Sexualtherapeut:in werden

Berufsbilder Sexualtherapeut:in werden

Sexualtherapeutinnen und Sexualtherapeuten begleiten Menschen und Paare bei sexuellen Anliegen: von Lustlosigkeit über Schmerzen bis zu Fragen nach Erregung, Identität und Beziehung. In der Schweiz braucht es dafür kein Psychologiestudium.

Auf dieser Seite: Warum · Ein Arbeitstag · Wo man arbeitet · Voraussetzungen · Verdienst · Der Weg · Beratung oder Therapie

Warum Menschen diesen Beruf ergreifen

Eine Frau, Mitte vierzig, hat seit sechs Jahren Schmerzen beim Sex. Sie war bei drei Ärztinnen. Alle haben gesagt, es sei körperlich alles in Ordnung. Damit war die Behandlung jedes Mal zu Ende, und sie ging mit dem Gefühl nach Hause, sich das Ganze einzubilden.

Sie hat in sechs Jahren niemanden getroffen, der weitergefragt hat.

Das ist der Grund für diesen Beruf. Das Problem ist nicht, dass zu wenig behandelt würde. Sexuelle Themen brechen an einer Stelle ab, an der jemand weitermachen könnte. Menschen richten ihr Leben um ein Problem herum ein, über das nie jemand mit ihnen gesprochen hat: Sie weichen Nähe aus, sie erklären es sich als Charakterfehler, sie trennen sich, oder sie schweigen dreissig Jahre.

Wer diesen Beruf lernt, wird die Person, bei der es nicht abbricht. Das klingt klein. Für die Frau mit den Schmerzen ist es die erste Stunde seit sechs Jahren, in der jemand das Richtige fragt.

Ein Arbeitstag

  • 9.15 Uhr, Erstgespräch. Eine Frau, Mitte vierzig, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Die gynäkologische Abklärung war unauffällig, und damit endete für sie bisher jede Behandlung. Heute geht es um Atmung, Beckenboden und darum, was ihr Körper gelernt hat.
  • 11.00 Uhr. Ein Mann, 29, überzeugt, mit ihm stimme etwas nicht. Diese Stunde ist zu weiten Teilen Aufklärung: Vieles, was er für eine Störung hält, ist Variation.
  • 14.00 Uhr. Ein Paar in der vierten Sitzung. Die Arbeit hat sich verschoben, vom Symptom zur Frage, wie die beiden überhaupt miteinander in Kontakt kommen.
  • 16.30 Uhr, Intervision. Ein Fall, der nicht vorangeht. Wer in diesem Feld arbeitet, arbeitet nicht allein.

Wo man arbeitet

  • In eigener Praxis, der häufigste Weg, meist zuerst neben dem bisherigen Beruf.
  • Angestellt in Beratungsstellen, Therapiepraxen und Kliniken. Solche Stellen sind selten ausgeschrieben. Sie entstehen dort, wo eine Institution merkt, dass ihr die Zuständigkeit für sexuelle Fragen fehlt.
  • In Kooperation mit der Medizin. Urologie und Gynäkologie überweisen, wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind. Dasselbe gilt für Onkologie, Kinderwunschmedizin und Rehabilitation.
  • In Pflege und Langzeitbetreuung als Fachperson für sexuelle Gesundheit, einschliesslich Schulungen für Teams.
  • Als Coach für Paare, mit Schwerpunkt Sexualität und Beziehung.

Was man mitbringen muss

  • Formal: eine abgeschlossene Berufslehre oder Maturität und mindestens ein Jahr Berufserfahrung. Ein Hochschulstudium ist nicht nötig, anders als die meisten annehmen.
  • Persönlich: Geduld, weil sexuelle Themen Vertrauen brauchen und Vertrauen Zeit. Und die Bereitschaft, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen. Der Lehrgang enthält Selbsterfahrung, weil man Menschen nicht dorthin begleiten kann, wo man selbst nicht war.
Heller Raum mit Sitzgelegenheit und Tisch

Was man verdient

CHF 160 bis 250 pro Sitzung ist der übliche Rahmen in der Schweiz.

Eine Praxis trägt nicht sofort. Die meisten beginnen mit einem oder zwei Tagen pro Woche neben der Anstellung und bauen über zwei bis drei Jahre auf.

Der Weg dorthin

Der Diplomlehrgang Sexualtherapie am ISP führt dorthin. August 2027 bis Juli 2030, CHF 32’500, berufsbegleitend. Die Durchführung von ST27 ist gesichert.

Der Abschluss heisst «Dipl. Sexualtherapeut*in ISP». Der Lehrgang ist vom Fachverband für Sexologie Schweiz anerkannt und führt zum geschützten Fachtitel «Sexolog:in FSS, Diplomlehrgang Sexualtherapie (ISP)». Wer noch in Ausbildung ist, führt denselben Titel mit dem Zusatz «i.A.».

Gearbeitet wird körperbezogen nach dem Modell Sexocorporel. Am ISP trägt diese Methodik alle vier Felder, auch Sexualpädagogik und die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung.

Der zweite Weg führt über den Master of Arts in Sexologie. Er deckt alle vier Felder ab, auf akademischer Stufe, und setzt einen Bachelorabschluss voraus. Wer keinen Hochschulabschluss mitbringt, nimmt den Diplomlehrgang.

Der Lernweg besteht aus Wissen, Übung, Selbsterfahrung, Fallarbeit und Supervision. Im Verlauf entstehen drei Fallstudien, je eine mit einem Mann, einer Frau und einem Paar.

Beratung oder Therapie?

Die Grenze ist fliessend. Sexualberatung setzt bei Fragen, Unsicherheit und Orientierung an. Sexualtherapie setzt bei Leidensdruck und Störungsbildern an.

Am ISP führt derselbe Lehrgang zu beidem: Modul 2 heisst «Interdisziplinäre Grundlagen der Sexualberatung», Modul 5 «Sexualberatung mit Paaren». Wer nur beraten will, braucht keine zweite Ausbildung; wer therapieren will, findet beides im selben Lehrgang.

Nicht dasselbe ist Sexualbegleitung. Das ist ein eigener Beruf, in dem körperliche Nähe Teil der Dienstleistung ist, meist im Kontext von Behinderung. Das ISP bildet dafür nicht aus. Wie sich Sexualassistenz, Sexualbegleitung und sexuelle Bildung voneinander unterscheiden, steht auf einer eigenen Seite.

Sie suchen eine Fachperson?

Diese Seite beschreibt den Beruf und den Weg dorthin. Wenn Sie selbst eine Begleitung suchen, führen unsere Verzeichnisse zu Fachpersonen, die am ISP abgeschlossen haben.

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