Sexocorporel / Das Modell der sexuellen Gesundheit
Sexocorporel beruht auf einem eigenständigen Modell sexueller Gesundheit, das von einem Modell mentaler Gesundheit unterschieden wird. Grundlage ist die WHO-Definition von 1975. Aus dieser Trennung folgt die zentrale Haltung des Ansatzes: Wer ein sexuelles Anliegen hat, ist deswegen nicht psychisch krank und braucht sexologische Arbeit statt Psychotherapie.
Die WHO-Definition als Ausgangspunkt
Nachdem die Weltgesundheitsorganisation Voraussetzungen mentaler Gesundheit beschrieben hatte, beauftragte sie 1974/75 zwei Kommissionen, dasselbe für die sexuelle Gesundheit zu tun. Deren Definition lautete, sexuelle Gesundheit umfasse die Integration körperlicher, emotionaler, intellektueller und sozialer Aspekte des Sexualwesens Mensch im Sinne einer Bereicherung auf persönlicher Ebene wie auch von Kommunikation und Liebe. Sie ist seither mehrfach weiterentwickelt worden.
Für Sexocorporel war diese Definition der Anlass, ein eigenständiges Modell zu entwickeln, das nicht die Abwesenheit von Krankheit beschreibt, sondern Fähigkeiten. Die Definition selbst und ihre Weiterentwicklungen sind auf der Seite Was ist sexuelle Gesundheit? ausführlich dargestellt; hier geht es um das Modell, das Sexocorporel daraus gemacht hat.
Warum die Trennung von mentaler Gesundheit wichtig ist
In vielen therapeutischen Modellen gilt ein sexuelles Problem als Symptom: Ausdruck eines inneren Konflikts, einer Persönlichkeitsstruktur oder einer gestörten Beziehung. Wo dieser Blick selbstverständlich ist, wird jemand mit einer Frage zur eigenen Sexualität automatisch zu einem psychotherapeutischen Fall.
Sexocorporel widerspricht dem in der Sache. Die meisten Menschen, die mit einem sexuellen Anliegen kommen, sind psychisch gesund. Ihnen fehlen sexuelle Lernschritte, nicht psychische Stabilität. Was sie brauchen, ist sexologische Arbeit an konkreten Fähigkeiten.
Das schliesst nicht aus, dass psychische Erkrankungen, Traumafolgen oder Paarkonflikte eine Rolle spielen. Es ordnet nur die Reihenfolge: Zuerst wird erhoben, was auf der sexuellen Ebene tatsächlich geschieht. Erst wenn das geklärt ist, lässt sich beurteilen, ob und wo eine psychotherapeutische oder medizinische Abklärung nötig ist.
Fähigkeiten statt Defizite
Für jede der Komponenten definiert das Modell, wie sexuelle Funktionalität aussieht. Dieses Gerüst dient der Evaluation, nicht der Bewertung.
Erhoben werden zuerst die vorhandenen Fähigkeiten. Jeder Mensch hat Grenzen in seiner Sexualentwicklung; das Modell deutet sie nicht als Pathologie. Ebenso wenig soll aus dem Gerüst eine neue Leistungsnorm werden – die Vorstellung etwa, es gebe eine richtige Art zu kommen. Grenzen geben dem Leben Sinn, indem sie neue Erfahrungen anregen.
Praktisch heisst das: Eine Behandlung beginnt nicht mit dem, was fehlt, sondern mit dem, was funktioniert. Von dort aus wird erweitert.
Was das für die Praxis bedeutet
Die Sprache ändert sich. Aus «Orgasmusstörung» wird die Frage, welche Fähigkeit – Diffusion, Kanalisation, emotionales Loslassen – noch nicht ausgebaut ist. Das ist keine Beschönigung, sondern eine präzisere Beschreibung.
Die Zuständigkeit wird klar. Sexologische Anliegen brauchen sexologische Kompetenz. Das ist der Grund, warum Sexualtherapie eine eigene Ausbildung verlangt und nicht als Zusatz zu einer psychotherapeutischen Qualifikation nebenherläuft.
Die Zielsetzung wird verhandelbar. Weil das Modell keine Norm setzt, entscheiden Klient*innen, welche Erweiterung sie anstreben.
Masterarbeiten zum Thema
Masterarbeiten am ISP Zürich, die das Gesundheitsmodell in ein Praxisfeld übertragen:
- Fortbildungsprogramm «Sexuelle Gesundheit» für Hausärzte
- Körperübungen im Kontext sexueller Gesundheit
- Sexocorporel und Soziale Arbeit
Weiterlesen
- Sexocorporel im Überblick
- Die Komponenten – das Gerüst der Evaluation
- Forschungsstand – wie gut das Modell belegt ist
Quellen: Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2005): La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies 25(1), S. 3–19. – S. 3–6, zur Unterscheidung von mentaler und sexueller Gesundheit · Voß, H.-J. & Stumpe, H. (Hrsg.) (2024): Grundlagen des Sexocorporel. Giessen: Psychosozial-Verlag.
Autor: Ben Kneubühler, Geschäftsführer ISP Zürich · Stand: 3. September 2026