erregungsfunktion. Dazu die Entstehungsgeschichte, der Forschungsstand samt Kritik, ein Glossar der Fachbegriffe und die Literatur.

Was Sexocorporel von anderen Modellen unterscheidet

Viele sexualtherapeutische Schulen verstehen sexuelle Probleme als Ausdruck psychischer Konflikte oder als Beziehungsstörung. Die Abklärung fragt dann nach Kindheit, Partnerschaft und Konflikten, lässt aber offen, was im Körper tatsächlich geschieht. Sexocorporel nennt solche Erklärungen indirekte Kausalitäten und wendet sich den direkten zu: Wie atmet jemand bei steigender Erregung? Welche Muskeln spannt er an, welchen Rhythmus benutzt sie, wie viel Raum lässt die Bewegung?

Diese Fragen sind nicht technisch gemeint. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass eine Behandlung etwas anderes anbieten kann als Einsicht. Wer weiss, wie eine Klientin ihre Erregung aufbaut, kann ihr zeigen, wie sie sie anders aufbaut.

Zwei weitere Merkmale prägen das Modell:

Es geht von Fähigkeiten aus, nicht von Störungen. Die Evaluation erhebt zuerst, was jemand kann. Grenzen der eigenen Sexualentwicklung gelten nicht als Krankheit, sondern als Stelle, an der ein Lernschritt aussteht. Mehr dazu unter Modell der sexuellen Gesundheit.

Es trennt sexuelle von mentaler Gesundheit. Die meisten Menschen mit einem sexuellen Problem sind psychisch gesund. Sie brauchen sexologische Arbeit, keine Psychotherapie. Diese Unterscheidung ist der Ausgangspunkt des ganzen Ansatzes.

Woher das Modell kommt

Jean-Yves Desjardins gründete 1968 zusammen mit Claude Crépault das Département de sexologie an der Université du Québec à Montréal, die weltweit einzige eigenständige sexologische Fakultät. Auf der Grundlage klinischer Beobachtungen und wissenschaftlicher Untersuchungen arbeitete er von den 1970er-Jahren an ein Modell sexueller Entwicklung und Funktionalität aus; 1988 lag es ausgearbeitet vor. Fortgeschrieben wird es seither gemeinsam mit Sexolog*innen aus der Praxis.

Die frühen Texte erschienen auf Französisch und in kleiner Zahl, weshalb das Modell im deutschen Sprachraum lange unbekannt blieb. Getragen von Ausbildungsgängen fasste es um 2000 in Europa Fuss; 2004 wurde das Institut Sexocorporel International mit Sitz in Zürich gegründet. 2024 erschien mit «Grundlagen des Sexocorporel» der erste umfassende deutschsprachige Band.

Jean-Yves Desjardins, Begründer des Modells Sexocorporel, an einem Kongress
Jean-Yves Desjardins (1931–2011) hat Sexocorporel in Montréal entwickelt.

→ Desjardins und die Geschichte des Modells

Die drei Grundannahmen

Sexocorporel setzt bei Körper und Psyche als untrennbarer Einheit an, versteht sexuelles Erleben als Ergebnis lebenslanger Lernprozesse und beschreibt körperliche Aktivität über drei Grössen: Bewegung, Rhythmus und Muskeltonus, dazu die Atmung. Wer diese Grössen verändert, verändert die Erregung, und mit ihr das Erleben.

→ Die Grundannahmen im Einzelnen

Die Komponenten der Sexualität

Um das Zusammenspiel beschreibbar zu machen, unterscheidet das Modell dreizehn Komponenten in vier Kategorien: physiologische, sexodynamische, kognitive und Beziehungskomponenten. Zu den sexodynamischen gehören etwa die Lustfunktion, das sexuelle Begehren, die sexuelle Selbstsicherheit und die Anziehungskodes. Die sexologische Evaluation geht diese Komponenten einzeln durch.

Schema der dreizehn Komponenten des Sexocorporel in vier Kategorien: Grundkomponente Geschlechtsidentität, physiologische Komponenten mit Erregungsfunktion, Erregungsquellen, Erregungsmodi und Erregungskurven, sexodynamische Komponenten mit sexueller Lust, Archetypen, Stereotypen, Selbstsicherheit, Begehren, Anziehungskodes, Imaginärem und Aggressivität, kognitive Komponenten mit Kenntnissen, Werten, Normen, Denkweisen und Mystifizierungen sowie Beziehungskomponenten mit Liebesgefühl, Verführung, Kommunikation und erotischen Kompetenzen.
Der Raster, den die sexologische Evaluation Komponente für Komponente durchgeht.

→ Die Komponenten im Überblick

Die Erregungsmodi

Der bekannteste Beitrag des Modells ist die Typologie der Erregungsmodi: der Art und Weise, wie eine Person ihre sexuelle Erregung körperlich steigert. Unterschieden werden unter anderem der archaische Modus über Druck, der mechanische über rasche Reibung, der ondulierende über fliessende Bewegung des ganzen Körpers und der wellenförmige über die Bewegung in der Körperachse.

Jeder Modus hat Folgen für das, was möglich ist. Wer sich ausschliesslich über starken Druck erregt, erreicht rasch eine Entladung, nimmt dabei aber wenig Lust wahr und hat beim Geschlechtsverkehr oft Schwierigkeiten. Das erklärt eine Reihe von Anliegen, die sonst als unerklärlich gelten.

Sechs Felder mit den sexuellen Erregungsmodi und ihrer Bewegungsform: archaischer Modus über Pressen und Drücken bei hohem Tonus, mechanischer Modus über rasches gleichförmiges Reiben, archaisch-mechanischer Modus über Druck und Reibung zugleich, Modus im Dauerstrom über sehr hohe Pulsfrequenz von aussen, ondulierender Modus über fliessende Bewegung des ganzen Körpers bei tieferem Tonus, wellenförmiger Modus über die Bewegung in der Körperachse.
Sechs Arten, die Erregung zu steigern. Welchen Modus jemand benutzt, ist gelernt und lässt sich erweitern.

→ Die Erregungsmodi im Einzelnen

Erregungsfunktion, Entladung und Orgasmus

Das Modell trennt zwei Vorgänge, die umgangssprachlich zusammenfallen. Die orgastische Entladung ist ein körperlicher Vorgang: rhythmische Kontraktionen der Beckenboden- und Bauchmuskulatur. Vom Orgasmus spricht man, wenn diese Entladung von intensivem Lusterleben begleitet wird. Beides kann getrennt auftreten, und genau diese Trennung macht viele Anliegen erst beschreibbar.

→ Erregungsfunktion, Diffusion und Kanalisation

Was das Modell zur klinischen Sexologie beigetragen hat

  • Präzise Definitionen für Begriffe, die vorher unscharf gebraucht wurden – etwa die Trennung von orgastischer Entladung und Orgasmus.
  • Eine Beschreibung der Sexualentwicklung, die beim Erregungsreflex des Säuglings ansetzt und bis ins Alter reicht.
  • Eine Typologie der Erregungsmodi, gewonnen aus der Beobachtung klinischer Verläufe.
  • Vier Ansatzpunkte, um die Erregung über den Körper zu beeinflussen: Muskelspannung, Bewegungsrhythmus, Atemraum und Bewegungsraum.
  • Behandlungsschritte, die sich aus der Evaluation direkt ableiten lassen, statt aus einer Deutung.
Tänzerin in Bewegung, Langzeitbelichtung

Wie eine Behandlung abläuft

Am Anfang steht eine ausführliche sexologische Evaluation. Sie erhebt die Komponenten einzeln, klärt den Erregungsmodus und lässt sich einen typischen sexuellen Ablauf genau schildern. Daraus entsteht eine Hypothese, die der Klientin oder dem Klienten erklärt wird. Erst dann werden Ziele vereinbart und Lernschritte zusammengestellt: körperliche Übungen, Arbeit an der Wahrnehmung, an der emotionalen Beteiligung und an der erotischen Kommunikation.

Ablauf einer Behandlung nach Sexocorporel in vier Schritten: sexologische Evaluation, Hypothese, Ziele und Lernschritte, Üben zu Hause und Übertragen in den Alltag.
Jeder Schritt ergibt sich aus dem vorigen, nicht aus einer Deutung.

Die Arbeit findet im Gespräch und über Übungen statt, die die Klient*innen zu Hause durchführen. Sexuelle Handlungen in der Sitzung oder Berührung durch die Fachperson gehören nicht dazu.

Bei welchen Anliegen nach Sexocorporel gearbeitet wird

Die Stärke des Modells zeigt sich dort, wo eine Klage benannt, aber nicht erklärt ist. Für jedes Anliegen gibt es eine körperliche Frage, die vor jeder Deutung steht.

AnliegenWonach das Modell zuerst fragt
Die Ejakulation kommt früher als gewünschtWie wird die Erregung aufgebaut? Hoher Tonus in Gesäss und Beckenboden lässt den Punkt ohne Wiederkehr rasch überschreiten.
Die Erektion trägt nichtWelcher Erregungsmodus ist gelernt? Wer sich über starken Druck erregt, findet beim Geschlechtsverkehr eine andere Ausgangslage vor.
Wenig oder kein sexuelles BegehrenWird Erregung überhaupt als Lust wahrgenommen? Ohne Diffusion bleibt das Erleben blass, und was blass bleibt, wird nicht begehrt.
Der Orgasmus bleibt ausFehlt die Entladung oder das Lusterleben? Anorgastie und Anorgasmie verlangen verschiedene Lernschritte.
Schmerzen beim GeschlechtsverkehrWie hoch ist der Beckenbodentonus, und wie verläuft der Erregungsaufbau davor?
Viel Lust, aber keine EntladungIst die Kanalisation ausgebaut? Das typische Bild des ondulierenden Modus.
Erotische Sprachlosigkeit im PaarWelche Beziehungskomponenten sind entwickelt: Verführung, Kommunikation, erotisches Repertoire?

Ebenso wird mit dem Modell in der Sexualpädagogik und in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung gearbeitet. Wer eine Fachperson sucht, findet sie im Verzeichnis Sexualtherapeut*in finden.

Sexocorporel lernen: Ausbildung und Weiterbildung

Eine «Sexocorporel-Ausbildung» als einzelnen Kurs gibt es nicht. Das Modell ist die Grundlage der ganzen Ausbildung: Es steckt in jedem Modul, in der Körperarbeit und in der Art, wie die Evaluation geführt wird. Wer eine Sexocorporel-Ausbildung sucht, meint deshalb einen der Lehrgänge, die damit arbeiten.

Am ISP Zürich ist Sexocorporel Teil des Master of Arts in Sexologie, des Diplomlehrgangs Sexualtherapie und des Diplomlehrgangs Sexualpädagogik. Einen Überblick über die sexologische Ausbildungslandschaft gibt die Seite Sexologie in der Schweiz.

Wer das Modell zuerst kennenlernen möchte, findet in der Einführung in Sexocorporel einen Tageskurs.

Häufige Fragen

Ist Sexocorporel eine Psychotherapie?
Muss ich mich in einer Sitzung ausziehen?
Bei welchen Anliegen wird nach Sexocorporel gearbeitet?
Wie lange dauert eine Behandlung?
Wer darf nach Sexocorporel arbeiten?

Weiterlesen


Quellen

  • Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2005): La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies 25(1), S. 3–19.
  • Desjardins, J.-Y. (1986): L’approche sexo-corporelle. Fondements théoriques et champs d’application. Psychothérapies 1986, Nr. 1, S. 51–58.
  • Voß, H.-J. & Stumpe, H. (Hrsg.) (2024): Grundlagen des Sexocorporel. Giessen: Psychosozial-Verlag.

Autor: Ben Kneubühler, Geschäftsführer ISP Zürich · Stand: 27. September 2026