Es gibt eine Erfahrung, die viele Frauen machen und kaum jemand ausspricht: Allein klappt es zuverlässig, zu zweit selten bis nie. Eine neue Schweizer Studie zeigt, wie verbreitet das ist, und sie zeigt, dass der Grund nicht im Körper liegt.
Von Ben Kneubühler, Institutsleiter des ISP Zürich
Stand: September 2026
Am 16. September 2026 ist in der Fachzeitschrift Sex Roles eine Untersuchung erschienen, die zu drei Vierteln auf Schweizer Daten beruht. Lenya Koechlin, Gideon Sartorius, Stefanie Gonin-Spahni und Daniel Haag-Wackernagel haben 2’272 Personen befragt. Zwei Zahlen daraus stehen nebeneinander und sagen alles.
Beim Sex zu zweit kommen 56,3 Prozent der Frauen oft bis immer zum Orgasmus, bei den Männern sind es 94,2 Prozent. Bei der Selbstbefriedigung kommen 94,2 Prozent der Frauen oft bis immer zum Orgasmus, bei den Männern 97,3 Prozent. Aus 37,9 Prozentpunkten Unterschied werden 3,1.

Derselbe Körper, ein anderes Ergebnis. Wer allein zuverlässig zum Orgasmus kommt, hat kein körperliches Problem. Was sich ändert, ist die Situation: eine zweite Person, ein Ablauf, Erwartungen, und meistens eine andere Art von Berührung.
| Anteil, der zutrifft | Frauen | Männer |
|---|---|---|
| Orgasmus beim Sex zu zweit, oft bis immer | 56,3 % | 94,2 % |
| Orgasmus bei der Selbstbefriedigung, oft bis immer | 94,2 % | 97,3 % |
| zufrieden bis sehr zufrieden mit der Häufigkeit | 59,9 % | 86,7 % |
| gutes Ergebnis im Anatomietest zur Vulva | 93,6 % | 94,0 % |
Dass es dabei nicht nur um Häufigkeit geht, zeigt die dritte Zeile. 22,6 Prozent der Frauen sind mit der Zahl ihrer Orgasmen ausdrücklich unzufrieden. Die verbreitete Annahme, Frauen sei der Orgasmus ohnehin weniger wichtig, stimmt nicht.
Für wen diese Zahlen gelten
Die Studie hat ausschliesslich Personen ausgewertet, die sich als cisgeschlechtlich und heterosexuell bezeichnen. Queere, nicht-binäre und trans Teilnehmende wurden wegen zu kleiner Fallzahlen ausgeschlossen. Der zweite Teil der Auswertung betrachtet nur Frauen, was den Eindruck erzeugen kann, die Verantwortung liege bei ihnen; die Autorinnen und Autoren schreiben das selbst als Einschränkung.
Genau an dieser Stelle hilft ein Blick über die Studie hinaus. In einer US-Erhebung mit 52’588 Personen berichteten 95 Prozent der heterosexuellen Männer, meistens bis immer einen Orgasmus zu erleben, 89 Prozent der schwulen Männer, 88 Prozent der bisexuellen Männer, 86 Prozent der lesbischen Frauen, 66 Prozent der bisexuellen und 65 Prozent der heterosexuellen Frauen.
Lesbische und heterosexuelle Frauen unterscheiden sich um 21 Punkte. Dazwischen liegt kein anatomischer Unterschied. Es geht also nicht um den weiblichen Körper, sondern um das, was beim heterosexuellen Sex üblicherweise passiert.
Woran es liegt, wenn es zu zweit nicht klappt
Das Drehbuch ist eng. 98,7 Prozent der Befragten verstehen unter «Sex haben» den Geschlechtsverkehr. Oralsex zählen 73,5 Prozent dazu, manuelle Stimulation nur 52 Prozent. Dabei kommen nur 9,6 Prozent der Frauen durch Penetration allein zum Orgasmus, während 68,7 Prozent angeben, klitorale Stimulation mache ihren Orgasmus besser oder sei dafür nötig.

Wer manuelle Stimulation zum Sex dazuzählt, kommt häufiger zum Orgasmus (60,4 gegenüber 52 Prozent), bei Oralsex ist der Abstand ähnlich (59,4 gegenüber 48 Prozent). Und wer beim letzten Mal Oralsex bekommen hat, berichtet häufiger von Orgasmen (61 gegenüber 52,2 Prozent). Das sind keine grossen Sprünge, aber sie zeigen in dieselbe Richtung: Was vorkommt, entscheidet.
Wissen allein nützt nichts. 93,6 Prozent der Frauen und 94 Prozent der Männer lösten den Anatomietest zur Vulva gut. Mit der Orgasmushäufigkeit beim Sex zu zweit hatte dieses Wissen keinen Zusammenhang, mit der Häufigkeit bei der Selbstbefriedigung schon. Das Wissen ist vorhanden, es kommt nur in der gemeinsamen Situation nicht zur Anwendung.
Die eigene Lust muss zählen dürfen. Frauen, die ihren eigenen Orgasmus als eher oder sehr wichtig bezeichnen, erleben ihn dreimal häufiger als Frauen, die ihn für nicht wichtig halten (69,9 gegenüber 22,2 Prozent). Das ist der stärkste Zusammenhang der ganzen Studie. In welche Richtung er wirkt, lässt der Querschnitt offen, und wahrscheinlich wirkt er in beide.
Sagen, was man mag. Von den Frauen, die oft bis immer zum Orgasmus kommen, sagen 89,4 Prozent, sie sprächen im Sex aus, was ihnen gefällt. Bei den Frauen, die selten zum Orgasmus kommen, sind es 62 Prozent, und 38 Prozent äussern gar nicht, was sie mögen. Eine Metaanalyse über 48 Studien findet denselben Zusammenhang zwischen sexueller Kommunikation und sexueller Funktion (r = 0,35), bei Frauen deutlicher für Verlangen und Orgasmus als bei Männern.
Der Zusammenhang gehört nicht einer Person allein. Feste Beziehung statt Dating (61 gegenüber 40,4 Prozent) und häufigerer Sex (67,8 gegenüber 39,2 Prozent) gehen mit mehr Orgasmen einher. Die Zahl früherer Partner dagegen nicht. Was zählt, ist die Verständigung, nicht die Erfahrung.
Was die Studie nicht sagt
Sie sagt nicht, dass ein Orgasmus dazugehören muss. Die Autorinnen und Autoren warnen ausdrücklich davor, Frauen zu pathologisieren, die nicht oder selten zum Orgasmus kommen. Wer damit zufrieden ist, hat kein Problem. Eine Orgasmusstörung setzt Leidensdruck voraus, und bevor sie diagnostiziert wird, gehört geprüft, ob die Stimulation überhaupt zu dieser Person passt.
Sie sagt auch nichts über Ursachen. Es ist ein Querschnitt mit einer Gelegenheitsstichprobe, bewusst jung und gebildet gewählt: gut die Hälfte zwischen 20 und 29, knapp 60 Prozent mit Hochschulabschluss, 73,3 Prozent in der Schweiz, 26,0 Prozent in EU-Ländern. Die Auswertung ist explorativ, ohne Mehrfachmodelle und ohne Korrektur für multiples Testen. Die Befragung lief von Juli 2021 bis April 2022, bewilligt von der Ethikkommission Nordwest- und Zentralschweiz.
Was die Studie stattdessen liefert, ist eine Liste veränderbarer Bedingungen. Und genau damit arbeitet Sexualtherapie.
Was sich daran verändern lässt
Für den ausbleibenden Orgasmus gibt es die vergleichsweise beste Datenlage. Eine Metaanalyse der Universität Bern über 20 randomisierte Studien fand für psychologische Behandlungen sexueller Funktionsstörungen eine mittlere Wirkung auf die Beschwerden (d = 0,58) und auf die sexuelle Zufriedenheit (d = 0,47), und sie hält fest, dass die Belege gerade für Orgasmusstörungen und vermindertes Verlangen bei Frauen am besten sind.
In der Praxis geht es dabei um vier Dinge, die alle in der Studie vorkommen: welche Stimulation überhaupt stattfindet, wie viel Zeit der eigene Erregungsaufbau bekommt, ob die eigene Lust als Ziel zählen darf, und ob sich das aussprechen lässt. Am ISP arbeiten wir dafür mit dem körperbezogenen Modell Sexocorporel, das die Erregungsmodi betrachtet: die Art, wie jemand Erregung aufbaut, mit Atmung, Bewegung, Muskelspannung und Wahrnehmung. Wer allein zuverlässig zum Orgasmus kommt, hat einen funktionierenden Modus bereits; die Arbeit besteht darin, ihn in die Begegnung zu zweit zu übertragen.
Eine ärztliche Abklärung gehört dazu, wenn Schmerzen im Spiel sind, wenn sich das Empfinden verändert hat oder wenn Medikamente eine Rolle spielen könnten, besonders Antidepressiva. Wobei Sexualtherapie sonst noch hilft, von Schmerzen über Erektionsstörungen bis zur Sexualität nach einer Krankheit, steht auf der Seite Warum Sexualtherapie. Wie das Ganze gesellschaftlich einzuordnen ist, steht im Beitrag zum Orgasmus-Gap.
Was man selbst ausprobieren kann
Für vieles davon reicht eine Entscheidung.
- Übertragen, was allein funktioniert: dieselbe Art der Berührung, dasselbe Tempo, dieselbe Stellung auch zu zweit.
- Den Ablauf ändern statt die Technik verbessern: Was allein zum Orgasmus führt, gehört in den gemeinsamen Sex und nicht davor oder danach.
- Einen Satz vorbereiten, der nicht im Bett gesagt werden muss, sondern davor: «Ich möchte etwas ausprobieren.»
- Den Anspruch senken, dass es gleichzeitig passieren muss. Nacheinander ist kein Mangel.
- Wenn seit Jahren nichts hilft: eine Fachperson dazunehmen, statt es weiter allein zu versuchen.
Häufige Fragen
Ist es normal, allein zum Orgasmus zu kommen, aber nicht zu zweit?
Ja, und es ist häufig. In der Schweizer Studie kommen 94,2 Prozent der Frauen bei der Selbstbefriedigung oft bis immer zum Orgasmus, beim Sex zu zweit 56,3 Prozent. Der Unterschied liegt nicht im Körper, sondern in dem, was beim gemeinsamen Sex geschieht.
Heisst das, ich habe eine Orgasmusstörung?
Nicht automatisch. Eine Orgasmusstörung setzt Leidensdruck voraus, und vorher gehört geprüft, ob die Stimulation zu dieser Person passt. Wer allein zuverlässig zum Orgasmus kommt, zeigt damit, dass die Fähigkeit vorhanden ist.
Wie viele Frauen kommen durch Penetration allein zum Orgasmus?
In der Schweizer Studie 9,6 Prozent. 50,1 Prozent brauchen dafür zusätzlich klitorale Stimulation, für weitere 18,6 Prozent wird der Orgasmus damit besser.
Warum kommen lesbische Frauen häufiger zum Orgasmus?
In einer US-Erhebung mit 52’588 Personen berichteten 86 Prozent der lesbischen und 65 Prozent der heterosexuellen Frauen, meistens bis immer einen Orgasmus zu erleben. Der Unterschied spricht dafür, dass der Ablauf beim heterosexuellen Sex die Rolle spielt und nicht die Anatomie.
Hilft mehr Wissen über die Anatomie?
Für die Selbstbefriedigung ja, für den Sex zu zweit nicht. In der Studie lösten über 93 Prozent aller Befragten den Anatomietest gut, ohne dass das mit der Orgasmushäufigkeit beim Sex zu zweit zusammenhing.
Wann lohnt sich eine Sexualtherapie?
Wenn es belastet und sich über längere Zeit nichts ändert. Für Orgasmusschwierigkeiten bei Frauen ist die Wirkung psychologischer Behandlungen vergleichsweise gut belegt. Eine Fachperson mit sexologischer Ausbildung findet man im Verzeichnis.
Quellen
- Koechlin, L., Sartorius, G., Gonin-Spahni, S. & Haag-Wackernagel, D. (2026): Exploring the Orgasm Gap in Heterosexual Sex: A Swiss and European Online Survey. Sex Roles 92(5), Open Access, doi:10.1007/s11199-026-01693-8
- Frederick, D. A., St. John, H. K., Garcia, J. R. & Lloyd, E. A. (2018): Differences in Orgasm Frequency Among Gay, Lesbian, Bisexual, and Heterosexual Men and Women in a U.S. National Sample. Archives of Sexual Behavior 47(1), 273–288, doi:10.1007/s10508-017-0939-z
- Frühauf, S., Gerger, H., Schmidt, H. M., Munder, T. & Barth, J. (2013): Efficacy of psychological interventions for sexual dysfunction: a systematic review and meta-analysis. Archives of Sexual Behavior 42(6), 915–933, doi:10.1007/s10508-012-0062-0
- Mallory, A. B., Stanton, A. M. & Handy, A. B. (2019): Couples‘ Sexual Communication and Dimensions of Sexual Function: A Meta-Analysis. The Journal of Sex Research 56(7), 882–898, doi:10.1080/00224499.2019.1568375
Ben Kneubühler, MSc, ist Institutsleiter des ISP Zürich und ehemaliger Studiengangsleiter des Diplomlehrgangs Sexualpädagogik. Er ist Psychotherapeut, Sexologe und in der Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen tätig.
