Céline Olivier untersucht in der Masterarbeit «Sexualität im Übergang zur Elternschaft» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2020 im Jahrgang MA2 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Der Übergang zur Elternschaft verändert Beziehung und Sexualität oft dramatisch. Diese Arbeit fragt nicht, was dabei verlorengeht, sondern das Gegenteil: Welche Rolle spielt die Sexualität als Ressource, um dieses Lebensereignis zu bewältigen?
Warum die Frage nach der Ressource?
Die Forschung zum Übergang zur Elternschaft beschreibt meist Verluste — weniger Zeit, weniger Schlaf, weniger Sexualität. Diese Arbeit ist von der positiven Psychologie und von Resilienz-Modellen inspiriert und dreht die Richtung um.
Untersucht werden bio-psycho-soziale Veränderungen auf zwei Ebenen zugleich: bei der einzelnen Person und in der Paarbeziehung. Im Zentrum steht, wie Identitätsentwicklung und Paarsexualität zusammenwirken.
Theoretisch stützt sich die Arbeit auf die Erkenntnisse zum sexuellen Handeln und sexuellen Lernen des Modells Sexocorporel sowie auf entwicklungspsychologische Modelle.
Welche Ressourcen tragen durch diese Zeit?
Die Auswertung zeigt, dass Paare Ressourcen auf mehreren Ebenen aktivieren: auf der persönlichen Ebene und der Identität, auf der Paarebene und auf der sexuellen Ebene.
Konkret benennt die Arbeit sechs Faktoren: Zeit für Zweisamkeit und gemeinsames Erleben; eine klare Abgrenzung zwischen Paarbeziehung — zumindest aber Paarsexualität — und Elternschaft; der Wille zur Autonomie; Vertrautheit und Nähe, emotional wie genital; Neugier und Lust im weiteren Sinn, also Abenteuerlust und Lebendigkeit; und Kommunikation.
Die klare Abgrenzung verdient Beachtung. Sie widerspricht der Vorstellung, Elternschaft und Paarsein liessen sich verschmelzen — und benennt eine Trennung als Ressource, nicht als Mangel.
Was ist das Schlüsselelement?
Die sexuelle Kommunikation. Der offene Austausch über sexuelle Bedürfnisse und Wünsche, über das emotionale Erleben und über die Wahrnehmung des Partners ist nach dieser Arbeit das Schlüsselelement für Aufbau und Weiterentwicklung der Paarsexualität.
Dass sich Zufriedenheit mit der Partnerschaft und Zufriedenheit mit der Paarsexualität in vielen Fällen direkt entsprechen, kommt hinzu — beides lässt sich nicht getrennt bearbeiten.
Für die Beratung von Paaren in dieser Lebensphase ist damit ein Ansatzpunkt benannt, der nicht bei der Häufigkeit ansetzt, sondern beim Gespräch darüber.
Wie wurde vorgegangen?
Über eine qualitative Studie mit Interviews. Befragt wurden drei heterosexuelle Paare, die den Übergang zur Elternschaft erlebt haben — jeweils beide Partner einzeln.
Dass beide Seiten zu Wort kommen, ist für eine Arbeit dieses Umfangs ungewöhnlich und macht die Schilderungen dichter. Ausgewertet wird entlang der Komponenten des Modells Sexocorporel und der zugrunde gelegten entwicklungspsychologischen Rahmenmodelle.
Alle Namen und Ortschaften sind aus Datenschutzgründen anonymisiert oder geändert; die Paare erscheinen durchgehend unter Pseudonymen.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Drei Paare, also sechs Interviews. Das erlaubt keine Aussagen über Häufigkeiten — was die Arbeit auch nicht beansprucht.
Wer sich auf ein Interview über die eigene Sexualität nach der Geburt einlässt, gehört zudem wahrscheinlich zu den Paaren, bei denen darüber gesprochen werden kann. Die Arbeit widmet der Kritik und den weiterführenden Fragestellungen ein eigenes Kapitel.
Ihr Wert liegt in der Blickrichtung. Sie fragt nach dem, was trägt — und liefert damit für die Beratung brauchbarere Anhaltspunkte als eine weitere Aufzählung dessen, was schwierig wird.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 204 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zur Sexualität heterosexueller Paare im Übergang zur Elternschaft, den entwicklungspsychologischen Rahmen, die Darstellung der relevanten Modelle, die vollständige Auswertung der drei Paarinterviews samt Kurzporträts sowie ein eigenes Kapitel zu Kritik und offenen Fragen.
Abstract der Arbeit
Die vorliegende Masterarbeit bietet einen Überblick über den aktuellen Stand der Wissenschaft hinsichtlich der Sexualität heterosexueller Paare im Übergang zur Elternschaft, sowie eine qualitative Untersuchung in der Form von Interviews über die Sexualität als Ressource für die Bewältigung dieses Lebensereignis. Der Übergang zur Elternschaft ist ein einschneidendes Lebensereignis, welches oftmals mit dramatischen Veränderungen von Beziehung und Sexualität einhergeht. Inspiriert von der positiven Psychologie und Resilienz-Modellen werden bio-psycho-soziale Veränderungen auf der individuellen Ebene und der Paarbeziehung untersucht. Es wird gezeigt, wie Identitätsentwicklung und die Paarsexualität interagieren und analysiert, welche spezifischen Faktoren – insbesondere im Rahmen der Sexualität – in diesem Übergang unterstützend wirken. Basierend auf den Erkenntnissen zum sexuellen Handeln und sexuellen Lernen des Modells Sexocorporel sowie verschiedenen entwicklungspsychologischen Modellen wurde eine qualitative Studie entworfen und durchgeführt. Es wurde untersucht, welche Komponenten des Sexocorporel unterstützend wirken und wie die jeweiligen Paare den Übergang zum Eltern-werden erlebt haben.
Céline Olivier, Abstract der Masterarbeit, 2020
Angaben zur Arbeit
Titel
Sexualität im Übergang zur Elternschaft – Faktoren für die Bewältigung eines Lebensereignisses
Verfasst von
Céline Olivier
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA2
Jahr
2020
Themen
Schwangerschaft & Geburt · Paarsexualität · Sexuelle Kommunikation · Sexocorporel
Lizenz und Nachweis. Céline Olivier: «Sexualität im Übergang zur Elternschaft – Faktoren für die Bewältigung eines Lebensereignisses». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2020. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik