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MA4 Masterarbeit

Frauen mit starkem sexuellen Begehren

Laila Schläfli untersucht in der Masterarbeit «Frauen mit starkem sexuellen Begehren» am ISP Zürich. Die Arbeit entstand 2024 im Jahrgang MA4 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.

Die Forschung zum weiblichen Verlangen fragt fast immer, warum es fehlt. Diese Arbeit dreht die Richtung um und befragt fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren: Was haben sie in ihrer Biografie gemeinsam? Eine einzelne Ursache findet sie nicht — dafür mehrere Faktoren, an denen sich arbeiten lässt.

Gibt es den einen Grund für starkes Begehren?

Nein. Das ist das erste Ergebnis, und es ist wichtiger, als es klingt. In jeder der fünf ausgewerteten Biografien waren andere Faktoren entscheidend. Wer in der Beratung nach der Ursache sucht, sucht nach etwas, das es so nicht gibt.

Die Arbeit ordnet die gefundenen Faktoren stattdessen den Komponenten des Modells Sexocorporel zu — kognitiv, physiologisch, beziehungsdynamisch. Das macht sie für die Praxis brauchbar, weil sich daraus ergibt, wo anzusetzen wäre.

Was im Denken das Begehren stärkt

Ein Befund betrifft die Definition von Sex. Frauen, die mehr als penetrativen Geschlechtsverkehr als Sex verstehen, haben nach dieser Auswertung vermutlich ein stärkeres Begehren. Wer Sexualität eng definiert, engt damit auch die Gelegenheiten ein, bei denen Verlangen entstehen kann.

Zu den Wertvorstellungen aus dem Elternhaus liess sich der erwartete Zusammenhang nicht bestätigen. Auffällig war dafür etwas anderes: Alle fünf Frauen erwähnten ausdrücklich die Zeitschrift «Bravo», teilweise positiv. Die Autorin folgert daraus, dass Gleichaltrige und deren Medien im Jugendalter an Bedeutung gewinnen und die Prägung des Elternhauses ausgleichen können — und dass ein Zugang zu wertfreiem Wissen dem Begehren vermutlich zuträglich ist.

Was der Körper dazu beiträgt

Hier ist der Befund am deutlichsten. Alle befragten Frauen bestätigten den Nutzen der Selbstbefriedigung: Dadurch lernten sie ihren Körper kennen und lernten, zuverlässig den Punkt zu erreichen, ab dem der Orgasmus nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Autorin schliesst daraus, dass regelmässige Selbstbefriedigung das sexuelle Begehren von Frauen stärkt — und ergänzt einen Hinweis, der in der Beratung selten fällt: Es scheint wichtig, dass Frauen die Vagina dabei einbeziehen.

Ein weiterer Faktor ist das erste Mal. Ein positiv erlebter erster Geschlechtsverkehr ist für die Entwicklung des Begehrens bedeutsam, wobei es nach den Schilderungen auch darauf ankommt, in welchem Verhältnis die Frau zu diesem ersten Partner stand.

Was heisst das für die Beratung?

Die Arbeit widerspricht der verbreiteten Annahme, Frauen hätten grundsätzlich weniger Lust auf Sex als Männer. Sie zeigt, dass Frauen ein intensives Verlangen entwickeln können — und benennt Bedingungen, unter denen das geschieht.

Für die Praxis heisst das: Statt nach Störungen zu suchen, lässt sich fragen, wie weit die eigene Definition von Sex reicht, welches Verhältnis eine Frau zur Selbstbefriedigung hat und ob sie dabei ihren ganzen Körper einbezieht. Das sind Ansatzpunkte, keine Diagnosen.

Wie belastbar sind diese Ergebnisse?

Fünf qualitative Interviews mit heterosexuellen Frauen, die ein starkes Begehren verspüren. Es gibt keine Vergleichsgruppe, und die Autorin formuliert ihre Schlüsse entsprechend vorsichtig — mehrfach steht dort «vermutlich» oder «konnte nicht abschliessend geklärt werden».

Diese Zurückhaltung ist angebracht. Was die Arbeit leistet, ist eine sorgfältig gearbeitete Sammlung von Hypothesen, die es zu prüfen lohnt — nicht der Nachweis von Ursachen.

Die Arbeit im Original

Die vollständige Masterarbeit umfasst 116 Seiten. Sie enthält den Forschungsstand zum weiblichen Begehren, einen historischen Rückblick auf die weibliche Sexualität, die vollständige Auswertung der fünf Interviews und die Zuordnung aller gefundenen Faktoren zu den Komponenten des Modells Sexocorporel.

Abstract der Arbeit

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Gemeinsamkeiten in der sexuellen Biografie von heterosexuellen Frauen zu identifizieren, die ein starkes sexuelles Verlangen haben. Welche möglichen Faktoren in ihrer Summe zu einem starken sexuellen Begehren führen können, wird mit dieser Arbeit untersucht. Die zugrunde liegende These lautet, dass Frauen in der Lage sind, ein intensives sexuelles Verlangen zu entwickeln – entgegen der verbreiteten Annahme, dass Frauen im Allgemeinen weniger Lust auf Sex haben als Männer (Conley et al., 2011). Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird im ersten Teil dieser Arbeit der aktuelle Wissensstand zum weiblichen Begehren dargestellt und um einem kurzen Rückblick in die Geschichte der weiblichen Sexualität ergänzt. Der zweite Teil erforscht die Fragestellung dieser Arbeit anhand qualitativer Interviews mit fünf Frauen, die ein starkes sexuelles Begehren verspüren. Die Ergebnisse werden anhand des Modells ,Sexocorporel’ analysiert und vorgestellt. The present work aims to identify similarities in the sexual biography of heterosexual women who have a strong sexual desire. This work examines which possible factors in their sum can lead to a strong sexual desire. The underlying thesis is that women are able to develop an intense sexual desire – contrary to the widespread assumption that women generally have less desire for sex than men (Conley et al., 2011). In order to answer the research question, the first part of this work presents the current state of knowledge about female desire and is supplemented by a brief review of the history of female sexuality. The second part explores the question of this work through qualitative interviews with five women who feel a strong sexual desire. The results are analysed and presented using the ,Sexocorporel’ model.

Laila Schläfli, Abstract der Masterarbeit, 2024

Angaben zur Arbeit

Titel
Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren

Verfasst von
Laila Schläfli

Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP Zürich in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA4

Jahr
2024

Themen
Sexuelles Verlangen · Paarsexualität · Geschlecht & Identität · Sexocorporel

Lizenz und Nachweis. Laila Schläfli: «Frauen mit starkem sexuellen Begehren : Eine qualitative Untersuchung zu möglichen Faktoren». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP Zürich, 2024. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.

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