Die Komponenten der Sexualität

Dreizehn Komponenten in vier Kategorien – der Raster der sexologischen Evaluation.

Sexocorporel / Die Komponenten der Sexualität

Sexocorporel unterteilt das, was im sexuellen Erleben zusammenwirkt, in dreizehn Komponenten, gruppiert in vier Kategorien: physiologische, sexodynamische, kognitive und Beziehungskomponenten. Diese Unterteilung ist ein Arbeitsinstrument. Sie macht die sexologische Evaluation systematisch und erlaubt begründete Hypothesen darüber, wo ein sexuelles Anliegen seinen Ursprung hat.

Die Person selbst ist nicht teilbar. Die Komponenten sind Blickwinkel auf sie, und sie entwickeln sich alle über persönliche und soziale Lernprozesse.

Der Primärtext zählt dreizehn Komponenten, gruppiert in vier Kategorien. Vorangestellt ist die Geschlechtsidentität (identité sexuelle) als Grundkomponente (1); sie ist mit der Zeugung festgelegt, während sich alle übrigen über Lernprozesse entwickeln. Die Nummerierung in Klammern folgt Chatton et al. (2005, S. 6–8).

Schema des sexuellen Bezugsrahmens nach Sexocorporel: kognitive, physiologische, persönliche und Beziehungskomponenten gruppieren sich um das Anliegen des Paares, links die Achse «Körper als Spiegel»
Der sexuelle Bezugsrahmen der Académie du Sexocorporel Desjardins. Die Darstellung nennt die sexodynamischen Komponenten «persönliche Komponenten» und führt die Basiskomponenten – biologisches Geschlecht, Archetypen, Erregungsreflex – gesondert auf.

Grundkomponente: die Geschlechtsidentität (1)

Die identité sexuelle bezeichnet das genetische Geschlecht. Sie ist mit der Zeugung festgelegt und gehört als einzige Komponente nicht zu den Lernprozessen. Alle folgenden entwickeln sich.

1. Physiologische Komponenten

Hierher gehört, was der Körper tut. Sie betreffen die Funktion der sexuellen Erregung.

  • Die Erregungsfunktion – Erregungsreflex und die darauf aufbauenden Lernprozesse
  • Die Erregungsquellen (2) – über welche Sinneskanäle Erregung entsteht
  • Die Erregungsmodi (3) – die Art, wie eine Person ihre Erregung steigert
  • Die zeitlichen Erregungskurven – wie steil und wie lange die Erregung verläuft

Diese Gruppe ist der Kern dessen, was Sexocorporel gegenüber anderen Ansätzen auszeichnet. Sie wird in der Evaluation nicht übersprungen, sondern zuerst erhoben.

2. Sexodynamische Komponenten

Sie betreffen das Erleben.

Sexuelle Lust (6). Die Fähigkeit, Erregung als Lust wahrzunehmen. Erregung und Lust sind nicht dasselbe; die Verbindung der beiden ist eine Lernleistung.

Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen biologischen Geschlecht. Dazu gehören die sexuellen Archetypen (4) und Stereotype (5). Wie selbstverständlich sich eine Person im eigenen Körper als geschlechtlich erlebt.

Sexuelle Selbstsicherheit (11). Das Zutrauen, sexuell handlungsfähig und begehrenswert zu sein. Sie hängt eng damit zusammen, welche Erfahrungen jemand mit dem eigenen Körper gemacht hat.

Sexuelles Begehren (8). Wonach sich jemand sexuell ausrichtet und mit welcher Intensität.

Anziehungskodes (9). Die persönlichen Muster, die bestimmen, was und wer anziehend wirkt.

Das sexuelle Imaginäre (7). Ihr Inhalt, ihre Funktion und ihr Zusammenhang mit dem Erregungsmodus.

Sexuelle Aggressivität (10). Der Begriff meint im Sexocorporel die emotionale Intensität einer sexuellen Begegnung, nicht Gewalt. Gemeint ist, wie stark Gefühle zugelassen und ausgedrückt werden.

3. Kognitive Komponenten (12)

Was jemand über Sexualität weiss, glaubt und für richtig hält: Kenntnisse, Werte, Normen, Ideologien, Denkweisen, Idealisierungen. Auch das, was das Modell Mystifizierungen nennt: Vorstellungen darüber, wie Sexualität zu sein habe, die an keiner Erfahrung geprüft wurden.

Diese Komponente wird oft unterschätzt. Fehlende oder falsche Kenntnisse über den eigenen Körper sind ein häufiger und vergleichsweise leicht behebbarer Anteil an sexuellen Anliegen.

4. Beziehungskomponenten (13)

  • Liebesgefühl und Bindungsfähigkeit
  • Die Fähigkeit zu verführen
  • Kommunikation, sprachlich wie körperlich
  • Erotische Kompetenzen – das Repertoire, das jemand im Zusammenspiel mit einer anderen Person zur Verfügung hat

Wie der Raster in der Evaluation eingesetzt wird

Für jede Komponente definiert das Modell, wie sexuelle Gesundheit und Funktionalität aussehen. Dieses Gerüst trägt die Evaluation. Erhoben werden zuerst die vorhandenen Fähigkeiten, also die Stärken.

Grenzen werden nicht als Krankheit gelesen. Jeder Mensch hat Grenzen in seiner Sexualentwicklung, und das Modell will daraus keine neue Leistungsnorm machen. Eine Grenze markiert die Stelle, an der eine neue Erfahrung ansteht.

Der Nutzen des Rasters liegt in der Zuordnung. Ein ausbleibender Orgasmus kann in der Erregungsfunktion begründet sein, in fehlender emotionaler Intensität, in einer Überzeugung darüber, was sich gehört, oder in der erotischen Kommunikation eines Paares. Erst wenn die Komponenten einzeln erhoben sind, lässt sich das unterscheiden, und die Behandlung setzt dort an, wo das Anliegen tatsächlich sitzt.

Masterarbeiten zum Thema

Masterarbeiten am ISP Zürich zu einzelnen Komponenten:

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Quellen: Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2005): La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies 25(1), S. 3–19. – S. 6–8, zu den dreizehn Komponenten in vier Kategorien · Desjardins, J.-Y., Chatton, D., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2010): Le sexocorporel. La compétence érotique à la portée de tous. In: Crépault, C. u. a. (Hrsg.), La sexothérapie. Brüssel: De Boeck Supérieur, S. 63–102.

Autor: Ben Kneubühler, Geschäftsführer ISP Zürich · Stand: 3. September 2026