Sexocorporel / Jean-Yves Desjardins und die Geschichte des Sexocorporel
Jean-Yves Desjardins (1931–2011) entwickelte Sexocorporel am Département de sexologie der Université du Québec à Montréal, das er 1968 gemeinsam mit Claude Crépault gründete – der weltweit einzigen sexologischen Fakultät. Bis 1988 arbeitete er ein Modell sexueller Entwicklung und Funktionalität aus, das seither fortgeschrieben wird.

Montréal: eine Fakultät für Sexologie
Die Gründung war ungewöhnlich. Sexologie wurde damals an Universitäten überall als Anhängsel der Medizin oder der Psychologie betrieben. In Montréal entstand ein eigenständiges Fach mit eigenem Curriculum, eigener Forschung und eigener klinischer Ausbildung.
Diese institutionelle Eigenständigkeit prägt das Modell bis heute. Dass Sexocorporel sexuelle Gesundheit als eigenen Gegenstand behandelt und nicht als Unterabteilung der psychischen, hat hier seinen Ursprung.
Ohne die Fakultät gäbe es das Modell nicht.
Von der klinischen Beobachtung zum Modell
Auf der Grundlage klinischer Beobachtungen und wissenschaftlicher Untersuchungen erarbeitete Desjardins das Modell von den 1970er-Jahren an; 1988 lag es als Modell sexueller Entwicklung und Funktionalität ausgearbeitet vor. Es wurde seither gemeinsam mit Sexolog*innen fortgeschrieben, entsprechend neuen sexualwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Die frühen Veröffentlichungen erschienen auf Französisch und in geringer Zahl. Das erklärt, warum das Modell im deutschen Sprachraum lange unbekannt blieb. Zu den zentralen Texten gehören «L’approche sexo-corporelle» von 1986 und «Approche intégrative et sexocorporelle» von 1996, beide in Fachzeitschriften erschienen, sowie der Beitrag im «Dictionnaire de la sexualité humaine» von 2004.
Neben den Fachtexten veröffentlichte Desjardins mehrere Bücher für ein breiteres Publikum, darunter «L’érotisme au féminin» und «L’érotisme au masculin» (beide 1980), sowie gemeinsam mit Claude Crépault «Le mythe du péché solitaire» (1969) und «Les corps érotiques» (1981).
Der Weg nach Europa
Erst um 2000 fasste das Modell in Europa Fuss, zunächst in der Schweiz und in Frankreich, von dort nach Österreich und Deutschland. Getragen wurde diese Verbreitung von Ausbildungsgängen, nicht von Publikationen – ein Grund dafür, dass die deutschsprachige Literatur lange dünn blieb.
2004 wurde das Institut Sexocorporel International mit Sitz in Zürich gegründet, um das Modell zu verbreiten und die Ausbildung zu strukturieren. In der Schweiz unterrichten heute mehrere Institute nach Sexocorporel, darunter das ISP Zürich und das ZISS.
Der deutschsprachige Grundlagenband
2024 erschien mit «Grundlagen des Sexocorporel», herausgegeben von Heinz-Jürgen Voß und Harald Stumpe, der erste umfassende deutschsprachige Band zum Modell. Er enthält erstmals Übersetzungen zentraler Texte von Desjardins sowie Beiträge zur Anwendung in Sexualberatung, Sexualtherapie und sexueller Bildung.
Ben Kneubühler, Geschäftsführer des ISP Zürich, hat die Einführung sowie das Kapitel zu den Anwendungen des Modells in der Sexualberatung und -therapie verfasst. Alle Angaben zum Band finden sich auf der Seite Literatur.
Zeitleiste
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1931 | Jean-Yves Desjardins geboren |
| 1968 | Gründung des Département de sexologie an der UQAM mit Claude Crépault |
| 1969 | «Le mythe du péché solitaire» mit Crépault |
| 1980 | «L’érotisme au féminin» und «L’érotisme au masculin» |
| 1986 | «L’approche sexo-corporelle» in Psychothérapies |
| 1988 | Modell sexueller Entwicklung und Funktionalität ausgearbeitet |
| 1996 | «Approche intégrative et sexocorporelle» in Sexologies |
| ab 2000 | Verbreitung in Europa über die Schweiz und Frankreich |
| 2004 | Gründung des Institut Sexocorporel International, Zürich |
| 2005 | Chatton et al.: «La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle» |
| 2011 | Jean-Yves Desjardins gestorben |
| 2024 | «Grundlagen des Sexocorporel», Psychosozial-Verlag |
Weiterlesen
- Sexocorporel im Überblick
- Literatur – Originaltexte und Sekundärliteratur
- Forschungsstand
Quellen: Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2005): La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies 25(1), S. 3–19. – S. 3–5 · Desjardins, J.-Y. (1986): L’approche sexo-corporelle. Fondements théoriques et champs d’application. Psychothérapies 1986, Nr. 1, S. 51–58. · Voß, H.-J. & Stumpe, H. (Hrsg.) (2024): Grundlagen des Sexocorporel. Giessen: Psychosozial-Verlag.
Autor: Ben Kneubühler, Geschäftsführer ISP Zürich · Stand: 3. September 2026