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MA4 Masterarbeit

ADHS und Sexualität in der Paarbeziehung

Manuela Kurz untersucht in der Masterarbeit «ADHS und Sexualität in der Paarbeziehung» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

«Ich habe immer das Gefühl, ich spüre meine Beine nicht, ich bin immer irgendwie mit dem Kopf weg.» Der Satz stammt von einer der vier befragten Frauen mit ADHS-Diagnose. Diese Arbeit hat sie und ihre Partner gemeinsam befragt — und findet, dass die Schwierigkeiten in der Paarsexualität sehr genau den Diagnosekriterien folgen.

Warum ist Aufmerksamkeit beim Sex ein Problem?

Ablenkung durch äussere Reize wirkt sich in der Paarsexualität von ADHS-diagnostizierten Frauen sehr stark auf die Aufmerksamkeit aus — stärker als alles andere, was die Arbeit untersucht hat.

Eine Befragte beschreibt, dass gleichzeitiges Geben und Empfangen sie überfordert. Ihre Aufmerksamkeit steigt, wenn sie in die passive Rolle wechselt und gedanklich loslassen kann, im Wissen, dass in diesem Moment nichts von ihr erwartet wird. Bewusst eingesetzter Blickkontakt hilft zusätzlich.

Die Unterschiede zwischen den Frauen sind gross. Eine nimmt ihren Körper so intensiv wahr, dass sie alles um sich herum nicht mehr mitbekommt. Eine andere hat ihren Körper nach eigener Aussage nie richtig gespürt und ist stark im Kopf.

Was hilft konkret?

Die Arbeit leitet daraus einen klaren Ansatz ab: eine maximale Reduktion äusserer Sinnesreize. Erst dann gelingt die körperliche Präsenz, die lustvolles Erleben möglich macht.

Ein zweiter Befund überrascht: Die sexuell erregendsten Begegnungen entstehen, wenn Verantwortung und Kontrolle abgegeben werden. Der Wechsel in die passive Rolle senkt die emotionale Überreagibilität — die Frauen kommen in einen entspannteren Zustand. Die dabei entstehende Dominanz des Partners kann dabei selbst erregend wirken.

Berührung ist ein eigenes Thema. Die Befragten haben eine erhöhte Empfindlichkeit, deren Ausprägung von der Tagesform abhängt. Was gestern angenehm war, kann heute zu viel sein.

Spontan oder geplant?

Hier zeigt sich das desorganisierte Verhalten aus den Diagnosekriterien unmittelbar in der Sexualität. Spontane Begegnungen werden bevorzugt, weil sie im Moment geschehen und sich weniger ablenkende Gedanken einmischen. Geplante Paarsexualität muss dagegen oft erst erlernt werden.

Für Paare hat das eine praktische Folge, die dem üblichen Rat widerspricht: Wenn wenig Raum für Spontaneität bleibt, wirkt sich das für eine Frau mit ADHS negativ aus. Der verbreitete Vorschlag, Sex zu terminieren, geht hier am Problem vorbei.

Geduld ist die grösste Herausforderung. Stimmt der Zeitpunkt nicht, verflüchtigt sich die Lust.

Was ist die Ressource?

Die Arbeit fragt ausdrücklich nicht nur nach Schwierigkeiten. Hohe kognitive Präsenz und gedankliche Kreativität erlauben es den Befragten, sexuelle Begegnungen über Fantasien und Vorstellungen zu intensivieren.

Diese Stärke hat eine Kehrseite, und die Arbeit benennt sie präzise: Die Frauen neigen dazu, mangelnden körperlichen Einsatz gedanklich zu kompensieren und ihre Erregung so zu steigern. Damit verstärken sie die Spannung eines ohnehin erhöhten Grundtonus.

In ihrer negativen Form zeigt sich dieselbe Gedankenkraft als ablenkende Gedanken, oft zusammen mit Affektlabilität — und dann kommt sexueller Austausch gar nicht erst zustande.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Vier Interviews mit ADHS-diagnostizierten Frauen und ihren Partnerinnen und Partnern, ausgewertet nach Mayring und zugeordnet zu den vier Komponenten des Modells Sexocorporel. Dass beide Seiten befragt wurden, ist für eine Arbeit dieses Umfangs ungewöhnlich und macht die Schilderungen dichter.

Vier Paare sind keine repräsentative Auswahl, und die Ergebnisse gelten für Frauen. Wie sich ADHS bei Männern in der Paarsexualität zeigt, untersucht diese Arbeit nicht.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 115 Seiten. Sie enthält einen Überblick über den Forschungsstand zu ADHS bei Erwachsenen und besonders bei Frauen mit historischen, medizinischen, therapeutischen und diagnostischen Aspekten, die Zuordnung der Wender-Utah-Diagnosekriterien zu den vier Komponenten des Modells Sexocorporel und die vollständige Auswertung der vier Paarinterviews mit Zitaten.

Abstract der Arbeit

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neurobiologische Störung, die sich in Konzentrationsstörungen in Verbindung mit Hyperaktivität und impulsivem Handeln zeigt. Diese Masterarbeit gibt einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Stand der ADHS von Erwachsenen, insbesondere der ADHS von Frauen und zeigt historische, medizinische, therapeutische und diagnostische Aspekte der ADHS. Sie klärt auf, wie sich die ADHS-Wender-Utah Diagnosekriterien für Erwachsene im Erleben der vier Komponenten des sexualwissenschaftlichen Modells Sexocorporel zeigen und welche Ressourcen und Herausforderungen die ADHS in der Paarsexualität mit sich bringt. In einer qualitativen Untersuchung wurden vier Interviews mit Paaren geführt, um das Erleben der ADHS von ADHS-diagnostizierten Frauen in Bezug zur Paarsexualität zu ermitteln. Die anschliessende Auswertung der qualitativen

Manuela Kurz, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
ADHS und Sexualität : Aspekte der Paarsexualität im Kontext einer ADHS-Diagnose

Verfasst von
Manuela Kurz

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
ADHS · Paarsexualität · Schwangerschaft & Geburt · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Manuela Kurz: «ADHS und Sexualität : Aspekte der Paarsexualität im Kontext einer ADHS-Diagnose». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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