Die Grundannahmen des Sexocorporel

Körper-Hirn-Einheit, sexuelles Lernen und die drei Grössen körperlicher Aktivität.

Sexocorporel / Die Grundannahmen des Sexocorporel

Sexocorporel ruht auf drei Annahmen: Körper und Psyche bilden eine untrennbare funktionale Einheit, sexuelles Erleben entsteht über lebenslange Lernprozesse, und körperliche Aktivität lässt sich über drei Grössen beschreiben und verändern – Bewegung, Rhythmus und Muskeltonus. Aus diesen Annahmen folgt, dass sexuelle Anliegen über körperliche Lernschritte bearbeitbar sind.

Erste Annahme: Körper und Hirn als funktionale Einheit

Die Trennung von Körper und Geist ist eine Denkhilfe, kein Befund. Historisch hat sie sich zu einer Rangordnung entwickelt: die Psyche oben, die Sexualität unten. Diese Wertung wirkt bis in therapeutische Modelle hinein. Sexologische Abklärungen werden bis heute durchgeführt, ohne dass die explizite sexuelle Realität zur Sprache kommt.

Sexocorporel dreht das um. Wahrnehmungen, Emotionen und Gedanken haben eine körperliche Entsprechung, und umgekehrt verändert jede körperliche Veränderung das Erleben. Aus Untersuchungsgründen unterscheidet das Modell zwei Ebenen: den expliziten Körper, also das Sichtbare, Bewegte und die Sinnesempfindungen, und den impliziten Körper, also Wahrnehmungen, Emotionen, Gedanken und Fantasien. Getrennt sind die beiden nie.

Direkte und indirekte Kausalitäten

Aus dieser Annahme folgt die wichtigste Unterscheidung des Modells. Erklärt man ein sexuelles Problem über einen psychischen Konflikt oder eine Beziehungsstörung, spricht Sexocorporel von einer indirekten Kausalität. Solche Zusammenhänge gibt es, aber sie erklären selten, warum die Erregung genau so verläuft, wie sie verläuft.

Direkte Kausalitäten liegen dort, wo eine körperliche Gewohnheit unmittelbar bestimmt, was möglich ist. Ein Mann, der sich seit der Jugend ausschliesslich über raschen, gleichförmigen Druck erregt, hat beim Geschlechtsverkehr eine andere Ausgangslage als einer, der seine Erregung über den ganzen Körper ausbreiten kann. Der Unterschied liegt nicht in seiner Biografie, sondern in seinem Erregungsmodus.

Zweite Annahme: Sexualität wird gelernt

Die Sexualentwicklung, im Modell Sexualisierungsprozess genannt, dauert von der frühen Kindheit bis ins Alter. Sie verläuft wie die Entwicklung von Motorik, Sprache oder Intelligenz über viele einzelne Lernschritte, in denen Hirnreifung und Auseinandersetzung mit der Umwelt zusammenwirken.

Am Anfang steht der Erregungsreflex, der bereits vorgeburtlich angelegt ist. Im Verlauf der Entwicklung verbindet er sich mit motorischen, sensorischen, symbolischen, kognitiven und kommunikativen Funktionen. Über Wiederholung verfestigen sich diese Verbindungen und ermöglichen die Lustfunktion.

Daraus folgt eine praktisch bedeutsame Feststellung: Keine menschliche Fähigkeit wird in ihrer Entwicklung so wenig begleitet wie die sexuelle. Bei den ersten Gehversuchen eines Kindes ermutigen Eltern und feiern jeden Fortschritt; bei den ersten genitalen Erkundungen sind die meisten erleichtert, wenn das Kind sich damit nicht weiter befasst. Lernschritte, die anderswo selbstverständlich unterstützt werden, bleiben hier aus.

Ebenso folgt daraus die therapeutische Haltung: Was gelernt wurde, lässt sich erweitern. Veränderungen im Lauf des Lebens – Pubertät, Schwangerschaft, Krankheit, Alter, Behinderung – verlangen ohnehin neue Lernschritte.

Dritte Annahme: die drei Grössen körperlicher Aktivität

Jede körperliche Handlung, vom Gehen über das Musizieren bis zum Liebesspiel, lässt sich über drei Grössen beschreiben:

GrösseWas sie umfasstSpielraum
Bewegungder Raum, den eine Bewegung einnimmtweiträumig bis eingeschränkt
Rhythmusdie zeitliche Gliederunglangsam bis schnell, gleichförmig bis wechselnd
Muskeltonusdie muskuläre Spannunghypoton bis hyperton

Dazu kommt die Atmung, die den inneren Raum öffnet oder verengt.

Diese Grössen sind der Hebel des ganzen Ansatzes. Die sexuelle Erregung selbst, genauer die Vasokongestion, ist willentlich nicht steuerbar. Steuerbar sind die muskulären Spannungen und die rhythmischen Bewegungen, die sie begleiten. Wer diese verändert, verändert die Erregung mit, in ihrer Intensität wie in ihrer Qualität.

Genau hier setzen die Übungen einer Behandlung an. Sie sind keine Techniken zur Leistungssteigerung, sondern Lernschritte an drei Stellschrauben, über die jeder Mensch verfügt.

Masterarbeiten zum Thema

Am ISP Zürich entstandene Masterarbeiten, die mit den drei Grössen körperlicher Aktivität arbeiten:

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Quellen: Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2005): La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies 25(1), S. 3–19. – S. 6–8, zu den «trois lois du corps» und zum Sexualisierungsprozess · Desjardins, J.-Y. (1986): L’approche sexo-corporelle. Fondements théoriques et champs d’application. Psychothérapies 1986, Nr. 1, S. 51–58.

Autor: Ben Kneubühler, Geschäftsführer ISP Zürich · Stand: 3. September 2026