Raffaella Kälin-Carrer untersucht in der Masterarbeit «Selbstbefriedigung bei Erwachsenen mit einer kognitiven Behinderung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2022 im Jahrgang MA3 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Über die Sexualität von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung wird meist über sie hinweg gesprochen. Diese Arbeit fragt sie selbst — und bekommt eine Antwort, die Institutionen unbequem sein dürfte: Für dieses Thema wollen die Bewohnenden nicht ihre Betreuenden, sondern externe Fachpersonen.
Warum nicht mit den Betreuenden?
Die Betreuenden signalisieren durchaus Gesprächsbereitschaft. Das Problem liegt woanders: Sie sind den Bewohnenden oft zu nahe und in deren Alltag zu stark eingebunden.
Für das schambehaftete Thema Sexualität wünschen sich die Befragten deshalb externe Fachpersonen. Die Arbeit formuliert daraus eine klare Anforderung: Dieser Zugang muss gewährleistet sein.
Das ist eine unmittelbar umsetzbare Forderung — und eine, die keine Haltungsänderung verlangt, sondern eine Organisationsentscheidung.
Was macht ein brauchbares Sexualkonzept aus?
Die Arbeit nennt drei Punkte, die sich von den üblichen Konzeptpapieren unterscheiden.
Erstens: Konzepte sollen nur das Wichtigste enthalten — dafür aber im Alltag tatsächlich gelebt werden. Ein umfassendes Dokument, das niemand anwendet, nützt nichts.
Zweitens: Unterlagen, Infomaterial und Konzepte müssen den Bewohnenden entsprechend ihren Lese- und Verständniskompetenzen zugänglich sein. Sie müssen ihre Rechte und Möglichkeiten kennen — sonst sind diese Rechte theoretisch.
Drittens: Sprache transportiert Werte und Normen, auch in Konzepten. Die Konzeptarbeit selbst braucht deshalb reflektierte fachliche Begleitung.
Wie wurde erhoben?
In vier Leitfadeninterviews in angepasster Sprache mit Frauen* und Männern* zwischen 20 und 30 Jahren, die in einer Institution leben. Im Zentrum stand das Erleben und Gestalten der Selbstbefriedigung, eingebettet in die Frage nach ihrer sexuellen Gesundheit.
Ausgewertet wurde nach Mayring und abgeglichen mit den Konzepten der beteiligten Institutionen. Damit trifft die Arbeit die Aussagen der Bewohnenden auf das, was auf dem Papier steht.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Vier Interviews sind eine kleine Grundlage, und die Befragten leben in Institutionen, die sich unterscheiden. Was sie berichten, gilt zunächst für sie.
Der Wert liegt in der Methode. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung selbst zu befragen — in angepasster Sprache, zu einem schambesetzten Thema — ist aufwendig und wird selten gemacht. Die Alternative ist, über sie zu sprechen. Genau das kritisiert die Arbeit.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 101 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Sexualität und kognitiver Beeinträchtigung, die vollständige Auswertung der vier Interviews, den Abgleich mit den Institutionskonzepten sowie die Schlussfolgerungen für die sexualpädagogische und sexualtherapeutische Arbeit.
Abstract der Arbeit
In der vorliegenden Masterarbeit wird anhand vier qualitativer Interviews mit Frauen* und Männern* mit einer kognitiven Beeinträchtigung der Bedarf an sexualpädagogischen und sexualtherapeutischen Interventionen im Kontext einer Institution erforscht. Mit Leitfaden- interviews in adäquater Sprache wird die Zielgruppe direkt befragt. Der Schwerpunkt liegt, unter Einbezug der sexuellen Gesundheit der Teilnehmenden, auf dem Erleben und Ge- stalten der Selbstbefriedigung. Anhand der Auswertung nach Mayring und der Konzepte der Institutionen wird der Bedarf an sexualtherapeutischer und sexualpädagogischer Un- terstützung evaluiert.
Raffaella Kälin-Carrer, Abstract der Masterarbeit, 2022
Angaben zur Arbeit
Titel
Sexuelle Gesundheit, im Speziellen die Selbstbefriedigung, erwachsener Frauen* und Männer* zwischen 20 und 30 Jahren mit einer kognitiven Behinderung : Bedarfsanalyse sexualpädagogischer und sexualtherapeutischer Unterstützung be-züglich der sexuellen Gesundheit und der Selbstbefriedigung erwachsener Frauen* und Männer*, welche mindestens seit zwei Jahren in einer Institution für Menschen mit einer Behinderung leben
Verfasst von
Raffaella Kälin-Carrer
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA3
Jahr
2022
Themen
Operative Eingriffe · Institutionelle Begleitung · Paarsexualität
Lizenz und Nachweis. Raffaella Kälin-Carrer: «Sexuelle Gesundheit, im Speziellen die Selbstbefriedigung, erwachsener Frauen* und Männer* zwischen 20 und 30 Jahren mit einer kognitiven Behinderung : Bedarfsanalyse sexualpädagogischer und sexualtherapeutischer Unterstützung be-züglich der sexuellen Gesundheit und der Selbstbefriedigung erwachsener Frauen* und Männer*, welche mindestens seit zwei Jahren in einer Institution für Menschen mit einer Behinderung leben». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2022. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik