Berufsbilder Paartherapie mit sexologischem Schwerpunkt
Paartherapeutinnen und Paartherapeuten begleiten Paare bei Konflikten, Distanz und Krisen. Die meisten Paare bringen auch ein sexuelles Thema mit, und die meisten Paartherapie-Ausbildungen behandeln Sexualität am Rand. Diese Seite ist für Menschen, die mit Paaren arbeiten und diese Lücke schliessen wollen.
Kurz vorweg, damit die Erwartung stimmt: Die Arbeit mit Paaren ist am ISP ein fester und grosser Bestandteil des Diplomlehrgangs Sexualtherapie: ein ganzes Modul und eine von drei Pflichtfallstudien. Für die paartherapeutische Methode selbst braucht es zusätzlich eine kompakte Weiterbildung, etwa in systemischer Paartherapie oder EFT. Beides zusammen ergibt ein Profil, das im Feld selten ist.
Auf dieser Seite: Warum · Was fehlt · Ein Arbeitstag · Wo man arbeitet · Voraussetzungen · Verdienst · Der Weg · Abgrenzung
Warum dieser Weg
Paare trennen sich selten wegen des Sex. Sie trennen sich, weil sie zwei Jahre lang nicht darüber sprechen konnten und jeder für sich eine Erklärung gefunden hat: Sie liebt mich nicht mehr. Er findet mich nicht mehr attraktiv. Bei uns ist etwas kaputt.
Meistens stimmt keine dieser Erklärungen. Es fehlte nur jemand, der die Frage stellt, die beide nicht stellen konnten.
Wer diese Frage stellen kann, verändert für ein Paar mehr als jede Kommunikationsübung. Und es ist eine Kompetenz, die im Feld selten ist, nicht weil sie schwer zu lernen wäre, sondern weil kaum eine Ausbildung sie vermittelt.
Was in der Paararbeit meistens fehlt
Ein Paar sitzt seit Monaten in der Therapie. Kommunikation, Rollenverteilung, Herkunftsfamilien: alles bearbeitet. Was nicht bearbeitet wurde: dass sie seit zwei Jahren keinen Sex mehr haben und beide nicht wissen, wie sie darüber reden sollen.
Die Therapeutin auch nicht; ihre Ausbildung hat das Thema in zwei Nachmittagen abgehandelt.
Diese Lücke ist der Grund für diese Seite. Sie lässt sich schliessen, und zwar in beide Richtungen: Wer aus der Paartherapie kommt, ergänzt die sexologische Kompetenz. Wer am ISP abschliesst und vertieft mit Paaren arbeiten will, ergänzt eine Paartherapie-Zusatzausbildung.
Ein Arbeitstag
- 9.15 Uhr. Ein Paar, elf Jahre zusammen, seit zwei Jahren kaum noch Sex. Beide vermuten das Problem beim anderen. Die erste Stunde dient nicht der Lösung, sondern der Sprache. Die meisten Menschen haben nie gelernt, über ihre Sexualität zu sprechen, und Paare am wenigsten miteinander.
- 11.00 Uhr. Dasselbe Paar, dritte Sitzung, getrennt. Was in der gemeinsamen Sitzung nicht gesagt werden kann, wird hier sagbar. Danach entscheidet sich, was zurück in die gemeinsame Sitzung darf.
- 14.00 Uhr. Ein Paar mit unterschiedlichem Verlangen. Das ist die häufigste Konstellation überhaupt und kein Störungsbild. Die Arbeit besteht darin, sie von einem Vorwurf in eine Tatsache zu verwandeln.
- 16.30 Uhr. Intervision. Paararbeit an sexuellen Themen ist der Bereich, in dem eigene Anteile am schnellsten mithineinspielen.
Wo man arbeitet
- In eigener Praxis, meist zuerst neben dem bisherigen Beruf.
- In einer bestehenden Paarpraxis, als die Person, die das sexuelle Thema übernimmt. Kooperationen dieser Art entstehen häufig, weil viele Paartherapeut:innen genau hier an ihre Grenze stossen.
- In Beratungsstellen für Paare und Familien.
- In Kooperation mit der Medizin, mit Kinderwunschmedizin, Gynäkologie und Urologie. Paare, bei denen körperliche Ursachen ausgeschlossen sind, brauchen jemanden, der weitermacht.

Was man mitbringen muss
Eine abgeschlossene Berufslehre oder Maturität und mindestens ein Jahr Berufserfahrung. Ein Hochschulstudium ist nicht nötig.
Wer bereits paartherapeutisch ausgebildet ist, bringt die Beziehungsseite mit und ergänzt die sexologische. Wer aus Pflege, Sozialer Arbeit, Medizin oder Pädagogik kommt, beginnt bei beidem.
Dazu die Bereitschaft, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen. Der Lehrgang enthält Selbsterfahrung, weil man Paare nicht dorthin begleiten kann, wo man selbst nicht war.
Was man verdient
CHF 160 bis 250 pro Sitzung ist der übliche Rahmen für sexual- und paartherapeutische Arbeit in der Schweiz.
Eine Praxis trägt nicht ab dem ersten Tag. Die meisten beginnen mit einem oder zwei Tagen pro Woche neben der bisherigen Anstellung und bauen über zwei bis drei Jahre auf. Wer das anders darstellt, verkauft eine Illusion.
Der Weg dorthin
Der Diplomlehrgang Sexualtherapie am ISP führt dorthin. August 2027 bis Juli 2030, CHF 32’500, berufsbegleitend. Die Durchführung von ST27 ist gesichert.
Paararbeit ist darin kein Randthema:
- Modul 5 heisst «Sexualberatung mit Paaren», August 2029 bis Januar 2030, drei aufeinander aufbauende Blöcke.
- Modul 2 behandelt die Beziehungsaspekte des Modells sexueller Gesundheit.
- Eine der drei Pflichtfallstudien ist mit einem Paar, begleitet von zwei Fallsupervisionen.
- Die Übungsblöcke enthalten Beziehungsgestaltung als eigenes Thema.
Gearbeitet wird körperbezogen nach dem Modell Sexocorporel. Das trägt am ISP alle Felder, nicht nur die Therapie.
Der zweite Weg führt über den Master of Arts in Sexologie. Er vermittelt dieselbe sexologische Grundlage auf akademischer Stufe und setzt einen Bachelorabschluss voraus. Wer ihn mitbringt und ohnehin wissenschaftlich arbeiten will, kommt über den Master ans selbe Ziel. Wer keinen Hochschulabschluss hat, nimmt den Diplomlehrgang; dort genügen Berufslehre oder Maturität mit einem Jahr Berufserfahrung.
Was der Lehrgang abdeckt und was dazukommt
- Was zusätzlich nötig ist: eine Weiterbildung in einer paartherapeutischen Methode: systemische Paartherapie, EFT oder ein vergleichbarer Ansatz. Der Umfang ist erheblich. Eine EFT-Zertifizierung verlangt neben den Kursblöcken supervidierte Fallarbeit über mehrere Jahre, anerkannte systemische Curricula bewegen sich in derselben Grössenordnung. Kürzere Einstiegsformate gibt es, sie ersetzen die Qualifikation aber nicht.
- Warum diese Reihenfolge Sinn ergibt: Die meisten kommen umgekehrt. Sie haben die Paarmethode und stossen an die Grenze, sobald Sexualität aufkommt. Wer mit der sexologischen Ausbildung beginnt, hat den selteneren Teil zuerst. Und wer bereits paartherapeutisch ausgebildet ist, ergänzt hier genau das, was in der eigenen Ausbildung in zwei Nachmittagen abgehandelt wurde.
- Nicht enthalten ist eine psychotherapeutische Qualifikation. Wer Paartherapie mit Krankenkassenabrechnung und Störungsbehandlung nach ICD anbieten will, braucht dafür eine Psychotherapieausbildung.
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