Berufsbilder Sexualpädagog:in werden
Sexualpädagoginnen und Sexualpädagogen vermitteln Wissen und Haltung zu Sexualität: an Schulklassen, Jugendgruppen, Teams in Institutionen und an Eltern. Sie behandeln nicht, sie bilden.
Auf dieser Seite: Warum · Ein Arbeitstag · Die Arbeitsfelder · Stellen · Voraussetzungen · Selbsterfahrung · Verdienst · Der Weg · Der Mittwoch · Finanzierung · Abgrenzung
Warum Menschen diesen Beruf ergreifen
Ein Dreizehnjähriger hat seine erste Vorstellung davon, wie Sex aussieht, aus einem Video, das er mit elf gesehen hat. Niemand hat je mit ihm darüber gesprochen, was daran inszeniert ist. Er wird das für Jahre für den Massstab halten, für sich und für die Menschen, mit denen er später zusammen ist.
Ein Mädchen in derselben Klasse traut sich nicht zu sagen, dass ihr etwas passiert ist, weil sie keine Wörter dafür hat und nicht weiss, ob es überhaupt zählt.
Beides passiert in jeder Klasse, und beides ändert sich, wenn jemand da ist, der die Themen ansprechbar macht. Sexualpädagogik ist nicht Aufklärung im Sinn von Biologie. Sie gibt Menschen eine Sprache für etwas, das sie sonst nur aus Bildern kennen, und damit die Möglichkeit, eigene Grenzen zu erkennen und die von anderen.
Wer diesen Beruf lernt, erreicht in drei Lektionen einen ganzen Jahrgang. Und die Klasse merkt in den ersten zehn Minuten, ob jemand vorne steht, der das Thema aushält.
Ein Arbeitstag
- 8.30 Uhr, Oberstufe. Drei Lektionen zu Beziehung, Verhütung und Grenzen, oft zu zweit und zeitweise nach Geschlecht getrennt. Ausgangspunkt sind anonym eingereichte Fragen der Klasse, nicht der eigene Plan.
- 11.30 Uhr, Nachbesprechung mit der Lehrperson. Was in der Klasse aufgetaucht ist, gehört zurück in den Schulalltag, nicht in einen einmaligen Besuch.
- 14.00 Uhr, Wohngruppe. Ein Team hat eine Situation, für die es keine Regel gibt. Die Arbeit besteht darin, mit dem Team eine Haltung zu erarbeiten, die es im Alltag auch trägt.
- 19.30 Uhr, Elternabend. Vierzig Eltern, von «viel zu früh» bis «viel zu spät». Die Aufgabe ist, beide Seiten ernst zu nehmen.
Die Arbeitsfelder
- Schule und Jugendarbeit: Aufklärungsunterricht, Projektwochen, Jugendzentren. Der bekannteste Weg.
- Institutionen der Behindertenhilfe, mit sexueller Bildung in Wohngruppen, Werkstätten und Heimen. Das ISP arbeitet hier seit der Gründung 1998.
- Fachstellen für sexuelle Gesundheit, Familienplanung, Schwangerschafts- und STI-Beratung.
- Erwachsenenbildung, mit Workshops für Eltern, Lehrpersonen und Teams.
- Schutzkonzepte für Schulen, Kitas, Internate und Institutionen. Das einzige dieser Felder mit einem zahlenden Auftraggeber statt einer Stelle.
- Diversität und sexuelle Bildung im Schulkontext, bei NGO und in Integrationsprojekten.
Wie man zu einer Stelle kommt
Stelleninserate mit dem Titel «Sexualpädagogin» oder «Sexualpädagoge» sind selten. Wer nur Stellenportale durchsucht, findet wenig und hält das Feld schnell für geschlossen.
Die Qualifikation wirkt meist innerhalb einer bestehenden Anstellung: als Fachverantwortung in der eigenen Institution, als Auftrag der eigenen Schule oder als Mandat von aussen. Das erste Gespräch gehört deshalb der eigenen Leitung und der Fachstelle für sexuelle Gesundheit im eigenen Kanton.
Wie diese Rolle in einer Institution aussieht, beschreibt die Seite Sexualität im eigenen Beruf verankern. Wie Stellen in Fachstellen entstehen, steht unter In einer Fachstelle arbeiten.
Was man mitbringen muss
Der Diplomlehrgang richtet sich an Lehrpersonen und qualifizierte Fachleute mit einem Abschluss im Sozialbereich, in Pädagogik oder Medizin, dazu mindestens ein Jahr Berufserfahrung.
Dazu die Bereitschaft, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen. Wer vor einer Klasse steht und selbst fremdelt, merkt es in der ersten Lektion, und die Klasse auch.
Was Selbsterfahrung im Lehrgang heisst
Selbsterfahrung gehört fest zum Lehrgang. Wer mit Jugendlichen über ihre Grenzen spricht, muss die eigenen kennen.
Konkret heisst das: Körperarbeit nach Sexocorporel ist Teil des Unterrichts. Im zweiten Modul kommt ein Block zu Embodiment und Auftrittskompetenz dazu, damit man vor einer Gruppe sicher über Sexualität sprechen kann. In vier festen Lerngruppensitzungen verbinden die Studierenden den Stoff mit ihren beruflichen und persönlichen Lernprozessen, und zu den Unterrichtsblöcken schreiben sie Erfahrungsprotokolle.
Die AGB des Lehrgangs verpflichten die Mitarbeitenden des ISP und die Teilnehmenden zur Verschwiegenheit über das, was sie dabei über andere Personen erfahren. Für die Teilnehmenden gilt das auch nach dem Ende der Ausbildung.

Was man verdient
Sexualpädagogik wird anders bezahlt als Therapie: pro Einsatz von Schulen, Gemeinden und Institutionen, nicht pro Stunde von Privatpersonen. Vieles ist kantonal subventioniert.
Zwei belegte Beispiele aus der Deutschschweiz:
- fabeso (Solothurn): CHF 570 pro Einsatz für zwei Fachpersonen, plus CHF 70 Wegpauschale pro Tag.
- Kanton Luzern: Öffentliche Schulen zahlen CHF 300 pro Klassenanlass, den Rest finanziert der Kanton.
Das sind Preise der Fachstellen, nicht Honorare der Einzelperson; Vorbereitung, Anfahrt und Overhead gehen davon ab. Bei Anstellung dient das Lohnniveau der Sozialen Arbeit als Orientierung: rund CHF 71’600 brutto im Jahr im Mittel für Sozialpädagog:innen (lohnanalyse.ch).
Der Weg dorthin
Der Diplomlehrgang Sexualpädagogik am ISP führt dorthin. Eineinhalb Jahre, 48 Unterrichtstage jeweils mittwochs, CHF 16’900. Der nächste Jahrgang startet mit einer Intensivwoche von Dienstag, 10., bis Samstag, 14. August 2027.
Der Abschluss heisst «Dipl. Sexualpädagog*in ISP».
Der Lehrgang ist vom Fachverband für Sexologie Schweiz anerkannt und führt zum geschützten Fachtitel «Sexualpädagog:in FSS». Wer noch in Ausbildung ist, führt denselben Titel mit dem Zusatz «i.A.».
Gearbeitet wird körperbezogen nach dem Modell Sexocorporel. Am ISP trägt diese Methodik alle vier Felder, auch die Sexualtherapie und die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung.
Der zweite Weg führt über den Master of Arts in Sexologie. Er deckt alle vier Felder ab, auf akademischer Stufe, und setzt einen Bachelorabschluss voraus. Wer keinen Hochschulabschluss mitbringt, nimmt den Diplomlehrgang.
Der Lernweg besteht aus Wissen, Übung, Selbsterfahrung, Fallarbeit und Supervision, dazu Hospitationen und zwei begleitete Praktika.
Der Mittwoch und das eigene Pensum
Nach der Intensivwoche findet der Unterricht jeweils mittwochs von 13.30 bis 20.00 Uhr statt, gut ein Jahr lang. Wer am Mittwochnachmittag selbst unterrichtet, muss den eigenen Stundenplan umstellen. Die meisten Teilnehmenden reduzieren ihr Pensum auf 80 Prozent.
Das Gespräch mit der Schulleitung gehört deshalb vor die Anmeldung. Für die Schule spricht, dass sie eine Lehrperson gewinnt, die den Sexualkundeunterricht übernehmen, Kolleg:innen beraten und ein sexualpädagogisches Konzept erarbeiten kann. Mit demselben Argument lässt sich auch eine Beteiligung an den Kosten begründen.
Wer die Ausbildung mitfinanziert
Die Kosten von CHF 16’900 müssen nicht allein aus dem eigenen Budget kommen.
- Steuern: Die Kosten einer berufsorientierten Weiterbildung lassen sich vom steuerbaren Einkommen abziehen, bei der direkten Bundessteuer bis zu einem Höchstbetrag, bei den Kantons- und Gemeindesteuern bis zu dem Betrag, den der Kanton festlegt.
- Arbeitgeber: Schulen und Institutionen beteiligen sich eher an den Kosten, wenn sie einen Nutzen für sich erkennen, etwa weil ein Schutzkonzept erarbeitet werden muss.
- Stipendien und Darlehen: Kantonale Stipendienstellen, private Stiftungen und Fonds vergeben Stipendien und zinslose Darlehen. Wo und wie man ein Gesuch stellt, steht auf der Seite Stipendien und Darlehen.
Was dieser Weg nicht ist
Sexualpädagogik ist keine Therapie. Wer mit einzelnen Menschen an Leidensdruck und Störungsbildern arbeiten will, findet den Weg über den Diplomlehrgang Sexualtherapie.
Und es ist keine Sexualbegleitung. Das ist ein eigener Beruf, in dem körperliche Nähe Teil der Dienstleistung ist. Das ISP bildet dafür nicht aus. Die Abgrenzung zwischen Sexualassistenz, Sexualbegleitung und sexueller Bildung ist eigens beschrieben.
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Diese Seite beschreibt den Beruf und den Weg dorthin. Wenn Sie selbst eine Begleitung suchen, führen unsere Verzeichnisse zu Fachpersonen, die am ISP abgeschlossen haben.
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