Lea Eisenring untersucht in der Masterarbeit «Sexuelle Unlust von Frauen im Kontext des Geschlechtsverkehrs und der » am ISP. Die Arbeit entstand 2020 im Jahrgang MA2 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
«Keine Lust auf Sex» kann zweierlei heissen — kein Interesse an sexuellen Handlungen, oder kein Empfinden während der Begegnung. Diese Arbeit zeigt, dass betroffene Frauen selbst kaum zwischen beidem unterscheiden. Und sie nimmt einen zweiten Ort in den Blick, der in Beratungen fast nie vorkommt: die Selbstbefriedigung.
Lust oder Erregung — was meinen Betroffene?
Die befragten Frauen verstehen unter sexueller Lust vor allem das sexuelle Interesse. Wenn sie ihr Erleben schildern, setzen sie es aber mit der sexuellen Erregung gleich, etwa während des Geschlechtsverkehrs. Die Unterscheidung ist bei Betroffenen diffus.
Die befragte Fachfrau bestätigt das aus ihrer Praxis: Wer von fehlender Lust spricht, meint meist fehlendes Interesse an sexuellen Handlungen.
Für die Beratung ist das der praktisch wichtigste Punkt der Arbeit. Bevor man an einem Anliegen arbeitet, muss geklärt sein, was die Frau mit dem Wort überhaupt bezeichnet — sonst behandelt man das eine und meint das andere.
Passt die klinische Definition?
Das DSM-5 definiert sexuelle Unlust als Fehlen oder deutliche Verminderung des sexuellen Interesses über mindestens sechs Monate, verbunden mit Leidensdruck.
Genau daran zeigt die Arbeit eine Lücke. Beide Befragten fühlen sich von sexueller Unlust betroffen — beschreiben ihren Leidensdruck aber als nicht stark ausgeprägt. Nach der klinischen Definition wären sie also nicht betroffen.
Die Autorin schliesst daraus, dass eine ausschliesslich klinische Definition dem Empfinden vieler Frauen nicht gerecht wird. Wer nur nach Diagnosekriterien fragt, übersieht diejenigen, die etwas verändern möchten, ohne darunter im klinischen Sinn zu leiden.
Warum spielt die Selbstbefriedigung eine Rolle?
Sexuelle Unlust wird fast immer als Problem der Paarsexualität verhandelt. Diese Arbeit fragt, welchen Stellenwert die Selbstbefriedigung bei betroffenen Frauen hat — und findet dort ein Muster.
Viele Frauen befriedigen sich auf eine bestimmte, seit der Kindheit entwickelte und gefestigte Weise. Ist dieses Muster störungsanfällig oder in der Paarsexualität schwer umsetzbar, entstehen dort Probleme.
Kommt hinzu, dass der Geschlechtsverkehr als wenig lustvoll erlebt wird und andere Motive fehlen, verstärkt sich die Unlust weiter. Für viele Betroffene ist dieser Zusammenhang neu — in der Praxis ist er häufig.
Was sagt die Forschung dazu?
Die Arbeit ordnet ihre Befunde in das zirkuläre Modell von Rosemary Basson ein. Darin ist die intrinsische Appetenz — die Lust, die von selbst entsteht — nur ein kleiner Teil. Kennzeichnend sind die nicht-sexuellen Motive, sich auf eine Begegnung einzulassen.
Das Modell passt nicht auf alle Frauen. Aufschlussreich ist aber, wer sich darin wiedererkennt: vor allem Frauen mit sexuellen Problemen. Damit liefert es für genau diese Gruppe eine Erklärung, die ohne Defizit auskommt.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Offene Leitfadeninterviews mit zwei betroffenen Frauen sowie ein Interview mit einer Fachfrau. Das ist eine schmale empirische Grundlage, und die Arbeit stützt ihre Schlüsse entsprechend stark auf die Literatur.
Was sie leistet, ist eine begriffliche Klärung, die in der Beratung unmittelbar brauchbar ist — und der Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Selbstbefriedigungsmuster und Paarsexualität, der in der Praxis häufig, in der Literatur aber wenig behandelt ist.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 110 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu sexueller Lust und Unlust, die Definitionen nach DSM-5 und das Modell von Basson, die vollständige Auswertung der Interviews sowie konkrete Hinweise für die Beratung betroffener Frauen.
Abstract der Arbeit
Die vorliegende Masterarbeit befasst sich mit der sexuellen Unlust von Frauen. Anders als in vielen Arbeiten wird diese nicht nur auf die Paarsexualität bezogen, sondern auch auf die Selbstbefriedigung. Durch offene Leitfadeninterviews sowie einem Experteninterview wird der Frage nachgegangen, welchen Stellenwert die Selbstbefriedigung bei von sexueller Unlust betroffenen Frauen hat. Es zeigt sich, dass sowohl die Ursachen der sexuellen Unlust, das Erleben der sexuellen Unlust als auch die Gestaltung der Selbstbefriedigung sehr variantenreich sind. Die Selbstbefriedigung wird bei vielen Frauen auf eine bestimmte Art gestaltet und in immer wiederkehrendem Muster gelebt. Dieses Muster wurde seit Kindheit entwickelt und gefestigt. Zeigt sich dieses Muster sehr störungsanfällig und schwer umsetzbar, kann es in der Paarsexualität zu Problemen führen. Wird der Geschlechtsverkehr mit dem Partner oder Partnerin als wenig lustvoll erlebt und fehlen zudem andere Motive, sich auf den Geschlechtsverkehr einzulassen, kann dies die sexuelle Unlust positiv verstärken. Diese Ansicht ist für viele betroffenen Frauen zwar neu, in der Praxis jedoch häufig. Diese Erkenntnis sowie weitere Ergebnisse der vorliegenden Masterarbeit ermöglichen konkrete Hinweise für die Beratung von betroffenen Frauen.
Lea Eisenring, Abstract der Masterarbeit, 2020
Angaben zur Arbeit
Titel
Sexuelle Unlust von Frauen im Kontext des Geschlechtsverkehrs und der Selbstbefriedigung
Verfasst von
Lea Eisenring
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA2
Jahr
2020
Themen
Paarsexualität
Lizenz und Nachweis. Lea Eisenring: «Sexuelle Unlust von Frauen im Kontext des Geschlechtsverkehrs und der Selbstbefriedigung». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP, 2020. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
Verwandte Masterarbeiten
- Sextoys, das Versprechen von Lust und Orgasmen — Tamara Schmucki, 2022 (Paarsexualität)
- Sex haben oder Sex machen? Sexuelle Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit — Soraya Nora Gradolf, 2024 (Paarsexualität)
- Sexuelles Erleben von Frauen im Kontext heterosexueller Paarsexualität — Ladina Engler, 2024 (Paarsexualität)
- Frauen mit starkem sexuellen Begehren — Laila Schläfli, 2024 (Paarsexualität)
Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik