In der Sexualwissenschaft forschen

Berufsbilder In der Sexualwissenschaft forschen

Sexualwissenschaft erforscht menschliche Sexualität und stellt die Grundlagen bereit, auf denen Beratung, Therapie und sexuelle Bildung beruhen. Sie ist ein Feld, in dem Sexolog:innen arbeiten können, und nicht das, was aus einem Abschluss automatisch folgt. Wer forschen will, geht diesen Weg zusätzlich.

Auf dieser Seite: Woran geforscht wird · Der Weg zur Promotion · Abgeschlossene Promotionen · Wo man Anschluss findet · Was realistisch ist · Weiterführende Links

Woran geforscht wird

In der Sexualität wird vieles behauptet und wenig geprüft. Was häufig ist, was sich verändern lässt, was Menschen tatsächlich erleben: Diese Fragen sind seltener untersucht, als es der Alltag in Praxen und Schulzimmern vermuten lässt.

Die Arbeiten der letzten Jahre zeigen, wie nah das Fach an der Praxis liegt. Untersucht wurden die Beziehungs- und Sexualitätszufriedenheit BDSM-orientierter Menschen, die Inanspruchnahme von Unterstützung durch minderjährige Mütter und Väter, das Sprechen über Sexualität in der Kinder- und Jugendhilfe, die Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz in der medizinischen Versorgung, und die Frage, wie Massenmedien den Blick auf randständige sexuelle Präferenzen verschieben.

Jede dieser Arbeiten beantwortet eine Frage, die in Beratungsstellen und Institutionen täglich auftaucht.

Der Weg zur Promotion

Für ein Doktorat verlangen Hochschulen in der Regel 120 ECTS auf Masterstufe. Der Master of Arts in Sexologie erfüllt diese Voraussetzung. Über die Zulassung entscheidet die aufnehmende Fakultät im Einzelfall, Auflagen sind möglich.

Sachsen-Anhalt hat 2021 als eines der ersten Bundesländer den Fachhochschulen das eigenständige Promotionsrecht erteilt. Die Hochschule Merseburg kann seither ohne Beteiligung einer Universität promovieren. Zuständig ist das Promotionszentrum für Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften, das die Hochschulen Merseburg, Anhalt, Harz und Magdeburg-Stendal zusammenführt.

Zwei sexualwissenschaftliche Professuren sind dort betreuungsberechtigt: Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Professur für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung, und Prof. Dr. Maika Böhm, Professur für Sexualwissenschaft und Familienplanung.

Promotionen mit Merseburger Beteiligung

Die erste abgeschlossene Promotion der Hochschule Merseburg überhaupt war eine sexualwissenschaftliche. Promoviert wird im Fach aber an mehreren Hochschulen. Die folgenden sechs Arbeiten wurden alle von Merseburg mitbetreut, verliehen wurde der Grad je nach Fall dort oder anderswo.

ArbeitThemaWo und wann
Kirstin Linnemann-GeigerBeziehungs- und Sexualitätszufriedenheit BDSM-orientierter PersonenHochschule Merseburg, 2023
Anja JonasMutterschaft und Elternschaft von Minderjährigen und die Inanspruchnahme von UnterstützungHochschule Merseburg, 2026
Torsten LinkeSexuelle Bildung in der Kinder- und JugendhilfeUniversität Kassel, 2019
Sibylle SchulzNorm(alis)ierungstendenzen bei marginalisierten SexualpräferenzenUniversität Konstanz, 2023
Maximiliane HädickeDiskriminierung bei Geschlechtsinkongruenz in der medizinischen VersorgungUniversität Göttingen
Annika SpahnHeteronormativität in Wissensproduktion und Praxis der SexualmedizinBasel und Freiburg, 2023

Verlinkt sind die drei Arbeiten, die frei zugänglich oder als Buch erschienen sind; die Konstanzer liegt als Volltext vor. Die beiden Merseburger Arbeiten wurden dort erstbetreut, bei den übrigen war Merseburg als Zweitbetreuung beteiligt. Die Vorbildungen sind unterschiedlich: Gender Studies, Soziologie, Medizinethik, Medienwissenschaft, Soziale Arbeit. Ein sexualwissenschaftlicher Master ist keine Bedingung, und er ist auch keine Garantie.

Hand schreibt Notizen in ein aufgeschlagenes Buch

Wo man Anschluss findet

  • Fachgesellschaften. Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung ist die älteste und grösste im deutschsprachigen Raum, 1950 von Hans Giese gegründet und am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf angesiedelt. Daneben bestehen die Gesellschaft für Sexualwissenschaft, die Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung und die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualpsychologie. In der Schweiz ist es der Fachverband für Sexologie Schweiz.
  • Zeitschrift. Die Zeitschrift für Sexualforschung erscheint viermal jährlich bei Thieme und ist interdisziplinär angelegt.
  • Buchreihen. Am Institut für Angewandte Sexualwissenschaft, einem An-Institut der Hochschule Merseburg, erscheinen die Reihen «Sexualwissenschaftliche Schriften» und «Angewandte Sexualwissenschaft». In der erstgenannten wurde die Dissertation zu BDSM veröffentlicht.
  • Netzwerk. Am 15. September 2025 haben die Medical School Hamburg, die SRH University Heidelberg am Campus Fürth und die Hochschule Merseburg ein Netzwerk der sexualwissenschaftlichen Studiengänge gegründet. Es soll das Fach im deutschsprachigen Raum sichtbarer machen.

Was realistisch ist

Eine Promotion dauert mehrere Jahre neben der Arbeit und verlangt eine Betreuungsperson, die das Thema mitträgt. Die allermeisten Menschen mit einem sexologischen Abschluss arbeiten in der Praxis, nicht in der Forschung. Dafür ist sie gemacht.

Wer trotzdem forschen will, findet in Merseburg seit 2021 die formalen Voraussetzungen, zwei Professuren im Fach und eine Reihe, in der die Arbeit erscheinen kann. Das ist mehr, als der deutschsprachige Raum in diesem Feld lange zu bieten hatte.

Wer sich einlesen oder anschliessen will, findet hier die Adressen, an denen das Fach arbeitet.

Fachgesellschaften

Zeitschriften

  • Zeitschrift für Sexualforschung, Organ der DGfS, seit 1988, doppelblind begutachtet, viermal jährlich bei Thieme
  • Archives of Sexual Behavior, Organ der International Academy of Sex Research, seit 1971 bei Springer, international die einflussreichste
  • The Journal of Sex Research, seit 1965, herausgegeben für die Society for the Scientific Study of Sexuality

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