Sexocorporel

Was das Modell beschreibt, woher es kommt und wie damit gearbeitet wird.

Sexocorporel ist ein Modell sexueller Gesundheit. Es beschreibt, wie Menschen sich körperlich erregen und welche Fähigkeiten dabei zusammenwirken, und leitet daraus ab, welche Lernschritte ein sexuelles Anliegen lösen. Angewendet wird es in Sexualberatung, Sexualtherapie und sexueller Bildung. Entwickelt wurde es ab den 1970er-Jahren von Jean-Yves Desjardins an der Université du Québec à Montréal.

Das ISP Zürich unterrichtet das Modell im Master of Arts in Sexologie und in den Diplomlehrgängen.

Was Sexocorporel von anderen Modellen unterscheidet

Viele sexualtherapeutische Schulen verstehen sexuelle Probleme als Ausdruck psychischer Konflikte oder als Beziehungsstörung. Die Abklärung fragt dann nach Kindheit, Partnerschaft und Konflikten, lässt aber offen, was im Körper tatsächlich geschieht. Sexocorporel nennt solche Erklärungen indirekte Kausalitäten und wendet sich den direkten zu: Wie atmet jemand bei steigender Erregung? Welche Muskeln spannt er an, welchen Rhythmus benutzt sie, wie viel Raum lässt die Bewegung?

Diese Fragen sind nicht technisch gemeint. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass eine Behandlung etwas anderes anbieten kann als Einsicht. Wer weiss, wie eine Klientin ihre Erregung aufbaut, kann ihr zeigen, wie sie sie anders aufbaut.

Zwei weitere Merkmale prägen das Modell:

Es geht von Fähigkeiten aus, nicht von Störungen. Die Evaluation erhebt zuerst, was jemand kann. Grenzen der eigenen Sexualentwicklung gelten nicht als Krankheit, sondern als Stelle, an der ein Lernschritt aussteht. Mehr dazu unter Modell der sexuellen Gesundheit.

Es trennt sexuelle von mentaler Gesundheit. Die meisten Menschen mit einem sexuellen Problem sind psychisch gesund. Sie brauchen sexologische Arbeit, keine Psychotherapie. Diese Unterscheidung ist der Ausgangspunkt des ganzen Ansatzes.

Die drei Grundannahmen

Sexocorporel setzt bei Körper und Psyche als untrennbarer Einheit an, versteht sexuelles Erleben als Ergebnis lebenslanger Lernprozesse und beschreibt körperliche Aktivität über drei Grössen: Bewegung, Rhythmus und Muskeltonus, dazu die Atmung. Wer diese Grössen verändert, verändert die Erregung, und mit ihr das Erleben.

Die Grundannahmen im Einzelnen

Die Komponenten der Sexualität

Um das Zusammenspiel beschreibbar zu machen, unterscheidet das Modell dreizehn Komponenten in vier Kategorien: physiologische, sexodynamische, kognitive und Beziehungskomponenten. Zu den sexodynamischen gehören etwa die Lustfunktion, das sexuelle Begehren, die sexuelle Selbstsicherheit und die Anziehungskodes. Die sexologische Evaluation geht diese Komponenten einzeln durch.

Die Komponenten im Überblick

Die Erregungsmodi

Der bekannteste Beitrag des Modells ist die Typologie der Erregungsmodi: der Art und Weise, wie eine Person ihre sexuelle Erregung körperlich steigert. Unterschieden werden unter anderem der archaische Modus über Druck, der mechanische über rasche Reibung, der ondulierende über fliessende Bewegung des ganzen Körpers und der wellenförmige über die Bewegung in der Körperachse.

Jeder Modus hat Folgen für das, was möglich ist. Wer sich ausschliesslich über starken Druck erregt, erreicht rasch eine Entladung, nimmt dabei aber wenig Lust wahr und hat beim Geschlechtsverkehr oft Schwierigkeiten. Das erklärt eine Reihe von Anliegen, die sonst als unerklärlich gelten.

Die Erregungsmodi im Einzelnen

Erregungsfunktion, Entladung und Orgasmus

Das Modell trennt zwei Vorgänge, die umgangssprachlich zusammenfallen. Die orgastische Entladung ist ein körperlicher Vorgang: rhythmische Kontraktionen der Beckenboden- und Bauchmuskulatur. Vom Orgasmus spricht man, wenn diese Entladung von intensivem Lusterleben begleitet wird. Beides kann getrennt auftreten, und genau diese Trennung macht viele Anliegen erst beschreibbar.

Erregungsfunktion, Diffusion und Kanalisation

Was das Modell zur klinischen Sexologie beigetragen hat

  • Präzise Definitionen für Begriffe, die vorher unscharf gebraucht wurden – etwa die Trennung von orgastischer Entladung und Orgasmus.
  • Eine Beschreibung der Sexualentwicklung, die beim Erregungsreflex des Säuglings ansetzt und bis ins Alter reicht.
  • Eine Typologie der Erregungsmodi, gewonnen aus der Beobachtung klinischer Verläufe.
  • Vier Ansatzpunkte, um die Erregung über den Körper zu beeinflussen: Muskelspannung, Bewegungsrhythmus, Atemraum und Bewegungsraum.
  • Behandlungsschritte, die sich aus der Evaluation direkt ableiten lassen, statt aus einer Deutung.

Wie eine Behandlung abläuft

Am Anfang steht eine ausführliche sexologische Evaluation. Sie erhebt die Komponenten einzeln, klärt den Erregungsmodus und lässt sich einen typischen sexuellen Ablauf genau schildern. Daraus entsteht eine Hypothese, die der Klientin oder dem Klienten erklärt wird. Erst dann werden Ziele vereinbart und Lernschritte zusammengestellt: körperliche Übungen, Arbeit an der Wahrnehmung, an der emotionalen Beteiligung und an der erotischen Kommunikation.

Die Arbeit findet im Gespräch und über Übungen statt, die die Klient*innen zu Hause durchführen. Sexuelle Handlungen in der Sitzung oder Berührung durch die Fachperson gehören nicht dazu.

Bei welchen Anliegen nach Sexocorporel gearbeitet wird

Die Stärke des Modells zeigt sich dort, wo eine Klage benannt, aber nicht erklärt ist. Für jedes Anliegen gibt es eine körperliche Frage, die vor jeder Deutung steht.

AnliegenWonach das Modell zuerst fragt
Die Ejakulation kommt früher als gewünschtWie wird die Erregung aufgebaut? Hoher Tonus in Gesäss und Beckenboden lässt den Punkt ohne Wiederkehr rasch überschreiten.
Die Erektion trägt nichtWelcher Erregungsmodus ist gelernt? Wer sich über starken Druck erregt, findet beim Geschlechtsverkehr eine andere Ausgangslage vor.
Wenig oder kein sexuelles BegehrenWird Erregung überhaupt als Lust wahrgenommen? Ohne Diffusion bleibt das Erleben blass, und was blass bleibt, wird nicht begehrt.
Der Orgasmus bleibt ausFehlt die Entladung oder das Lusterleben? Anorgastie und Anorgasmie verlangen verschiedene Lernschritte.
Schmerzen beim GeschlechtsverkehrWie hoch ist der Beckenbodentonus, und wie verläuft der Erregungsaufbau davor?
Viel Lust, aber keine EntladungIst die Kanalisation ausgebaut? Das typische Bild des ondulierenden Modus.
Erotische Sprachlosigkeit im PaarWelche Beziehungskomponenten sind entwickelt: Verführung, Kommunikation, erotisches Repertoire?

Ebenso wird mit dem Modell in der Sexualpädagogik und in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung gearbeitet. Wer eine Fachperson sucht, findet sie im Verzeichnis Sexualtherapeut*in finden.

Wo Sexocorporel gelehrt wird

Am ISP Zürich ist Sexocorporel Teil des Master of Arts in Sexologie, des Diplomlehrgangs Sexualtherapie und des Diplomlehrgangs Sexualpädagogik. Einen Überblick über die sexologische Ausbildungslandschaft gibt die Seite Sexologie in der Schweiz.

Wer das Modell zuerst kennenlernen möchte, findet in der Einführung in Sexocorporel einen Tageskurs.

Häufige Fragen

Ist Sexocorporel eine Psychotherapie?

Nein. Sexocorporel ist ein Modell sexueller Gesundheit und geht davon aus, dass die meisten Menschen mit einem sexuellen Anliegen psychisch gesund sind. Es arbeitet an sexuellen Fähigkeiten, nicht an psychischen Störungen. Wo eine psychische Erkrankung vorliegt, ist zusätzlich psychotherapeutische oder ärztliche Behandlung angezeigt.

Muss ich mich in einer Sitzung ausziehen?

Nein. Die Arbeit findet im Gespräch statt. Bekleidete Atem- und Bewegungsübungen können in der Sitzung angeleitet werden; die eigentlichen Körperübungen werden erklärt und von den Klient*innen zu Hause durchgeführt. Sexuelle Handlungen in der Sitzung und Berührung durch die Fachperson gehören nicht zum Ansatz.

Bei welchen Anliegen wird nach Sexocorporel gearbeitet?

Bei Schwierigkeiten mit der Ejakulationskontrolle, mit der Erektion, mit Lust und Begehren, beim Erreichen des Orgasmus, bei Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sowie bei erotischen und kommunikativen Anliegen in Paarbeziehungen. Auch in der Sexualpädagogik und in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung wird das Modell eingesetzt.

Wie lange dauert eine Behandlung?

Das hängt vom Anliegen ab. Die sexologische Evaluation nimmt in der Regel zwei bis drei Sitzungen in Anspruch. Danach richtet sich die Dauer nach den vereinbarten Lernschritten. Eine feste Sitzungszahl gibt das Modell nicht vor: Wer eine einzelne Fähigkeit ausbauen will, braucht wenige Sitzungen, wer mehrere Komponenten bearbeitet, begleitet den Prozess über Monate.

Wer darf nach Sexocorporel arbeiten?

Fachpersonen mit einer entsprechenden Ausbildung. In der Schweiz führen unter anderem das ISP Zürich, das ZISS und das Institut Sexocorporel International Lehrgänge durch. Der Titel «Sexolog*in FSS» des Fachverbands Sexologie Schweiz setzt eine abgeschlossene Ausbildung voraus.

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Quellen: Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2005): La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies 25(1), S. 3–19. – S. 3–19 · Desjardins, J.-Y. (1986): L’approche sexo-corporelle. Fondements théoriques et champs d’application. Psychothérapies 1986, Nr. 1, S. 51–58. · Voß, H.-J. & Stumpe, H. (Hrsg.) (2024): Grundlagen des Sexocorporel. Giessen: Psychosozial-Verlag.

Autor: Ben Kneubühler, Geschäftsführer ISP Zürich · Stand: 3. September 2026