Die Erregungsfunktion

Diffusion, Kanalisation und die Unterscheidung von Entladung und Orgasmus.

Sexocorporel / Die Erregungsfunktion

Die Erregungsfunktion umfasst den angeborenen Erregungsreflex und die Lernprozesse, die sich im Lauf des Lebens damit verbinden. Sexocorporel beschreibt sie über zwei Fähigkeiten, Diffusion und Kanalisation, und trennt begrifflich, was die Umgangssprache zusammenzieht: die orgastische Entladung und den Orgasmus.

Reflex und Lernen

Die Erregungsfunktion hat zwei Bestandteile.

Der Erregungsreflex aktiviert die Vasokongestion, also das Einströmen von Blut in Schwellkörper und Geschlechtsorgane, gesteuert vom unwillkürlichen Nervensystem. Gleichzeitig setzt er muskuläre Abläufe in Gang, die sich über Bewegung, Rhythmus und Muskeltonus beschreiben lassen. Der Reflex ist früh angelegt und beim männlichen Fötus bereits im Ultraschall zu beobachten.

Die Lernprozesse setzen ab dem fünften bis sechsten Lebensmonat an, sobald die muskulären Abläufe willentlich beeinflussbar werden.

Zwischen dem Erregungsreflex am Anfang und dem zweiten unwillkürlichen Geschehen am Ende, das in die Entladung mündet, liegt ein Raum. Diesen Raum machen Lernprozesse bewohnbar. Was dort gelernt wird, wirkt unmittelbar auf die Qualität des erotischen Handelns und Erlebens – deshalb spricht das Modell hier von direkten Kausalitäten.

Die Erregung selbst lässt sich nicht befehlen. Beeinflussbar ist sie nur über die muskulären Spannungen und rhythmischen Bewegungen, die sie begleiten. Das gilt für jede menschliche Ausdrucksform: Gehen, Sprechen, Musizieren, Tanzen beruhen ebenso auf dem Umgang mit diesen Grössen, und auf der Atmung.

Diffusion und Kanalisation

Zwei Fähigkeiten entscheiden darüber, was im Verlauf der Erregung möglich ist.

Diffusion ist die Fähigkeit, die sexuelle Erregung sich im Körper ausbreiten zu lassen. Nur über sie lassen sich Lustgefühle und das Erleben der Erregung intensivieren. Wer die Erregung im Genitalbereich festhält, spürt weniger, und zwar nicht aus psychischen Gründen, sondern weil die Erregung den Rest des Körpers gar nicht erreicht.

Kanalisation ist die Fähigkeit, die Erregung in den Genitalien zu bündeln. Sie ermöglicht es, den Punkt ohne Wiederkehr und damit die Entladung zu erreichen.

Die beiden sind kein Gegensatz, sondern eine Abfolge. Im wellenförmigen Erregungsmodus etwa breitet sich die Erregung zuerst über den ganzen Körper aus und wird dann wieder in den Genitalien gebündelt. Fehlt die Diffusion, bleibt das Erleben blass; fehlt die Kanalisation, bleibt die Entladung aus. Der Erregungsmodus einer Person zeigt, welche der beiden Fähigkeiten ausgebaut ist und welche nicht.

Entladung und Orgasmus: vier Begriffe

Diese Unterscheidung ist der praktisch folgenreichste Beitrag des Modells zur klinischen Sexologie. Sie erlaubt es, Anliegen zu benennen, die sonst unter einem einzigen Wort verschwinden.

Orgastische Entladung. Ein rein körperlicher Vorgang: rhythmische Kontraktionen der Beckenboden- und Bauchmuskulatur im Abstand von etwa 0,8 Sekunden. Beim Mann meist mit Ejakulation.

Orgastie. Die Fähigkeit, den Punkt ohne Wiederkehr und eine orgastische Entladung zu erreichen. Fehlt sie, spricht man bei Frauen von Anorgastie, bei Männern von Anejakulation. Eine Entladung ohne Ejakulation ist möglich, etwa aus medizinischen Gründen oder wenn sie bewusst unterdrückt wird.

Orgasmus. Ein komplexes psychophysiologisches Geschehen, bei dem die orgastische Entladung von intensivem Lusterleben begleitet ist.

Orgasmie. Die Fähigkeit, einen Orgasmus zu erreichen. Sie setzt Diffusion und Kanalisation voraus sowie die Fähigkeit, genital und emotional loszulassen. Die Übergänge von Orgastie zu Orgasmie sind fliessend.

Bei einer Anorgasmie fehlen die Lustgefühle, die Erregungssteigerung und Entladung begleiten. Manche Frauen haben eine orgastische Entladung, nehmen sie aber nicht wahr – oder spüren zwar Kontraktionen, deuten sie jedoch nicht als Entladung.

Was daraus für die Behandlung folgt

Die Klage «Ich komme nicht zum Orgasmus» kann sehr Verschiedenes bedeuten: eine fehlende Entladung, eine Entladung ohne Lust, oder eine Entladung, die nicht als solche erkannt wird. Jede dieser Möglichkeiten führt zu anderen Lernschritten. Ohne die begriffliche Trennung bleibt die Behandlung Versuch und Irrtum.

Die gute Nachricht des Modells ist zugleich seine praktische Behauptung: Die indirekte Beeinflussung des Erregungsreflexes über körperliche Lernprozesse steht grundsätzlich jeder Frau und jedem Mann offen.

Masterarbeiten zum Thema

Masterarbeiten am ISP Zürich zu Wahrnehmung, Lust und Entladung:

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Quellen: Chatton, D., Desjardins, J.-Y., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2005): La sexologie clinique basée sur un modèle de santé sexuelle. Psychothérapies 25(1), S. 3–19. – S. 8–11, zu Erregungsfunktion, Diffusion, Kanalisation und orgastischer Entladung · Desjardins, J.-Y., Chatton, D., Desjardins, L. & Tremblay, M. (2010): Le sexocorporel. La compétence érotique à la portée de tous. In: Crépault, C. u. a. (Hrsg.), La sexothérapie. Brüssel: De Boeck Supérieur, S. 63–102.

Autor: Ben Kneubühler, Geschäftsführer ISP Zürich · Stand: 3. September 2026