Sarah Graf untersucht in der Masterarbeit «Vaginismus und Behandlungsansätze» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2022 im Jahrgang MA3 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Fünf bis siebzehn Prozent der Patientinnen in klinischen Einrichtungen sind betroffen — und viele Fachpersonen kennen das Störungsbild kaum. Diese Arbeit erklärt, was Vaginismus von Dyspareunie unterscheidet, und untersucht, was Betroffenen tatsächlich hilft.
Was ist Vaginismus genau?
Eine sexuelle Funktionsstörung, die im DSM-5 zusammen mit der Dyspareunie als Genito-pelvine Schmerz-Penetrationsstörung geführt wird. Die Unterscheidung ist trotzdem wesentlich.
Bei der Dyspareunie bestehen Schmerzen in der Vulva. Vaginismus dagegen ist Ausdruck einer phobischen Vermeidung: Die Angst vor einer möglichen Penetration verursacht einen reflexartigen Zusammenzug des Beckenbodens, der die Penetration mit einem Objekt wie Tampon oder Spekulum oder mit einem Körperteil teilweise oder vollständig verhindert.
Unterschieden wird zudem zwischen primärem Vaginismus, der immer schon bestand, und sekundärem, bei dem die Symptome erst später auftreten. Auch diese Abgrenzung ist nicht einfach — die Übergänge der Störungsbilder sind fliessend.
Warum wird er so selten erkannt?
Weil er trotz seiner Häufigkeit beim Fachpersonal wenig bekannt ist. Das ist die Beobachtung, von der die Arbeit ausgeht, und sie erklärt einen Teil der langen Wege, die Betroffene zurücklegen.
Die Arbeit fragt deshalb nicht nur nach der Behandlung, sondern nach dem gesamten Weg: Wer stellt die Diagnose, wie verläuft die Behandlung, welche Auswirkungen hat die Störung auf den Alltag, und wo finden Betroffene überhaupt Hilfe?
Was hilft bei der Genesung?
Die empirische Grundlage bilden Interviews mit zwei Betroffenen und zwei Fachfrauen — einer Gynäkologin mit sexualmedizinischer Beratung und einer Beckenbodenphysiotherapeutin. Ergänzt wird das durch Gespräche mit einer weiteren Betroffenen, einer Sexualtherapeutin und einem Online-Coach.
Diese Zusammensetzung ist die Stärke der Arbeit: Sie deckt medizinische, körpertherapeutische und sexualtherapeutische Perspektiven gleichzeitig ab — also genau die Stellen, zwischen denen Betroffene sonst hin- und hergeschickt werden.
Zusätzlich vergleicht die Arbeit die sexuelle Zufriedenheit vor und nach einer erfolgreichen Behandlung. Die Ergebnisse werden ausdrücklich auf ihre Bedeutung für die Beratungsarbeit hin geprüft.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Insgesamt sieben Gespräche, ausgewertet nach Mayring — davon drei mit Betroffenen. Das erlaubt keine Aussagen über Häufigkeiten oder Erfolgsquoten.
Was es erlaubt, ist die Rekonstruktion von Verläufen aus mehreren Blickwinkeln. Für Fachpersonen, die Vaginismus selten sehen und dann nicht recht weiterwissen, ist das die praktischste Arbeit dieser Sammlung zum Thema. Wer die Frage historisch und feministisch vertiefen will, findet sie in der Arbeit von Romina Fliri.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 115 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu Vaginismus mit Diagnosekriterien und Abgrenzungen, die Darstellung verschiedener Behandlungsansätze, die vollständige Auswertung aller Interviews sowie die Reflexion für die Beratungspraxis.
Abstract der Arbeit
Vaginismus wird als ein unwillkürlicher, heftiger, reflexartiger Zusammenzug vom Becken- boden beschrieben, der aufgrund Angst vor Schmerzen im Zusammenhang mit der vagi- nalen Penetration auftritt und eine Frau daran hindert, penetrativen, vaginalen Geschlechts- verkehr zu erleben, obwohl sie sich dies wünscht. Vaginismus kann Betroffene in ihrem Alltag stark belasten und zu Vermeidungsstrategien führen. Die Diagnose gestaltet sich nicht ganz einfach, da die Übergänge der Störungsbilder fliessend sind und Vaginismus beim Fachpersonal, trotz einer Prävalenz von 5- 17 % im klinischen Setting, relativ unbe- kannt ist. Die vorliegende Arbeit untersucht verschiedene Behandlungsansätze und die Wirkfaktoren welche die Frauen in ihrem Genesungsprozess unterstützen. Des Weiteren soll die sexuelle Zufriedenheit von den Betroffenen vor und nach erfolgreicher Behandlung verglichen werden. Die empirische Grundlage der Arbeit bildet die Analyse von Interviews von zwei Betroffenen und zwei Expertinnen, einer Gynäkologin, welche sexualmedizinische Beratungen führt, sowie einer Beckenbodenphysiotherapeutin. Die Gespräche mit drei wei- teren Personen, zwei Expertinnen (einer Online-Coach und einer Sexualtherapeutin) und einer weiteren Betroffenen, ergänzen die erhobenen Daten. Die Ergebnisse werden in Be- zug auf deren Relevanz für die Forschung und praktische Beratungsarbeit reflektiert.
Sarah Graf, Abstract der Masterarbeit, 2022
Angaben zur Arbeit
Titel
Vaginismus und Behandlungsansätze : Wirkfaktoren zur Genesung eines Vaginismus sowie der Zustand sexueller Zufriedenheit vor und nach einer Behandlung, aufgezeigt anhand zwei unterschiedlicher Behandlungsansätze sowie qualitativer Befragungen von Fachleuten und betroffener Frauen nach erfolgreicher Behandlung
Verfasst von
Sarah Graf
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA3
Jahr
2022
Themen
Vaginismus · Sexuelle Zufriedenheit · Sexualberatung
Lizenz und Nachweis. Sarah Graf: «Vaginismus und Behandlungsansätze : Wirkfaktoren zur Genesung eines Vaginismus sowie der Zustand sexueller Zufriedenheit vor und nach einer Behandlung, aufgezeigt anhand zwei unterschiedlicher Behandlungsansätze sowie qualitativer Befragungen von Fachleuten und betroffener Frauen nach erfolgreicher Behandlung». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2022. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik