Sexsucht: Anzeichen, Selbsttest und was die Diagnose wirklich verlangt

Seit 2022 gibt es dafür eine anerkannte Diagnose. Sie heisst nicht Sexsucht, sie heisst zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung, und sie ist an Bedingungen geknüpft, die strenger sind, als die meisten vermuten. Wer viel Sex hat, erfüllt sie nicht. Wer sich für seinen Sex schämt, auch nicht.

Diese Seite erklärt, woran ein zwanghaftes Muster erkennbar ist, und stellt den Fragebogen zur Verfügung, mit dem die Forschung arbeitet. Er ersetzt keine Abklärung. Er sagt Ihnen, ob ein Gespräch sich lohnt.

Ist Sexsucht eine Krankheit?

Der Begriff Sexsucht steht in keiner Klassifikation. Er ist Umgangssprache, und er trägt eine Behauptung in sich, die bis heute nicht belegt ist: dass Sex süchtig macht wie eine Substanz.

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich 2022 anders entschieden. In der ICD-11 steht unter der Nummer 6C72 die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung, englisch Compulsive Sexual Behaviour Disorder. Sie ist nicht bei den Suchterkrankungen eingeordnet, sondern bei den Störungen der Impulskontrolle. Das ist kein Etikettenstreit. Es entscheidet darüber, was als Behandlung naheliegt.

Wer die fachliche Einordnung im Einzelnen nachlesen will, findet sie in unserem Beitrag zur zwanghaften sexuellen Verhaltensstörung als neuer Diagnose.

Die fünf Muster, an denen man es erkennt

Der Fragebogen, der aus den ICD-11-Leitlinien entwickelt wurde, misst fünf Dinge. Sie sind zugleich die brauchbarste Beschreibung dessen, worauf zu achten ist.

Kontrollverlust. Das Vorhaben aufzuhören scheitert nicht an der Gelegenheit, sondern am eigenen Zugriff. «Obwohl mein Sexualverhalten unverantwortlich oder leichtsinnig war, fand ich es schwierig, aufzuhören.»

Vereinnahmung. Sex wird zur Mitte, um die sich der Tag ordnet. Andere Dinge verlieren nicht an Wert, sie verlieren an Aufmerksamkeit.

Rückfälligkeit. Es bleibt nicht bei einem Anlauf. Die Versuche, weniger zu tun, häufen sich, und sie halten immer kürzer.

Leidensdruck. Das Verhalten läuft weiter, obwohl es nicht mehr gibt, wofür es einmal da war. Sex ohne Genuss, fortgesetzt.

Negative Folgen. Arbeit, Ausbildung, Beziehungen, Geld, Gesundheit. Ohne diesen Punkt gibt es keine Diagnose, wie stark die anderen vier auch ausfallen.

Drei dieser Muster beschreiben, wie das Verhalten abläuft. Zwei beschreiben, was es kostet. Die Diagnose verlangt beides.

Ab wann ist es zu viel?

Es gibt keine Zahl. Keine Stundenzahl pro Woche, keine Anzahl Partnerinnen und Partner, keine Häufigkeit, ab der etwas beginnt. Die ICD-11 nennt keine, und das ist Absicht.

Massgeblich ist nicht, wie viel jemand tut, sondern ob er es steuern kann und was es anrichtet. Zwei Menschen mit demselben Verhalten können unterschiedlich zu beurteilen sein — der eine lebt damit, die andere verliert darüber ihre Stelle.

Eine Bedingung nennt die Klassifikation doch: Das Muster muss über einen längeren Zeitraum bestehen, als Anhaltspunkt sechs Monate oder mehr. Eine Phase nach einer Trennung ist keine Störung.

Der Selbsttest

Kostenlos · ohne Anmeldung · ca. 5 Minuten

Dieser Test verwendet die Compulsive Sexual Behavior Disorder Scale (CSBD-19) in der deutschen Fassung — dasjenige Verfahren, das direkt aus den ICD-11-Leitlinien entwickelt und an über 9'000 Personen in drei Sprachen geprüft wurde. Dazu kommt eine Frage, die kein anderer Online-Test stellt, die die ICD-11 aber ausdrücklich verlangt.

  • 20 Fragen19 aus dem CSBD-19, eine zur Einordnung
  • 0 Datenalles bleibt in Ihrem Browser
  • ICD-11Grundlage ist die geltende Diagnose 6C72

Was in diesem Fragebogen «Sex» heisst: jede Aktivität oder jedes Verhalten, das eine Person stimuliert oder erregt, mit dem Ziel, einen Orgasmus oder sexuelles Vergnügen hervorzurufen — zum Beispiel Selbstbefriedigung oder Solo-Sex, Konsum von Pornografie, Geschlechtsverkehr mit Partnerin oder Partner, Oralverkehr, Analverkehr. Sexuelle Verhaltensweisen können mit oder ohne Partnerin und Partner stattfinden.

Bitte denken Sie bei allen Fragen an die letzten sechs Monate. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten.

Der Test ist ein Screening und keine Diagnose. Er zeigt, ob ein fachliches Gespräch sinnvoll wäre.

Grundlage und Quellen

  1. Bőthe B, Potenza MN, Griffiths MD, Kraus SW, Klein V, Fuss J, Demetrovics Z. The development of the Compulsive Sexual Behavior Disorder Scale (CSBD-19): An ICD-11 based screening measure across three languages. Journal of Behavioral Addictions. 2020;9(2):247–258. doi:10.1556/2006.2020.00034
  2. World Health Organization. ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder. Genf, 2025. icd.who.int
  3. Bőthe B, et al. The Compulsive Sexual Behavior Disorder Scale (CSBD-19): A Scoping Review of Validation Evidence from 22 Studies. Journal of Sex & Marital Therapy. 2026;52(2). doi:10.1080/0092623X.2026.2624384

Fragebogen: Compulsive Sexual Behavior Disorder Scale (CSBD-19), deutsche Fassung aus Appendix 2 der Originalpublikation, © 2020 die Autorinnen und Autoren, veröffentlicht unter CC BY 4.0. Für diese Seite an die Schweizer Rechtschreibung angepasst («ss» statt «ß»); die Items sind inhaltlich unverändert. Auswertung nach der Summenmethode der Originalarbeit (19–76 Punkte, Schwelle ab 50).

Der Satz, an dem die meisten Verdachtsfälle scheitern

In den diagnostischen Anforderungen zu 6C72 steht ein Satz, der in kaum einem Online-Test vorkommt:

Distress that is entirely related to moral judgments and disapproval about sexual impulses, urges, or behaviours is not sufficient to meet this requirement.

Übersetzt: Belastung, die ausschliesslich daraus entsteht, dass jemand sein eigenes sexuelles Verlangen moralisch ablehnt, genügt für die Diagnose nicht.

Das ist keine Nebenbemerkung. Die Forschung zur moralischen Inkongruenz zeigt seit Jahren, dass ein erheblicher Teil derjenigen, die sich selbst für süchtig halten, sich in Menge und Art ihres Verhaltens nicht von anderen unterscheidet. Was sie unterscheidet, ist der Abstand zwischen dem, was sie tun, und dem, was sie für richtig halten. Das Leiden daran ist echt und behandelbar. Eine zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung ist es nicht.

Ausführlich steht das in unserem Beitrag Wann ist Pornokonsum ein Problem?

Zwanghaftes Masturbieren

Eine eigene Diagnose dafür gibt es nicht. Wer nach «zwanghafter Masturbationsstörung» sucht, findet keinen Code, weil keiner existiert.

Die ICD-11 führt Masturbation als eine der Formen auf, in denen sich 6C72 zeigen kann — neben Sex mit anderen, Pornografiekonsum, Cybersex und Telefonsex. Die Diagnose richtet sich auf das Muster, nicht auf die Handlung. Ob jemand allein oder mit anderen, ob mit oder ohne Bildschirm: Die Fragen bleiben dieselben. Lässt es sich steuern? Was kostet es?

Dass so viele ausgerechnet nach diesem Begriff suchen, hat einen nachvollziehbaren Grund. Masturbation ist die Form, die am leichtesten unbemerkt bleibt und am ehesten Scham auslöst. Damit ist sie auch die Form, bei der moralische Ablehnung und tatsächlicher Kontrollverlust am schwersten auseinanderzuhalten sind — siehe den Abschnitt darüber.

Nymphomanie, Satyriasis, Hypersexualität

Diese Wörter stammen aus einer Klassifikation, die es so nicht mehr gibt. Die ICD-10 führte unter F52.7 das «gesteigerte sexuelle Verlangen», mit Nymphomanie und Satyriasis als Einschlussbegriffen — Nymphomanie für Frauen, Satyriasis für Männer.

Zwei Dinge sind daran bemerkenswert. Erstens war die Störung nach Geschlecht benannt, was medizinisch nichts erklärt und historisch viel. Zweitens stand im Namen die Menge: gesteigertes Verlangen. Zu viel Lust war das Problem.

Die ICD-11 hat beides aufgegeben. Der Name ist geschlechtsneutral, und im Zentrum steht nicht mehr die Menge, sondern die fehlende Steuerung. Wer heute «Nymphomanin» sagt, benutzt einen Begriff, den die Fachwelt vor Jahren aus guten Gründen abgelegt hat.

Hypersexualität wird weiterhin verwendet, als beschreibendes Wort für auffällig gesteigertes sexuelles Verhalten. Eine Diagnose ist es nicht. Der Vorschlag, eine «hypersexuelle Störung» in das amerikanische DSM-5 aufzunehmen, wurde abgelehnt.

Bei Frauen und bei Männern

Der Fragebogen misst in beiden Gruppen dasselbe — das wurde eigens geprüft. Die Werte selbst fallen unterschiedlich aus: Männer erreichen im Durchschnitt höhere Punktzahlen als Frauen.

Was daraus folgt, ist offen. Der Unterschied kann im Verhalten liegen, im Antwortverhalten oder darin, welche Formen von Sexualität überhaupt auffallen. Praktisch bedeutsam ist etwas anderes: Ein Schwellenwert gilt für alle gleich. Wer als Frau über der Schwelle liegt, liegt darüber.

Was es sonst sein kann

Wiederkehrendes, schwer steuerbares sexuelles Verhalten ist ein unspezifisches Zeichen. Bevor 6C72 in Frage kommt, gehört anderes geprüft:

  • Eine manische Episode. Gesteigertes sexuelles Verlangen ist ein häufiges Merkmal. Dann ist die Manie zu behandeln, nicht das Verhalten.
  • Eine Substanzwirkung. Manche Medikamente, besonders Dopaminagonisten, lösen genau dieses Bild aus. Auch Stimulanzien und Alkohol gehören angesehen.
  • Eine Zwangsstörung. Sie sieht ähnlich aus und funktioniert anders: Dort treiben Angst und Neutralisierung, hier Verlangen. Die Behandlung unterscheidet sich entsprechend.
  • Eine Depression. Sexuelles Verhalten kann der Versuch sein, einen Zustand zu regulieren. Die Häufigkeit sagt dann wenig über Sexualität und viel über den Zustand.
  • Eine paraphile Störung. Die ICD-11 schliesst sie ausdrücklich aus dem Anwendungsbereich von 6C72 aus.

Diese Unterscheidungen kann kein Fragebogen treffen. Dafür braucht es ein Gespräch mit jemandem, der die Bilder kennt.

Was hilft

Für die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung gibt es keine Standardbehandlung, auf die sich die Forschung geeinigt hätte. Die beste verfügbare Evidenz liegt bei psychotherapeutischen Verfahren; dazu kommt, je nach Bild, die Behandlung dessen, was darunterliegt.

Am Anfang steht in jedem Fall eine Abklärung, die die Unterscheidungen aus dem vorigen Abschnitt trifft — und die klärt, ob es um Kontrollverlust geht oder um den Abstand zwischen Verhalten und Wertvorstellungen. Das sind verschiedene Wege.

Das Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie bildet Fachpersonen aus und behandelt selbst nicht. Im Verzeichnis stehen Sexualtherapeutinnen und Sexualtherapeuten, die für dieses Thema ausgebildet sind.


Wenn Sie nicht mehr weiterwissen, erreichen Sie die Dargebotene Hand rund um die Uhr unter 143, kostenlos und anonym. Bei akuter Gefahr wählen Sie 144.

Häufige Fragen

Ist Sexsucht eine anerkannte Krankheit?

Ab wie viel Sex gilt man als sexsüchtig?

Kann ein Online-Test eine Sexsucht feststellen?

Gibt es eine zwanghafte Masturbationsstörung?

Was ist aus dem Begriff Nymphomanie geworden?

Reicht es, wenn ich unter meinem Sexualverhalten leide?