Aveline Voramwald untersucht in der Masterarbeit «Die Kraft des Sexualkapitals» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2025 im Jahrgang MA5 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Attraktivität lässt sich in Vorteile umsetzen — im Beruf, in Beziehungen, in der Sichtbarkeit. Diese Arbeit prüft, ob sich das als eigene Kapitalform fassen lässt, und kommt zu einem Befund, der die Frage verschiebt: Was als begehrenswert gilt, ist nicht naturgegeben, sondern gemacht.
Was ist Sexualkapital?
Die Ausgangsfrage lautet, ob Sexualkapital eine eigenständige Kapitalform ist oder eine Erscheinungsform bestehender Arten wie des kulturellen oder symbolischen Kapitals.
Die Arbeit prüft das im Rahmen von Pierre Bourdieus Theorie sozialer Praxis und arbeitet dabei die Unterschiede zwischen Catherine Hakims Konzept des erotischen Kapitals und den Erweiterungen durch Kaplan und Illouz heraus.
Ihr Ergebnis: Das Konzept weist eine hohe theoretische Komplexität auf und ist in einem Spannungsfeld zwischen Macht, Körper, Begehren und sozialer Anerkennung verortet.
Warum ist das mehr als Theorie?
Weil daraus eine Aussage über soziale Ungleichheit folgt. Jene Merkmale, die als begehrenswert gelten, sind nicht naturgegeben, sondern gesellschaftlich konstruiert — geprägt durch Normen, symbolische Ordnungen und Ausschlussmechanismen.
Bourdieus Begriffe Habitus, Kapital und Feld erlauben es, diese Ungleichheiten als strukturell verankert zu begreifen statt als individuelles Versagen. Das ist der praktisch entlastende Teil der Analyse.
Besonders ambivalent ist die Sichtbarkeit. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Sexualkapital überhaupt wirkt — und zugleich ein Mechanismus sozialer Kontrolle.
Wo stösst Bourdieu an Grenzen?
Bei Sexualität und Körper braucht seine Theorie nach dieser Arbeit Ergänzungen. Feministische und intersektionale Ansätze liefern sie: Sie erlauben, auch die Wirksamkeit von Normen und die Erfahrung von Mehrfachdiskriminierung zu erfassen.
Damit ist die Arbeit selbstkritisch gegenüber ihrem eigenen Werkzeug — sie prüft nicht nur ein Konzept an einer Theorie, sondern auch die Theorie an ihrem Gegenstand.
Die Ambivalenzen des Konzepts arbeitet sie ausdrücklich heraus, statt es entweder zu übernehmen oder zu verwerfen.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Eine theoretische Arbeit mit kritischer Analyse der Fachliteratur, ohne eigene Erhebung. Sie ist eine der wenigen der Sammlung, die ohne empirischen Teil auskommt.
Ihre Aussagen sind Argumente, keine Messwerte. Wer wissen will, wie sexuelles Kapital in der Praxis eingesetzt wird, findet das in der Arbeit von Noomi Dürrenmatt über OnlyFans — die dieselben Theorien empirisch prüft.
Mit 62 Seiten ist es eine der kürzeren Arbeiten der Sammlung.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 62 Seiten. Sie enthält die Darstellung von Bourdieus Theorie sozialer Praxis, die Auseinandersetzung mit Hakim, Kaplan und Illouz sowie die kritische Analyse der Ambivalenzen und theoretischen Grenzen des Konzepts.
Die Fragestellung
Die Arbeit geht diesen Fragen nach:
- Was ist Sexualkapital, und wie wurde es in der bisherigen Forschung konzipiert?
- Wie lässt sich Sexualkapital im Verhältnis zu Bourdieus Kapitalarten positionieren?
- Wie wirkt sich das Sexualkapital auf Habitus und soziale Positionierung aus?
Methodisches Vorgehen
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturrecherche. Der Volltext umfasst 62 Seiten.
Abstract der Arbeit
In der vorliegenden Masterarbeit wird das Konzept des Sexualkapitals im Kontext von Pierre Bourdieus Theorie sozialer Praxis untersucht. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Frage, ob Sexualkapital als eigenständige Kapitalform betrachtet werden kann oder eine Erscheinungsform bestehender Kapitalarten, wie kulturelles oder symbolisches Kapital darstellt. Auf theoretischer Grundlage werden Konzepte Bourdieus mit aktuellen Debatten um körperliche Attraktivität, Geschlecht, Sexualität, Sichtbarkeit und soziale Machtverhältnisse verknüpft. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Unterscheidung zwischen Catherine Hakims Konzept des ‘erotischen Kapitals’ und den Erweiterungen durch Kaplan und Illouz hervorzuheben. Durch eine kritische Analyse der Fachliteratur wird erkennbar, dass das Konzept des Sexualkapitals nicht neutral verfügbar ist, sondern durch hegemoniale Normen, symbolische Ordnungen und soziale Felder strukturiert wird. Der Aspekt der Sichtbarkeit wirkt einerseits als zentrale Bedingung zur Wirksamkeit, andererseits stellt es ein Mechanismus sozialer Kontrolle dar. Die Arbeit reflektiert sowohl die Ressourcen und Potenziale als auch die Ambivalenzen des Konzepts und arbeitet dessen theoretische Grenzen heraus. Sie gelangt zu dem Schluss, dass Sexualkapital als eine feldabhängige, körpergebundene und symbolisch bewertete Ressource verstanden werden muss, deren soziale Wirkung feministisch und intersektional analysiert werden kann. Diese Perspektiven erweisen sich dabei als essenziell, um Körper, Begehren und Anerkennung im Rahmen sozialer Positionierung zu erfassen. This master's thesis examines the concept of sexual capital in the context of Pierre Bourdieu's theory of social practice. It explores whether sexual capital constitutes a distinct form or reflects existing types such as cultural or symbolic capital. Bourdieu's concepts are linked with debates on attractiveness, gender, sexuality, visibility, and power. A critical literature analysis reveals that sexual capital is shaped by hegemonic norms, symbolic orders, and social fields. Visibility emerges as a key condition for its effectiveness—and as a mechanism of control. The analysis highlights how sexual capital both opens opportunities and reproduces inequalities. The thesis argues that sexual capital must be understood as a field-dependent, body-bound, and symbolically valued resource. Feminist and intersectional perspectives are essential to grasp the body, desire, and recognition as factors of social positioning.
Aveline Voramwald, Abstract der Masterarbeit, 2025
Angaben zur Arbeit
Titel
Die Kraft des Sexualkapitals Wie das Sexualkapital Bourdieus Konzepte von Habitus und Kapitalstruktur erweitert
Verfasst von
Aveline Voramwald
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA5
Jahr
2025
Themen
Sexarbeit · Sexuelles Verlangen · Jugendsexualität
Lizenz und Nachweis. Aveline Voramwald: «Die Kraft des Sexualkapitals Wie das Sexualkapital Bourdieus Konzepte von Habitus und Kapitalstruktur erweitert». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2025. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik