Eleanor Büchler untersucht in der Masterarbeit «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
«Neue Männlichkeit» klingt nach Fortschritt und erzeugt zugleich Druck. Diese Arbeit zeigt, dass die widersprüchlichen Anforderungen bis ins sexuelle Erleben durchschlagen — allerdings nicht bei allen Männern gleich. Entscheidend sind die vorhandenen persönlichen Ressourcen.
Wer ist betroffen — und wer nicht?
Die Arbeit bestätigt ihre erste Ausgangsthese: Aktuelle Männlichkeitskonstruktionen im Kontext des emanzipatorischen Diskurses führen bei Männern mit fehlenden persönlichen Ressourcen zu Verunsicherung im Erleben und Gestalten der Paarsexualität.
Der Zusatz ist der Kern. Nicht der Diskurs verunsichert, sondern das Zusammentreffen von widersprüchlichen Erwartungen mit fehlenden Ressourcen. Damit lässt sich erklären, warum bestimmte Männer betroffen sind und andere nicht.
Untersucht wurden cis-heterosexuelle Männer zwischen 30 und 45 in der Schweiz und in Deutschland. Die Arbeit ist auf Englisch verfasst.
Was folgt aus der Verunsicherung?
Die Arbeit arbeitet drei Ebenen heraus: mögliche Ursachen, die daraus folgenden Effekte in Form von Konflikten und Ängsten — und die individuellen Lösungsversuche der Betroffenen.
Diese Dreiteilung macht sie für die Praxis brauchbar. Wer in der Beratung nur die Symptome sieht, übersieht, dass die Lösungsversuche der Männer bereits Teil des Problems sein können.
Aus den Befunden leitet die Arbeit Entwicklungsbereiche ab und beschreibt Methoden und therapeutische Haltungen, die eine nachhaltige Begleitung tragen — teils bestätigt sie damit Bekanntes, teils ergänzt sie es.
Was heisst das für die Sexualtherapie?
Die zweite Ausgangsthese der Arbeit lautet, dass Verunsicherung im sexuellen Erleben von Männern eine differenzierte Betrachtung und Begleitung durch sexualtherapeutische Fachpersonen erfordert — und zwar damit nachhaltige Veränderungen in sexueller Zufriedenheit und sexueller Identität möglich werden.
Der Punkt richtet sich gegen zwei verbreitete Kurzschlüsse. Weder ist Verunsicherung ein Symptom, das sich beheben liesse, noch ist sie eine blosse Zeiterscheinung, die vorübergeht.
Gearbeitet wird aus der sexologischen Praxis nach Desjardins‘ Ansatz Sexocorporel — also körperbezogen und nicht nur über das Gespräch über Rollenbilder.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Eine qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis mit einer klar umrissenen Zielgruppe: cis-heterosexuelle Männer eines bestimmten Alters in zwei Ländern.
Die Erhebung erfolgt aus der Praxis heraus, das heisst über Männer, die bereits in Behandlung sind. Wie verbreitet die beschriebene Verunsicherung ausserhalb dieses Rahmens ist, zeigt die Arbeit nicht.
Ihre Stärke liegt in der Differenzierung. Sie beschreibt nicht «die verunsicherten Männer», sondern unterscheidet, unter welchen Bedingungen Verunsicherung entsteht.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 121 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Sie enthält die Analyse aktueller Männlichkeitskonstruktionen, die qualitative Untersuchung aus der sexologischen Praxis sowie die abgeleiteten Entwicklungsbereiche und therapeutischen Haltungen.
Abstract der Arbeit
In today's social context, the construction and perception of masculinity is undergoing profound change. Traditional gender roles and stereotypical expectations are increasingly being questioned and newly interpreted. These developments put forward important questions, particularly with regard to individual self-awareness and the social acceptance of modern masculinities. «New masculinity» as a leitmotif and with overlapping and contradictory expectations towards the contemporary male of today can result in uncertainty about masculinity. The presented paper examines the dynamics of current constructions of masculinity within the context of emancipatory discourse and their specific effects on the sexual experience of cis-heterosexual men aged 30 to 45 in couple sexuality in Switzerland and Germany. The qualitative study of sexological practice according to Desjardins’ approach Sexocorporel, helps to better understand the specific quality of masculine insecurity in sexual experience. The study provides indications as to why certain men are affected contrary to others, what the possible causes could be and which conflicts, anxieties and individual solutions result thereof. From this, on the one hand, areas of development can be derived and, on the other, helpful methods and therapeutic stances for sustainable therapeutic support can be described or confirmed. The study further shows that a salutogenetic approach such as Sexocorporel can support clients in discovering security in their own individuality and freedom from the external parameters of orientational-constraint. More widely accessible sexological expertise could positively complement social and socio-cultural developments, alleviate problematising dynamics surrounding male sexuality and promote individual development and emancipational processes. Uncertainty of one's own masculinity, due to the contemporary constructions of masculinity in the broader context of emancipatory discourse, should be regarded more positively than is currently the case. Uncertainty ought to be seen as integral part of the process towards an authentically experienced, individual male sexual identity.
Eleanor Büchler, Abstract der Masterarbeit, 2024
Angaben zur Arbeit
Titel
«Neue Männlichkeit» als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive
Verfasst von
Eleanor Büchler
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4
Jahr
2024
Themen
Männlichkeit · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel
Lizenz und Nachweis. Eleanor Büchler: «‹Neue Männlichkeit› als sexuelle Herausforderung Verunsicherte Männlichkeit im Kontext aktueller Männlichkeitskonstruktionen – eine Betrachtung aus sexualtherapeutischer Praxisperspektive». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik