Trime Misini untersucht in der Masterarbeit «Körperbild und die Entscheidung für eine ästhetische Intimchirurgie» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Der Intimbereich wird häufig getrennt vom übrigen Körperbild betrachtet. Eine Frau kann mit ihrem Körper im Reinen sein und trotzdem über eine Operation an der Vulva nachdenken. Diese Arbeit geht dem Entscheidungsprozess nach — und stiess dabei gleich zu Beginn auf ein Problem, das viel über das Thema aussagt.
Warum ist der Intimbereich ein Sonderfall?
Das ist der zentrale Befund. Die narrativen Interviews zeigen, dass der Intimbereich beim Körperbild oft abgespalten wird — er folgt eigenen Massstäben und wird an eigenen Normen gemessen.
Verstärkt wird der Wunsch nach einem Eingriff durch zwei Kräfte zugleich: äussere Normen und persönliche Unsicherheiten. Biografische, gesellschaftliche und mediale Einflüsse wirken dabei zusammen; keiner davon erklärt die Entscheidung allein.
Für die Forschung leitet die Arbeit daraus eine konkrete Forderung ab: Das Selbstwertgefühl in Bezug auf den Körper und auf den Intimbereich sollte getrennt betrachtet werden.
Wer entscheidet sich für so einen Eingriff?
Diese Frage konnte die Arbeit nicht beantworten — und das ist selbst aufschlussreich. Ursprünglich wollte die Autorin Frauen befragen, die eine ästhetische Intimchirurgie bereits hinter sich haben. Gefunden hat sie zwei Frauen, die darüber nachdenken.
Die eine meldete sich über eine Facebook-Gruppe, den Kontakt zur anderen vermittelte eine Bekannte, die über einen WhatsApp-Status auf das Projekt aufmerksam geworden war. Beide luden die Interviewerin zu sich nach Hause ein; die Gespräche fanden am Esstisch statt.
Die Autorin hat den Fokus daraufhin verschoben — vom Eingriff auf den Entscheidungsprozess. Dass sich keine Frau mit erfolgtem Eingriff fand, sagt etwas über die Scham, die dieses Thema umgibt.
Was folgt daraus für die Beratung?
Die Arbeit plädiert für zweierlei: eine tiefere Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem Intimbereich, und eine stärkere Normalisierung körperlicher Vielfalt.
Das ist mehr als ein Appell. Wenn der Wunsch nach dem Eingriff aus dem Abgleich mit einer Norm entsteht, die kaum jemand kennt, dann ist Wissen über die tatsächliche Bandbreite eine Intervention. Mehrere andere Arbeiten dieser Sammlung setzen genau dort an — mit Workshops und Körperübungen zum genitalen Selbstbild.
Für die Beratungspraxis heisst das auch: Der Zeitpunkt vor dem Termin beim Chirurgen ist der, an dem ein Gespräch etwas ändern kann.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Zwei narrative Interviews — eine sehr kleine Grundlage, und die Autorin macht daraus kein Geheimnis. Beide Befragten erwägen den Eingriff, keine hat ihn vollzogen; über die Erfahrung danach sagt die Arbeit nichts.
Das narrative Interview lässt Lebensgeschichten in ihrer eigenen Logik erzählen, statt sie in Kategorien zu pressen. Für den Zugang zu einem schambesetzten Thema ist das die richtige Wahl — für Aussagen über Häufigkeiten taugt es nicht.
Die Rekrutierung über Facebook und den Bekanntenkreis der Forscherin schränkt zusätzlich ein, wer überhaupt erreicht wurde. Die Arbeit dokumentiert dieses Vorgehen vollständig und nachvollziehbar.
Die Arbeit im Original
Die vollständige Masterarbeit umfasst 82 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zu ästhetischer Intimchirurgie mit historischen und ethischen Perspektiven, die Theorie zu Körperbild und Körpernormen, die vollständig dokumentierte Rekrutierung und Datenerhebung sowie die Auswertung der beiden Interviews.
Abstract der Arbeit
Die ästhetische Intimchirurgie hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und stellt ein wichtiges Thema in der medizinischen und gesellschaftlichen Diskussion dar. Diese Arbeit un- tersucht individuelle Entscheidungsprozesse aufgrund von biografischen Hintergründe der Frauen. Sie ermöglicht Einblicke in das komplexe Zusammenspiel von Körperbild, gesell- schaftlichen Normen und individuellen Entscheidungsverläufe. Die zentrale Fragestellung ist, wie Frauen, die eine ästhetische Intimchirurgie in Erwägung ziehen, ihren eigenen Körper, ihr individuelles Körperbild und ihren Intimbereich wahrnehmen. Der Umfang der Forschung um- fasst die Analyse der individuellen Wahrnehmung, der Beziehungsgestaltung von Körper und Intimbereich und der Körperbilder dieser Frauen sowie die Untersuchung der Einflüsse, die ihre Entscheidung prägen. Die Forschung basiert auf einem qualitativen Ansatz, wobei narra- tive Interviews als primäre Datenerhebungsmethode verwendet werden. Durch biografische Methoden sollen tiefere Einblicke in die individuelle Lebensgeschichten und die vielfältigen Einflüsse gewonnen werden, die zu der Entscheidung für eine ästhetische Intimchirurgie ge- führt haben. Die Forschungsarbeit zeigt, dass die Entscheidung für oder gegen eine ästheti- sche Intimchirurgie tief in den biografischen und leiblichen Erfahrungen der Frauen verwurzelt ist. Es wird deutlich, dass sowohl äussere Einflüsse wie kulturelle Normen und Medienpräsenz als auch funktionale und emotionale Gründe eine Rolle spielen. Die Ergebnisse betonen die Bedeutung des sexuellen Selbstwertgefühls und der allgemeinen Körperzufriedenheit. Diese Arbeit trägt zum Verständnis der Motivationen und Wahrnehmungen von Frauen bei, die sich im Entscheidungsprozess hinsichtlich einer ästhetischen Intimchirurgie befinden. Die gewon- nen Erkenntnisse können zukünftige Forschungsansätze und therapeutische Praktiken infor- mieren und verbessern, um Frauen bei einer informierten und selbstbestimmten Entscheidung zu unterstützen. Abstract in English Aesthetic genital surgery has gained importance in recent years and represents a significant topic in medical and societal discussions. This study examines individual decision-making pro- cesses based on the biographical backgrounds of women. It provides insights into the complex interplay of body image, societal norms, and individual decision-making processes. The central research question is how women who consider aesthetic genital surgery perceive their own bodies, individual body image, and intimate areas. The scope of the research includes the analysis
Trime Misini, Abstract der Masterarbeit, 2024
Angaben zur Arbeit
Titel
Die Rolle der Einstellung von Frauen zu Körper und Körperbilder auf den Entscheidungsprozess hinsichtlich einer ästhetischen Intimchirurgie
Verfasst von
Trime Misini
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4
Jahr
2024
Themen
Körperbild · Operative Eingriffe · Genitales Selbstbild
Lizenz und Nachweis. Trime Misini: «Die Rolle der Einstellung von Frauen zu Körper und Körperbilder auf den Entscheidungsprozess hinsichtlich einer ästhetischen Intimchirurgie». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
Verwandte Masterarbeiten
- Lichen sclerosus – weibliche Sexualität bei chronischer Erkrankung — Sara Waldispühl, 2025 (Körperbild, Genitales Selbstbild)
- Körperübungen im Kontext sexueller Gesundheit — Patrizia Weibel, 2024 (Körperbild)
- Einfluss der Vasektomie auf sexuelle Selbstsicherheit und Selbstverständnis als Mann — Thomas Luginbühl, 2020 (Operative Eingriffe)
- Körperorientierte Übungen zu genitaler Wahrnehmung und sexueller Lust — Claudia Märki, 2020 (Genitales Selbstbild)
Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik