Peter Steinmann untersucht in der Masterarbeit «Einfluss der erektilen Dysfunktion nach einer radikalen Prostatektomie» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2022 im Jahrgang MA3 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Drei der vier befragten Männer berichteten nach der Prostataoperation von keinerlei psychischen Nachwirkungen. Alle drei hatten denselben Urologen — einen, der zusätzlich Sexologie studiert hat. Der vierte, nur medizinisch aufgeklärt, musste sich seine Antworten allein zusammensuchen. Der Autor benennt diesen Umstand selbst als Schwäche seiner Studie. Er ist zugleich ihr stärkstes Ergebnis.
Was verändert sich nach der Operation?
Die physiologischen Funktionen nehmen durch die radikale Prostatektomie ab — das ist erwartbar und bestätigt sich. Die Häufigkeit sexueller Begegnungen und der Selbstbefriedigung blieb dagegen etwa gleich.
Alle vier Befragten können auch nach dem Eingriff ihre Lust steigern, Erektionen bekommen und zum Orgasmus kommen. Was sich verändert hat, liegt anderswo.
Erhoben wurde das entlang der Komponenten des Modells Sexocorporel, jeweils für die Zeit vor und nach der Operation — ein Vorgehen, das mehr zeigt als die Frage nach der Erektionsfähigkeit allein.
Was macht die erektile Dysfunktion mit der Selbstsicherheit?
Die sexuelle Selbstsicherheit hat nach der Operation abgenommen. Das ist der zentrale Befund und der Grund, warum diese Arbeit über eine urologische Nachkontrolle hinausgeht.
Bei den Bewältigungsstrategien nannten die Männer vor allem PDE-5-Hemmer. Der Umgang mit der Störung läuft also stark über Medikamente — was naheliegt, wenn die Beratung sich auf das Medizinische beschränkt.
Warum ist die Begleitung entscheidend?
Hier liegt der eigentliche Ertrag. Drei Befragte gaben an, psychisch keine Nachwirkungen zu haben, und hatten weder Fragen noch Verbesserungsvorschläge zur medizinischen und sexologischen Betreuung. Alle drei waren Patienten desselben Urologen, der auch Sexologie studiert hat und sie entsprechend begleiten konnte.
Der vierte Teilnehmer wurde von seinem Urologen nur medizinisch aufgeklärt und musste die sexologischen Fragen mit grossem Aufwand auf anderen Wegen selbst abklären.
Der Autor wertet die Rekrutierung dieser drei über denselben Arzt als Einschränkung der Repräsentativität — und zieht daraus zugleich den Schluss, dass ein entsprechend ausgebildeter Urologe seine Patienten auch über das Medizinische hinaus vollumfänglich beraten kann.
Was heisst das für die Praxis?
Für die Urologie ist die Folgerung unmittelbar: Die sexologische Kompetenz der behandelnden Person entscheidet mit darüber, wie ein Mann die Zeit nach der Operation erlebt. Nicht als Zusatzangebot, sondern als Teil der Nachsorge.
Für die Sexualberatung heisst es umgekehrt: Wer Männer nach einer Prostatektomie begleitet, arbeitet meist mit denen, die diese Begleitung nicht bekommen haben.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Vier qualitative Interviews, ausgewertet nach Mayring. Der Autor reflektiert seine Methodik ungewöhnlich offen und benennt drei Schwächen selbst.
Erstens die einseitige Rekrutierung über einen Arzt. Zweitens: Ein Teilnehmer hatte nach der Operation keine Sexualpartnerin mehr und fiel bei allen partnerbezogenen Fragen aus — er hätte das vorher abklären müssen. Drittens waren die verwendeten Skalen von 0 bis 7 ungünstig gewählt; von 0 bis 10 hätten sie sich ohne Umrechnung mit den Prozentskalen verbinden lassen.
Diese Offenheit macht die Arbeit nicht schwächer, sondern lesbarer. Man weiss, worauf sich die Aussagen stützen.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 107 Seiten. Sie enthält die medizinischen Grundlagen der radikalen Prostatektomie, den Forschungsstand zur erektilen Dysfunktion danach, die vollständige Auswertung der vier Interviews entlang der Komponenten des Modells Sexocorporel sowie die kritische Methodenreflexion.
Abstract der Arbeit
In der vorliegenden Masterarbeit werden die Folgen einer partiellen oder vollständigen erek- tilen Dysfunktion bei Männern betrachtet, welche sich einer radikale Prostatektomie unter- zogen haben. Es wurden dafür vier Männer nach einer radikalen Prostatektomie in einem qualitativen Interview befragt. Eine zentrale Frage dieser Arbeit war die Untersuchung der sexuellen Selbstsicherheit ba- sierend auf den Komponenten des Sexocorporel vor und nach der radikalen Prostatekto- mie. Die Ergebnisse zeigen, dass die sexuelle Selbstsicherheit nach der Operation durch die erektile Dysfunktion abgenommen hat. Eine weitere Frage betrifft die Bewältigungsstrategien der Interviewteilnehmer beim Um- gang mit den Nachwirkungen der Operation. Hier geht es ebenfalls vor allem um den Um- gang mit der erektilen Dysfunktion. Bei den Strategien erwähnten die Teilnehmer vornehm- lich verschiedene PDE-5-Hemmer. In Bezug auf die psychischen Nachwirkungen sagten drei der vier Teilnehmer, dass sie psychisch keine Nachwirkungen hätten. Alle drei Perso- nen sind Patienten desselben Urologen. Da Letzterer auch Sexologie studiert hatte, konnte er die Patienten zusätzlich sexologisch einwandfrei betreuen, sodass in diesem Bereich keine Fragen offenblieben. Dies war ein grosser Gegensatz zur Situation beim vierten Teil- nehmer, der von seinem Urologen nur medizinisch aufgeklärt wurde und mit grossem Auf- wand die sexologischen Fragen auf anderen Wegen allein abklären musste. Dieser letzte Teilnehmer besuchte eine begleitende Sexualtherapie, welche nach seinen Angaben seine Heilung beschleunigt hat. Schlussfolgerung: Wie in den Forschungshypothesen angenommen hat die sexuelle Selbstsicherheit durch die radikale Prostatektomie abgenommen. Im Weiteren hat sich gezeigt, dass es von grosser Bedeutung ist, dass Patienten einer radikalen Prostatektomie mit ihren Partner*innen, sowohl medizinisch als auch sexologisch betreut werden, damit sie effektiv mit den Folgen der Operation umgehen können. Diese Betreuung kann durch einen entsprechend ausgebildeten Urologen oder durch einen Se- xologen erfolgen.
Peter Steinmann, Abstract der Masterarbeit, 2022
Angaben zur Arbeit
Titel
Einfluss der erektilen Dysfunktion nach einer radikalen Prostatektomie auf das Sexualleben des betroffenen Mannes : Einfluss der Operationsfolgen auf die sexuelle Selbstsicherheit unter Einbezug des Modells Sexocorporel
Verfasst von
Peter Steinmann
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA3
Jahr
2022
Themen
Operative Eingriffe · Erektile Dysfunktion · Selbstwirksamkeit · Sexocorporel
Lizenz und Nachweis. Peter Steinmann: «Einfluss der erektilen Dysfunktion nach einer radikalen Prostatektomie auf das Sexualleben des betroffenen Mannes : Einfluss der Operationsfolgen auf die sexuelle Selbstsicherheit unter Einbezug des Modells Sexocorporel». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2022. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik