Michael Gregory Walser untersucht in der Masterarbeit «Analverkehr in heterosexuellen Beziehungen» am ISP. Die Arbeit entstand 2020 im Jahrgang MA2 des Master of Arts in Sexologie und steht als Volltext frei zur Verfügung.
Zur anal aufnehmenden Frau gibt es Forschung. Zum eindringenden Mann in heterosexuellen Beziehungen im deutschsprachigen Raum so gut wie nichts. Diese Arbeit schliesst die Lücke — und findet etwas anderes, als die naheliegende Annahme vermuten lässt: Der Reiz liegt nicht in der Praktik, sondern in dem, was sie über die Beziehung aussagt.
Wird Analverkehr dem Vaginalverkehr vorgezogen?
Nein. Keiner der vier befragten Männer mass dem eindringenden Analverkehr grundsätzlich einen höheren Stellenwert bei als dem Vaginalverkehr. Damit ist eine verbreitete Annahme entkräftet.
Bestätigt hat sich dagegen die andere Ausgangsvermutung der Arbeit: Die Motive der Männer gehen deutlich über die rein sexuelle Stimulation am Penis hinaus. Teilweise ähneln sie den beziehungsbezogenen Motiven, die aus der Forschung zu anal aufnehmenden Frauen bekannt sind. Dazu kommt etwas Spezifisches: der Wunsch nach Erhalt und Stärkung des eigenen männlichen Selbstbilds.
Worum geht es dann?
Der zentrale Befund der Arbeit ist ein Wechselspiel zwischen Aushandlung und Selbstbild. Beides definiert einander: Wie ein Mann den Analverkehr aushandelt, prägt sein Selbstbild — und sein Selbstbild prägt, wie er aushandelt.
Dass gerade diese Praktik diese Funktion erfüllt, hängt mit ihrer Seltenheit zusammen. Weil sie nicht selbstverständlich ist, muss sie besprochen und ausgehandelt werden — und genau dieser Vorgang wird bedeutsam.
Das Selbstbild, das die Männer dabei stärken, liegt auf einem Kontinuum zwischen zwei Polen: dominant, fordernd, egoistisch auf der einen Seite; kooperativ, rücksichtsvoll, empathisch auf der anderen. Die vier Befragten verteilen sich unterschiedlich darauf. Einer stärkt vor allem den dominanten Teil über Inszenierungen, ein anderer schwerpunktmässig den kollaborativen, zwei liegen dazwischen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie über diese Erfahrungen auf ihr Selbstbild einwirken.
Wie wird ausgehandelt?
Die Strategien der Männer sind verbal und nonverbal, und beides wird von ihnen schon während der Anwendung als sexuell erregend wahrgenommen. Die Aushandlung ist also nicht Vorspiel zum Sex, sie ist bereits Teil davon.
Zu den nonverbalen Strategien zählt die Arbeit die orale Stimulation der Vulva sowie die Stimulation des Anus mit den Fingern oder oberflächlich mit dem Penis — mit dem Ziel, die Partnerin so weit zu erregen, dass sie einwilligt. Der Autor betont, dass es um einen auf Augenhöhe und im Konsens ausgehandelten Akt geht.
Genau diese Passage lohnt eine aufmerksame Lektüre. Erregung als Weg zur Zustimmung ist ein Vorgang, den die Arbeit beschreibt, ohne ihn eigens zu problematisieren — für die Beratung ist er der Punkt, an dem über Konsens zu sprechen wäre.
Was heisst das für die Beratung?
Wer den eindringenden Analverkehr in der Praxis nur als Technik oder als Vorliebe behandelt, verfehlt nach dieser Arbeit den Kern. Die Befragten beschreiben ihn als bedeutsamen Entwicklungs- und Qualitätsaspekt ihrer Beziehung und ihrer eigenen Sexualität.
Theoretisch stützt sich die Arbeit auf Ekel und Scham, Selbstbild und Kommunikation. Wo eines dieser Themen in der Beratung auftaucht, liefert sie eine ausführlich belegte Grundlage — auch für Fachpersonen, die mit Männern arbeiten und für dieses Thema bisher keine Literatur zur Hand hatten.
Wie belastbar sind diese Ergebnisse?
Vier Einzelinterviews, erhoben mit dem problemzentrierten Interview nach Witzel und ausgewertet nach der Grounded Theory von Strauss und Corbin. Ein qualitatives Verfahren dieser Art zielt nicht auf Repräsentativität, sondern auf das Verstehen eines Zusammenhangs — und dafür sind vier ausführliche Gespräche eine übliche Grundlage.
Was fehlt, ist die Gegenseite. Befragt wurden ausschliesslich die Männer. Wie die Partnerinnen die beschriebenen Aushandlungen erlebt haben, bleibt offen.
Die Arbeit im Original
Mit 316 Seiten ist dies die umfangreichste Arbeit der Sammlung. Sie enthält den vollständigen Forschungsstand zu Analverkehr in heterosexuellen Beziehungen, die theoretischen Grundlagen zu Ekel, Scham und Selbstbild, die vier vollständigen Interviewauswertungen und die ausführliche Diskussion der Schlüsselkategorien.
Abstract der Arbeit
Hinsichtlich der sexuellen Wahrnehmung der anal aufnehmenden Frau in heterosexuellen Beziehungen sowie ihren diesbezüglichen sexuellen Bedürfnisse und Kompetenzen exis- tieren Forschungserkenntnisse zur sexuellen Stimulation, sexuellen Abwechslung sowie zur Beziehungsgestaltung. Entsprechend vergleichbare Erkenntnisse für den anal eindrin- genden Mann in heterosexuellen Beziehungen bestehen vor allem im deutschsprachigen Raum kaum. Basierend auf theoretischen Ansätzen zu Ekel und Scham, Selbstbild und Kommunikation verschafft diese Masterarbeit einen Überblick über die sexuellen Bedürf- nisse, Kompetenzen und Wahrnehmungen von anal eindringenden Männern in heterose- xuellen Beziehungen. Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurden qualitative For- schungsmethoden herangezogen. Unter Anwendung des Problemzentrierten Interviews nach Witzel wurden Daten aus vier Einzelinterviews erhoben und anschliessend durch das Verfahren der Grounded Theory nach Strauss und Corbin analysiert. Es konnte nach- gewiesen werden, dass der eindringende Analverkehr eine spezifische, moderierende Funktion zwischen der Art und Weise der Aushandlung des eindringenden Analverkehrs einerseits und der Herausbildung und des Erhalts des Selbstbilds der Männer anderer- seits ausfüllt. Dieser wechselseitig von statten gehende Vorgang verdeutlicht, dass der eindringende Analverkehr für die befragten Männer vor allem seinen Reiz aus den beson- deren kommunikativen und beziehungsrelevanten Bedeutungen und Bedeutungszuschrei- bungen innerhalb der Beziehungen zu den Sexualpartnerinnen zieht. Der eindringende Analverkehr wird somit von den befragten Männern als ein wesentlicher und emotional bedeutsamer Entwicklungs- und Qualitätsaspekt in den Beziehungen zu ihren Sexualpart- nerinnen als auch für die Weiterentwicklung ihrer persönlichen Sexualität aufgefasst.
Michael Gregory Walser, Abstract der Masterarbeit, 2020
Angaben zur Arbeit
Titel
Analverkehr in heterosexuellen Beziehungen : Zum sexuellen Erleben des eindringenden Mannes im Lichte seiner entsprechenden Bedürfnisse und Kompetenzen
Verfasst von
Michael Gregory Walser
Abschluss
Master of Arts in Sexologie, ISP in Kooperation mit der Hochschule Merseburg, Jahrgang MA2
Jahr
2020
Themen
Sexualtherapie
Lizenz und Nachweis. Michael Gregory Walser: «Analverkehr in heterosexuellen Beziehungen : Zum sexuellen Erleben des eindringenden Mannes im Lichte seiner entsprechenden Bedürfnisse und Kompetenzen». Masterarbeit, Hochschule Merseburg und ISP, 2020. Der Abstract ist im Wortlaut übernommen. Die übrigen Angaben stammen vom ISP Zürich.
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Weiterführend
- Master of Arts in Sexologie, der Studiengang, aus dem diese Arbeit stammt
- Diplomlehrgang Sexualtherapie
- Diplomlehrgang Sexualpädagogik