Kategorien
MA5 Masterarbeit

Sexuelle Bildung an Sonderschulen Typ C im Kanton Zürich

Milena Weilenmann untersucht in der Masterarbeit «Sexuelle Bildung an Sonderschulen Typ C im Kanton Zürich» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Der Lehrplan 21 ist seit dem Schuljahr 2018/19 verbindlich und enthält Kompetenzen zur sexuellen Bildung. An Sonderschulen des Typs C im Kanton Zürich kommt er in diesem Bereich kaum vor — weder in den Konzepten noch im Unterricht. Das ist der zentrale Befund dieser Untersuchung.

Wie ist die Lage?

Die Arbeit zeichnet ein Handlungsfeld, das von hoher Komplexität, institutioneller Eigenständigkeit und struktureller Uneinheitlichkeit geprägt ist.

Die Relevanz sexueller Bildung wird allgemein anerkannt. Systematisch im Curriculum verankert ist sie trotzdem nicht — das belegen sowohl die schriftliche Erhebung als auch die Interviews.

Viele Lehrpersonen handeln nach wie vor weitgehend situativ und ohne strukturelle Einbettung. Angesichts der Schutz- und Bildungsbedürfnisse dieser Schüler*innen bewertet die Arbeit das als herausfordernd — eine zurückhaltende Formulierung für ein Problem.

Wer ist zuständig?

Häufig niemand ausdrücklich. Nur wenige Schulen haben klare Rollenzuweisungen im Bereich der sexuellen Bildung vorgenommen.

Die Autorin verweist darauf, dass internationale Forschung zum selben Ergebnis kommt und ebenfalls fehlende Rollenzuweisungen benennt. Es handelt sich also nicht um eine Zürcher Besonderheit.

Die Folgen sind zweifach: Die uneinheitliche Rollenverteilung erschwert die nachhaltige Umsetzung, und sie wirkt sich auf die Qualität dessen aus, was tatsächlich stattfindet. Wo Zuständigkeit fehlt, hängt alles am Engagement Einzelner.

Was funktioniert trotzdem?

Die Arbeit belässt es nicht bei der Kritik. Sie hat Best-Practice-Beispiele identifiziert, die das Potenzial kreativer und praxisnaher Lösungsansätze zeigen.

Schwierig wird es besonders bei zwei Dingen: beim Umgang mit sensiblen Themen und bei der Auswahl geeigneter Materialien. Für eine Zielgruppe mit kognitiver Beeinträchtigung gibt es wenig passendes Material, und die vorhandenen Angebote sind selten auf diese Schulform zugeschnitten.

Für Schulleitungen, die vom Einzelengagement zu einem Konzept kommen wollen, ist die Arbeit damit eine brauchbare Grundlage — sie zeigt, wo anzusetzen wäre und was anderswo bereits gelingt.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Ein Mixed-Methods-Ansatz: eine schriftliche Befragung der Sonderschulen sowie acht vertiefende Interviews mit Fachpersonen aus Schul- und Bereichsleitung sowie Heil- und Sozialpädagogik, ausgewertet nach Mayring.

Die Kombination aus Breite und Tiefe ist für diese Fragestellung angemessen. Befragt wurden allerdings Fachpersonen, nicht Schüler*innen — wie sexuelle Bildung an diesen Schulen erlebt wird, bleibt offen.

Die Ergebnisse beziehen sich auf einen Schultyp in einem Kanton. Das ist eng gefasst, aber es macht die Aussagen präzise.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 120 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu sexueller Bildung bei kognitiver Beeinträchtigung, die Analyse der Lehrplan-21-Kompetenzen, die vollständige Auswertung von Befragung und Interviews sowie die identifizierten Best-Practice-Beispiele.

Abstract der Arbeit

Diese Masterarbeit untersucht die Umsetzung der sexuellen Bildung an Sonderschulen des Typs C im Kanton Zürich vor dem Hintergrund des Lehrplan 21. Ziel war es, zu analysieren, inwieweit und in welcher Form die sexuelle Bildung in sonderpädagogischen Institutionen strukturell verankert und praktisch umgesetzt wird. Dabei standen sowohl die curriculare Orientierung als auch Herausforderungen und Gelingensfaktoren im Fokus. Methodisch wurde ein Mixed-Methods-Ansatz verfolgt. Eine schriftliche Befragung der Sonderschulen sowie acht vertiefende Expert*inneninterviews mit Fachpersonen aus den Bereichen Schul- und Bereichsleitung, Heil- und Sozialpädagogik lieferten die Grundlage. Die qualitativen Daten wurden nach dem Verfahren der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse (Mayring, 2022) ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen eine grosse Heterogenität hinsichtlich der Um- setzung. Während an vielen Schulen engagierte Einzelinitiativen existieren, fehlt häufig eine systematische curriculare Einbettung, institutionalisierte Zuständigkeiten sowie ge- zielte Weiterbildungsangebote. Besonders im Umgang mit sensiblen Themen und der Ma- terialauswahl ergeben sich spezifische Herausforderungen. Zugleich wurden Best-Practice- Beispiele identifiziert, die auf das Potenzial kreativer und praxisnaher Lösungsansätze hin- weisen. Die Arbeit schliesst mit konkreten Handlungsempfehlungen zur strukturellen Ver- ankerung der sexuellen Bildung im sonderpädagogischen Setting sowie dem Aufruf, sexu- elle Bildung als gleichwertige Bildungsaufgabe in der Sonderpädagogik anzuerkennen und weiterzuentwickeln.

Milena Weilenmann, Abstract der Masterarbeit, 2025

Angaben zur Arbeit

Titel
Sexuelle Bildung an Sonderschulen Typ C im Kanton Zürich – Eine Evaluation der Umsetzung des Lehrplan 21

Verfasst von
Milena Weilenmann

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5

Jahr
2025

Themen
Sexualität & Behinderung · Jugendsexualität · Sexuelle Bildung

Lizenz und Nachweis. Milena Weilenmann: «Sexuelle Bildung an Sonderschulen Typ C im Kanton Zürich – Eine Evaluation der Umsetzung des Lehrplan 21». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend

Kategorien
MA3 Masterarbeit

Selbstbefriedigung bei Erwachsenen mit einer kognitiven Behinderung

Raffaella Kälin-Carrer untersucht in der Masterarbeit «Selbstbefriedigung bei Erwachsenen mit einer kognitiven Behinderung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2022 im Jahrgang MA3 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Über die Sexualität von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung wird meist über sie hinweg gesprochen. Diese Arbeit fragt sie selbst — und bekommt eine Antwort, die Institutionen unbequem sein dürfte: Für dieses Thema wollen die Bewohnenden nicht ihre Betreuenden, sondern externe Fachpersonen.

Warum nicht mit den Betreuenden?

Die Betreuenden signalisieren durchaus Gesprächsbereitschaft. Das Problem liegt woanders: Sie sind den Bewohnenden oft zu nahe und in deren Alltag zu stark eingebunden.

Für das schambehaftete Thema Sexualität wünschen sich die Befragten deshalb externe Fachpersonen. Die Arbeit formuliert daraus eine klare Anforderung: Dieser Zugang muss gewährleistet sein.

Das ist eine unmittelbar umsetzbare Forderung — und eine, die keine Haltungsänderung verlangt, sondern eine Organisationsentscheidung.

Was macht ein brauchbares Sexualkonzept aus?

Die Arbeit nennt drei Punkte, die sich von den üblichen Konzeptpapieren unterscheiden.

Erstens: Konzepte sollen nur das Wichtigste enthalten — dafür aber im Alltag tatsächlich gelebt werden. Ein umfassendes Dokument, das niemand anwendet, nützt nichts.

Zweitens: Unterlagen, Infomaterial und Konzepte müssen den Bewohnenden entsprechend ihren Lese- und Verständniskompetenzen zugänglich sein. Sie müssen ihre Rechte und Möglichkeiten kennen — sonst sind diese Rechte theoretisch.

Drittens: Sprache transportiert Werte und Normen, auch in Konzepten. Die Konzeptarbeit selbst braucht deshalb reflektierte fachliche Begleitung.

Wie wurde erhoben?

In vier Leitfadeninterviews in angepasster Sprache mit Frauen* und Männern* zwischen 20 und 30 Jahren, die in einer Institution leben. Im Zentrum stand das Erleben und Gestalten der Selbstbefriedigung, eingebettet in die Frage nach ihrer sexuellen Gesundheit.

Ausgewertet wurde nach Mayring und abgeglichen mit den Konzepten der beteiligten Institutionen. Damit trifft die Arbeit die Aussagen der Bewohnenden auf das, was auf dem Papier steht.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Vier Interviews sind eine kleine Grundlage, und die Befragten leben in Institutionen, die sich unterscheiden. Was sie berichten, gilt zunächst für sie.

Der Wert liegt in der Methode. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung selbst zu befragen — in angepasster Sprache, zu einem schambesetzten Thema — ist aufwendig und wird selten gemacht. Die Alternative ist, über sie zu sprechen. Genau das kritisiert die Arbeit.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 101 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Sexualität und kognitiver Beeinträchtigung, die vollständige Auswertung der vier Interviews, den Abgleich mit den Institutionskonzepten sowie die Schlussfolgerungen für die sexualpädagogische und sexualtherapeutische Arbeit.

Abstract der Arbeit

In der vorliegenden Masterarbeit wird anhand vier qualitativer Interviews mit Frauen* und Männern* mit einer kognitiven Beeinträchtigung der Bedarf an sexualpädagogischen und sexualtherapeutischen Interventionen im Kontext einer Institution erforscht. Mit Leitfaden- interviews in adäquater Sprache wird die Zielgruppe direkt befragt. Der Schwerpunkt liegt, unter Einbezug der sexuellen Gesundheit der Teilnehmenden, auf dem Erleben und Ge- stalten der Selbstbefriedigung. Anhand der Auswertung nach Mayring und der Konzepte der Institutionen wird der Bedarf an sexualtherapeutischer und sexualpädagogischer Un- terstützung evaluiert.

Raffaella Kälin-Carrer, Abstract der Masterarbeit, 2022

Angaben zur Arbeit

Titel
Sexuelle Gesundheit, im Speziellen die Selbstbefriedigung, erwachsener Frauen* und Männer* zwischen 20 und 30 Jahren mit einer kognitiven Behinderung : Bedarfsanalyse sexualpädagogischer und sexualtherapeutischer Unterstützung be-züglich der sexuellen Gesundheit und der Selbstbefriedigung erwachsener Frauen* und Männer*, welche mindestens seit zwei Jahren in einer Institution für Menschen mit einer Behinderung leben

Verfasst von
Raffaella Kälin-Carrer

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA3

Jahr
2022

Themen
Operative Eingriffe · Institutionelle Begleitung · Paarsexualität

Lizenz und Nachweis. Raffaella Kälin-Carrer: «Sexuelle Gesundheit, im Speziellen die Selbstbefriedigung, erwachsener Frauen* und Männer* zwischen 20 und 30 Jahren mit einer kognitiven Behinderung : Bedarfsanalyse sexualpädagogischer und sexualtherapeutischer Unterstützung be-züglich der sexuellen Gesundheit und der Selbstbefriedigung erwachsener Frauen* und Männer*, welche mindestens seit zwei Jahren in einer Institution für Menschen mit einer Behinderung leben». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2022. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

Verwandte Masterarbeiten

Weiterführend