Kategorien
ISP Allgemein Sexualität

BDSM ist keine Diagnose

Fast die Hälfte der Befragten einer belgischen Bevölkerungsstudie hat schon einmal etwas getan, das unter BDSM fällt. Trotzdem halten viele es für ein Symptom. Was die Forschung zeigt, was die Diagnostik sagt und woran Fachpersonen den Unterschied zwischen einvernehmlicher Praxis und einem Problem erkennen.

Schwarze Lederriemen eines Floggers auf rotem Hintergrund, daneben zwei Kreuze aus schwarzem Klebeband
Foto: Anna Shvets, Pexels

Erstellt: 10. August 2026 Überarbeitet: 27. September 2026 Lesezeit: 10 Minuten Autor*in: Ben Kneubühler, Institutsleiter des ISP Zürich

BDSM steht für drei Wortpaare: Bondage und Discipline, Dominance und Submission, Sadism und Masochism. Gemeint ist ein weites Feld von Praktiken, in denen Machtgefälle, Fesselung, Rollen oder Schmerzempfinden Teil der Sexualität sind. Was diese Praktiken verbindet, ist nicht die Härte, sondern die Absprache: Sie werden verhandelt, begrenzt und können jederzeit abgebrochen werden.

Genau dieser Punkt geht in der öffentlichen Wahrnehmung meistens verloren. Wer BDSM für Gewalt hält, übersieht das Merkmal, das beides unterscheidet. Und wer es für eine Störung hält, liegt nach der aktuellen Klassifikation falsch.

Woher die Wörter kommen

Die Begriffe stammen aus der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts und tragen bis heute deren Blick mit sich.

Sadismus geht auf den Marquis de Sade zurück. Richard von Krafft-Ebing hält 1892 in der Psychopathia sexualis fest, der Ausdruck sei «nach dem berüchtigten Marquis de Sade» gebildet und in der französischen Literatur bereits eingebürgert gewesen.

Masochismus hat Krafft-Ebing selbst geprägt, nach dem Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, dessen Erzählungen, allen voran «Venus im Pelz», diese Konstellation schildern. In seinen Worten: «So genannt nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch, dessen Romane und Novellen die Darstellung dieser Perversion zum Lieblingsgegenstande haben.»

Sadomasochismus verbindet beides zu einem Begriff. In der ICD-10 steht er bis heute als eigene Diagnose F65.5 und meint dort sexuelle Aktivitäten mit «Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln». Im Alltag ist daraus «Sado-Maso» oder «SM» geworden.

BDSM ist jünger und stammt aus der Szene selbst, nicht aus der Medizin. Das Kürzel fasst die drei Begriffspaare zusammen und vermeidet das Wort Perversion. Kink wird im englischen Sprachraum als Sammelbegriff für nicht normative sexuelle Vorlieben verwendet und ist auch in die Forschung eingegangen, etwa in Untersuchungen zu «kink-oriented patients».

Der Unterschied zwischen den älteren und den jüngeren Begriffen ist kein sprachlicher Zufall. Die einen sind Diagnosen, die anderen Selbstbezeichnungen. Wer in einer Beratung «Sadomasochismus» sagt, ordnet ein; wer «BDSM» sagt, beschreibt.

Dazu kommen Wörter, die in Schilderungen ständig vorkommen und die man kennen sollte, um zu verstehen, wovon jemand spricht: Top für die führende und Bottom für die geführte Rolle, Switch für Menschen, die beides einnehmen, Session für die verabredete Begegnung, Vanilla für Sexualität ohne diese Elemente, Safeword für das Abbruchwort und Aftercare für die Zeit danach.

Wie verbreitet es ist

Die bisher gründlichste Bevölkerungsstudie stammt aus Belgien. Lien Holvoet und Kolleg*innen befragten 2017 Menschen aus vier Altersgruppen dazu, ob sie BDSM-bezogene Fantasien haben oder entsprechende Praktiken ausüben.

  • 46,8 Prozent hatten mindestens eine BDSM-bezogene Aktivität schon einmal ausgeübt.
  • Weitere 22 Prozent gaben an, davon zu fantasieren, ohne es umgesetzt zu haben.
  • 12,5 Prozent üben mindestens eine solche Aktivität regelmässig aus.
  • 26 Prozent bezeichnen sich als an BDSM interessiert, 7,6 Prozent als praktizierend.
  • Von den Interessierten wurde sich das 61,4 Prozent vor dem 25. Altersjahr bewusst.

Die Autor*innen ziehen daraus den Schluss, dass dieses Ausmass an Interesse gegen eine Pathologisierung spricht. Einschränkend gilt: eine Befragung in einem Land, ein Querschnitt, Selbstauskunft. Die Grössenordnung deckt sich aber mit Untersuchungen zu sexuellen Fantasien aus anderen Ländern.

Was die Klassifikation sagt

In der ICD-10 gab es die Diagnose «Sadomasochismus» unter den Störungen der Sexualpräferenz. Für die ICD-11 hat eine Arbeitsgruppe der WHO diesen Bereich neu geordnet. Das Ergebnis beschreiben Geoffrey Reed und Kolleg*innen 2016 in World Psychiatry so: Die Einteilung der paraphilen Störungen unterscheidet neu zwischen Mustern, die für die öffentliche Gesundheit und die klinische Psychopathologie bedeutsam sind, und solchen, die privates Verhalten betreffen.

Entscheidend ist damit nicht, was zwei Erwachsene miteinander tun, sondern ob eine nicht einwilligende Person betroffen ist oder ob erheblicher Leidensdruck oder eine ernsthafte Gefahr besteht. Einvernehmliche Praxis unter Erwachsenen erfüllt diese Bedingungen nicht.

Für die Praxis heisst das: Wer in einer Beratung von BDSM erzählt, nennt damit keinen Befund. Die Frage ist dieselbe wie bei jedem anderen sexuellen Thema: Passt es zu dem, was diese Person will, und richtet es Schaden an?

Was die Persönlichkeitsforschung zeigt

Andreas Wismeijer und Marcel van Assen verglichen 2013 in einer niederländischen Untersuchung 902 Praktizierende mit 434 Personen einer Kontrollgruppe. Die Praktizierenden waren im Mittel weniger neurotisch, extravertierter, offener für Erfahrungen, gewissenhafter und weniger empfindlich gegenüber Zurückweisung, und sie berichteten ein höheres subjektives Wohlbefinden. In einer Eigenschaft schnitten sie ungünstiger ab: Sie waren weniger verträglich. Die Autoren fassen zusammen, BDSM lasse sich eher als Freizeitinteresse verstehen denn als Ausdruck psychopathologischer Prozesse.

Auch hier gehört die Einschränkung dazu. Die Teilnehmenden wurden über einschlägige Plattformen gewonnen, sie haben sich selbst gemeldet, und ein Querschnitt sagt nichts über Ursachen. Was die Studie zeigt, ist trotzdem eindeutig genug: Die Annahme, hinter solchen Vorlieben stehe regelmässig eine psychische Störung, hält der Prüfung nicht stand.

Warum das in der Versorgung zählt

Die Folgen der gegenteiligen Annahme sind untersucht. Jess Waldura und Kolleg*innen befragten 2016 in San Francisco 115 Personen aus der Kink-Szene zu ihren Erfahrungen im Gesundheitswesen. Berichtet wurden Erlebnisse, die Fachpersonen kennen sollten: Spuren am Körper werden als Hinweis auf häusliche Gewalt gelesen, sexuelle Praktiken als Symptom gedeutet, und viele erzählen deshalb gar nichts mehr.

Wer nicht erzählt, kann auch nicht beraten werden. Damit fallen die Fragen weg, bei denen Fachwissen wirklich hilft: Wie vermeide ich Nervenschäden beim Fesseln? Was tun bei einem Stimmungstief nach einer intensiven Szene? Wie spreche ich mit meiner Partnerin darüber, dass mir etwas zu weit ging?

Konsens ist der Unterschied, und er ist überprüfbar

In der Szene selbst kursieren zwei Kürzel, die keine Forschungsbegriffe sind, aber gut beschreiben, worum es geht: «safe, sane, consensual» und «risk-aware consensual kink». Beide meinen dasselbe Grundgerüst.

  • Vorher verhandeln: Was ist erwünscht, was ist tabu, wie lange, mit welchen Hilfsmitteln.
  • Ein Abbruchwort: ein Wort, das die Szene sofort beendet, auch ohne Begründung. Für Situationen, in denen Sprechen nicht möglich ist, ein vereinbartes Zeichen.
  • Rollen bleiben Rollen: Die Machtverteilung gilt für die Szene, nicht für die Beziehung.
  • Nachher: Zeit für das, was in der Szene Aftercare heisst, und ein Gespräch darüber, was gut war und was nicht.

Das ist derselbe Gedanke, der auch dem revidierten Sexualstrafrecht zugrunde liegt, nur ausdrücklicher ausgesprochen: Es zählt der Wille der beteiligten Person, und er kann jederzeit widerrufen werden. Was daraus für den Unterricht folgt, steht im Beitrag «Nein heisst Nein» und was das für den Unterricht bedeutet.

Auch Absprachen werden verletzt

Wer Konsens zum Unterscheidungsmerkmal erklärt, muss den zweiten Teil mitsagen: Auch in diesem Feld werden Absprachen gebrochen. Die amerikanische National Coalition for Sexual Freedom befragte 2015 Menschen aus der Szene zu nicht einvernehmlichen Erfahrungen. Von 1’041 Personen, die eine solche Erfahrung gemacht hatten, gingen weniger als drei Prozent zur Polizei. Das ist eine Verbandsbefragung mit Selbstauswahl, keine Bevölkerungsstudie; die Grössenordnung ist trotzdem aussagekräftig.

Woran das liegt, zeigt eine qualitative Untersuchung von Tammy Ling und Kolleg*innen, 2022 in Archives of Sexual Behavior erschienen. Sie wertete 67 Schilderungen aus und fand als durchgehendes Thema die Frage, ob man einen Vorfall überhaupt melden kann, ohne die eigene Lebensweise erklären oder verteidigen zu müssen.

Für die Praxis folgt daraus zweierlei. Erstens: Wer in diesem Zusammenhang Gewalt erlebt hat, rechnet oft damit, dass die Schilderung gegen ihn verwendet wird. Die erste Frage gilt deshalb nicht der Praktik, sondern dem, was abgemacht war und was davon gebrochen wurde. Zweitens: Rechtlich gilt nichts anderes als sonst. Eine sexuelle Handlung gegen den Willen einer Person ist strafbar, ob sie in einer Session stattfindet oder nicht.

Rechtlich gilt in der Schweiz eine Grenze, die auch mit Einwilligung bestehen bleibt: Eine Einwilligung deckt nicht jede Verletzung. Wo eine Handlung zu einer schweren Körperverletzung führt, hilft das Einverständnis nicht weiter. Für die Beratung heisst das nicht, dass man Recht doziert, sondern dass Verletzungsrisiken zur Sprache gehören.

Wann Beratung oder Therapie sinnvoll ist

Nicht wegen BDSM. Sondern dann, wenn eines davon zutrifft:

  • Es belastet. Scham, Angst vor Entdeckung, das Gefühl, mit den eigenen Wünschen nicht in Ordnung zu sein.
  • Das Paar ist uneinig. Eine Person möchte, die andere nicht, und beide reden nur noch über das Ob statt über das Wie.
  • Die Absprachen tragen nicht mehr. Grenzen werden überschritten, das Abbruchwort wird ignoriert, jemand fühlt sich nachher regelmässig schlecht.
  • Es wird zwanghaft. Zeitaufwand, Eskalation, Kontrollverlust. Dann geht es nicht um die Vorliebe, sondern um das Muster; die Abgrenzung beschreibt der Beitrag zur zwanghaften sexuellen Verhaltensstörung.
  • Es gibt Verletzungen oder gesundheitliche Folgen.
  • Eine Vorgeschichte spielt hinein. Nach sexualisierter Gewalt kann dieselbe Praxis für die eine Person ein Weg zur Selbstwirksamkeit sein und für die andere eine Wiederholung. Das gehört sorgfältig angeschaut, nicht pauschal beantwortet.

Im körperbezogenen Modell Sexocorporel, nach dem wir am ISP arbeiten, geht es dabei nicht um die Bewertung einer Vorliebe, sondern um die Frage, welche Fähigkeiten jemand in seiner Erregung einsetzt und ob diese Art zu erregen für ihn funktioniert. Eine Fachperson mit sexologischer Ausbildung findet man im Verzeichnis.

Was Fachpersonen brauchen

Meistens kein Spezialwissen über Praktiken, sondern drei Dinge: eine Haltung, die nicht zusammenzuckt, eine Sprache für das Thema, und genug Kenntnis der Begriffe, um eine Schilderung einzuordnen. Wer zusammenzuckt, erfährt den Rest der Geschichte nicht.

Genau dafür gibt es am ISP den Vertiefungstag BDSM und alternative Sexualität in der Sexualtherapie, ein Tagesseminar für Studierende und interessierte Fachpersonen, nächster Termin Sonntag, 11. Oktober 2026 am Grossmünsterplatz in Zürich.

Häufige Fragen

Ist BDSM eine psychische Störung?

Nein. Die ICD-11 unterscheidet bei den paraphilen Störungen zwischen Mustern, die klinisch bedeutsam sind, und solchen, die privates Verhalten betreffen. Entscheidend sind eine nicht einwilligende Person, erheblicher Leidensdruck oder eine ernsthafte Gefahr. Einvernehmliche Praxis unter Erwachsenen erfüllt das nicht.

Wie viele Menschen praktizieren BDSM?

In einer belgischen Bevölkerungsstudie hatten 46,8 Prozent mindestens eine BDSM-bezogene Aktivität schon einmal ausgeübt, 12,5 Prozent tun es regelmässig, und 7,6 Prozent bezeichnen sich selbst als praktizierend.

Sind Menschen, die BDSM praktizieren, psychisch belasteter?

Die Datenlage spricht dagegen. In einem Vergleich von 902 Praktizierenden mit 434 Kontrollpersonen waren die Praktizierenden im Mittel weniger neurotisch, extravertierter, offener und weniger empfindlich gegenüber Zurückweisung, mit höherem subjektivem Wohlbefinden.

Wo verläuft die Grenze zwischen BDSM und Gewalt?

Bei der Einwilligung, und zwar bei einer Einwilligung, die informiert ist und jederzeit zurückgenommen werden kann. Wird ein Abbruchwort ignoriert oder eine Absprache übergangen, ist die Grenze überschritten. Zudem deckt eine Einwilligung rechtlich nicht jede Verletzung.

Wann sollte man wegen BDSM eine Beratung aufsuchen?

Wenn es belastet, wenn ein Paar sich darüber nicht verständigen kann, wenn Absprachen nicht mehr halten, wenn es zwanghaft wird oder wenn Verletzungen auftreten. Die Vorliebe allein ist kein Grund.

Wie spricht eine Fachperson das Thema an?

Offen und ohne Deutung: fragen, was die Person selbst daran gut findet, was sie beunruhigt, und wie die Absprachen aussehen. Wer eine Praxis sofort einordnet, bekommt keine zweite Schilderung.

Quellen

  • Krafft-Ebing, R. von (1892): Psychopathia sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung, 7. Auflage, Stuttgart: Ferdinand Enke, S. 89 f., archive.org
  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM, F65.5 Sadomasochismus, klassifikationen.bfarm.de
  • Holvoet, L., Huys, W., Coppens, V., Seeuws, J., Goethals, K. & Morrens, M. (2017): Fifty Shades of Belgian Gray: The Prevalence of BDSM-Related Fantasies and Activities in the General Population. The Journal of Sexual Medicine 14(9), 1152–1159, doi:10.1016/j.jsxm.2017.07.003
  • Wismeijer, A. A. & van Assen, M. A. (2013): Psychological characteristics of BDSM practitioners. The Journal of Sexual Medicine 10(8), 1943–1952, doi:10.1111/jsm.12192
  • Reed, G. M., Drescher, J., Krueger, R. B. u. a. (2016): Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD-11: revising the ICD-10 classification based on current scientific evidence, best clinical practices, and human rights considerations. World Psychiatry 15(3), 205–221, doi:10.1002/wps.20354
  • Ling, T. J., Geiger, C. J., Hauck, J. M., Daquila, S. M., Pattison, J. E., Wright, S. & Stambaugh, R. (2022): BDSM, Non-Monogamy, Consent, and Stigma Navigation: Narrative Experiences. Archives of Sexual Behavior 51(2), 1075–1089, doi:10.1007/s10508-021-02191-6
  • National Coalition for Sexual Freedom: Consent Violations Survey 2015, zitiert im Programm Consent Counts, ncsfreedom.org
  • Waldura, J. F., Arora, I., Randall, A. M., Farala, J. P. & Sprott, R. A. (2016): Fifty Shades of Stigma: Exploring the Health Care Experiences of Kink-Oriented Patients. The Journal of Sexual Medicine 13(12), 1918–1929, doi:10.1016/j.jsxm.2016.09.019

Weiterlesen

Ben Kneubühler, MSc, ist Institutsleiter des ISP Zürich und ehemaliger Studiengangsleiter des Diplomlehrgangs Sexualpädagogik. Er ist Psychotherapeut, Sexologe und in der Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen tätig.

Ben Kneubühler
Ben Kneubühler

Von Ben Kneubühler

Ben Kneubühler, MSc, ist Institutsleiter des ISP Zürich und ehemaliger Studiengangsleiter des Diplomlehrgangs Sexualpädagogik. Er ist Psychotherapeut, Sexologe und in der Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen tätig.