Romina Fliri untersucht in der Masterarbeit «Vaginismus – Störung oder Stärke?» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Im 19. Jahrhundert wurde Vaginismus chirurgisch behandelt. Im 20. rückten psychische Aspekte nach — das Behandlungsziel blieb meist dasselbe: Penetrationsfähigkeit. Diese Arbeit rekonstruiert diese Geschichte und stellt die Frage, die im Titel steht: Störung oder Stärke?
Wie wurde Vaginismus historisch behandelt?
Im 19. Jahrhundert dominierten mechanisch-chirurgische Ansätze. Sie pathologisierten den weiblichen Körper und unterwarfen ihn medizinischer Kontrolle.
Erst im 20. Jahrhundert begannen psychoanalytische und verhaltenstherapeutische Konzepte, psychodynamische und partnerschaftliche Aspekte einzubeziehen. Häufig geschah das aber weiterhin unter dem Primat der Penetrationsfähigkeit als Therapieziel — die Erklärung änderte sich, das Ziel nicht.
Die Arbeit zeigt, dass Vaginismus je nach herrschender Sexualmoral, medizinischem Wissensstand und Geschlechternormen unterschiedlich definiert, diagnostiziert und behandelt wurde. Was als Störung gilt, hängt von der Epoche ab.
Was leistet die feministische Kritik?
Sie richtet sich gegen die Pathologisierung weiblicher Sexualität und besonders gegen die Kategorisierung von Vaginismus als Funktionsstörung.
Ihre Forderung ist konkret: sexuelle Probleme nicht vorschnell als Defizite etikettieren, sondern die subjektive Bedeutung körperlicher Symptome, ihre biografische Verwurzelung und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick nehmen.
In dieser Perspektive lässt sich Vaginismus auch anders lesen — als legitime körperliche Grenzziehung, als Schutzreaktion oder als Ausdruck von Selbstbestimmung gegenüber normativen Sexualskripten.
Ist Vaginismus also keine Störung?
So einfach macht es sich die Arbeit nicht. Ihr Schluss lautet, dass sexuelle Funktionsstörungen nicht isoliert als biologische Defekte zu verstehen sind — sie sind tief eingebettet in kulturelle Normen, historische Diskurse und gesellschaftliche Vorstellungen über Weiblichkeit und Körperlichkeit.
Daraus folgt keine Umdeutung um jeden Preis, sondern ein Plädoyer für eine biopsychosoziale Behandlung. Eine, die von der individuellen Erfahrung ausgeht statt von der Funktion, und in der Lust, Selbstbestimmung und emotionale Sicherheit zentrale Rollen spielen.
Für Betroffene ist das eine spürbare Verschiebung: Die Frage lautet nicht mehr, ob der Körper funktioniert, sondern was er mitteilt.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Eine literaturbasierte Analyse ohne eigene Erhebung. Sie rekonstruiert medizinische, psychologische und gesellschaftliche Diskurse und befragt sie auf ihre normativen Voraussetzungen.
Damit macht sie etwas anderes als die empirischen Arbeiten dieser Sammlung — sie prüft nicht, was wirkt, sondern woher die Massstäbe kommen, an denen gemessen wird. Wer eine Behandlungsempfehlung sucht, findet sie in der Arbeit von Sarah Graf zu Wirkfaktoren bei Vaginismus.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 113 Seiten. Sie enthält die historische Rekonstruktion von Definition, Diagnose und Behandlung des Vaginismus vom 19. bis ins 21. Jahrhundert, die feministische Kritik an der Pathologisierung sowie die Ableitungen für eine biopsychosozial orientierte Behandlung.
Abstract der Arbeit
Diese Masterarbeit untersucht die Definition, Diagnose und Behandlung von Vaginismus im historischen Verlauf vom 19. bis zum 21. Jahrhundert sowie aus feministischer Perspektive. Anhand einer literaturbasierten Analyse werden medizinische, psychologische und gesellschaftliche Diskurse kritisch rekonstruiert und auf ihre normativen Prämissen hin befragt. Im 19. Jahrhundert dominierte eine mechanistische Sichtweise, die Vaginismus als anatomisches oder hysterisches Defizit behandelte. Erst im 20. Jahrhundert rückten psychodynamische und verhaltenstherapeutische Modelle die psychische Dimension von Sexualität stärker in den Fokus, wenngleich weiterhin häufig Penetrationsfähigkeit als Hauptziel galt. Feministische Theorien kritisieren diese funktionalistischen Ansätze und plädieren für eine Neubewertung von Sexualität, in der Lust, Selbstbestimmung und körperliche Integrität zentrale Rollen spielen. Sie hinterfragen die Pathologisierung abweichender sexueller Erfahrungen und schlagen alternative Verständnisse vor, in denen Vaginismus als Ausdruck verkörperter Grenzen, Schutzreaktion oder biografisch bedingter Widerstand gegen normative Sexualskripte gelesen werden kann. Die Arbeit zeigt auf, dass eine moderne, biopsychosozial orientierte Behandlung von Vaginismus individuelle Erfahrungen, gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Normen gleichermassen berücksichtigen muss. Sexualtherapie sollte demnach nicht ausschliesslich die Wiederherstellung genitaler Funktion anstreben, sondern Räume eröffnen für selbstbestimmte, vielfältige sexuelle Ausdrucksformen. Abschliessend werden Implikationen für Forschung und Praxis formuliert, die die Notwendigkeit einer kritisch- reflexiven kontext- und lustzentrierten Therapie betonen.
Romina Fliri, Abstract der Masterarbeit, 2025
Angaben zur Arbeit
Titel
Vaginismus – Störung oder Stärke? Eine historische und feministische Perspektive
Verfasst von
Romina Fliri
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5
Jahr
2025
Themen
Vaginismus · Operative Eingriffe · Selbstwirksamkeit
Lizenz und Nachweis. Romina Fliri: «Vaginismus – Störung oder Stärke? Eine historische und feministische Perspektive». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik